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»Blüten« in der Hand gehabt

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Traunstein – Dutzendweise gefälschte 50-Euro-Scheine brachte ein 31 Jahre alter Mann aus Stephanskirchen im Raum Rosenheim wohl nicht unter die Leute. Allerdings hatte er einige der »Blüten«, die ihm jemand zeigte, in der Hand und wusste deshalb offenbar, dass es sich um Falschgeld handelte. Es waren sogenannte »Kopiefälschungen« mit stets der gleichen Seriennummer. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verhängte gestern wegen »Nichtanzeige einer geplanten Straftat« eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 30 Euro, somit von 4500 Euro.


Folge einesVerfahrens gegen zwei Dutzend Verdächtige

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Der gestrige Prozess war Folge eines großen Ermittlungsverfahrens des Landeskriminalamts München gegen rund zwei Dutzend Tatverdächtige im Raum Rosenheim. Zahlreiche Beteiligte wurden festgenommen und einige, unter ihnen mehrere der gestrigen Zeugen, inzwischen rechtskräftig verurteilt. Die Anklage von Staatsanwalt Christopher Lang gegen den 31-Jährigen umfasste einen Falschgeldfall vor dem 22. September 2013. Im Raum Rosenheim soll der Angeklagte seinem Freund 16 gefälschte 50-Euro-Scheine mit der Nummer X7233457651 übergeben haben. Im Oktober 2013 soll der Angeklagte einem anderen Mann 25 Falschnoten ausgehändigt haben. Mit zehn davon sollen Drogen für den 31-Jährigen gekauft worden sein.

Der Freund des 31-Jährigen, ein 28-jähriger Kolbermoorer, gab vor Gericht an, seine Aussage in der eigenen Hauptverhandlung im Mai 2014 vor dem Amtsgericht Rosenheim habe nicht gestimmt. Die falschen Noten habe er nicht vom Angeklagten, sondern von jemand anderem bekommen: »Sie wurden mir untergejubelt. Von wem, weiß ich nicht. Wann das war, habe ich vergessen.« Der Vorsitzende Richter zitierte den 31-Jährigen: »Er sagt, sie hätten ihm einen Packen Geld gezeigt, in dem Falschgeld war.« Auch davon wollte der Zeuge nichts wissen. Als Fuchs das »schlechte Gedächtnis« ansprach, erwiderte der 28-Jährige: »Für mich ist das abgeschlossen.«

Zwei weitere Zeugen beharrten darauf, keine Angaben zu machen – um sich durch wahrheitsgemäße Angaben nicht selbst belasten zu müssen. Einer von ihnen, ein früherer Hauptbelastungszeuge aus Rosenheim und derzeit in gleicher Sache in Strafhaft, riskierte damit ein neues Ermittlungsverfahren wegen »falscher Verdächtigung« und wegen »Freiheitsberaubung« an dem fünf Monate in Untersuchungshaft sitzenden 31-Jährigen.

»Blüten« stammten angeblich von den Hells Angels

Nach Worten des Vorsitzenden Richters wurde dem damaligen Angeklagten und gestrigen Zeugen die Aufklärungshilfe durch Nennen des 31-Jährigen als Lieferant des Falschgelds für ein Drogengeschäft vom Schöffengericht Rosenheim im Sommer 2014 strafmildernd angerechnet. Der zweite Zeuge, der jegliche Angaben verweigerte, erschien gleich mit Rechtsbeistand. Lediglich ein 19-jähriger Zeuge räumte gestern ein, gefälschte Fünfziger für den Kauf von »Gras« erhalten zu haben – allerdings nicht von dem 31-Jährigen, sondern von dem Rosenheimer. Das Gerücht sei umgegangen, die »Blüten« stammten aus Kreisen der Hells Angels.

Ein Ermittler vom Bayerischen Landeskriminalamt schilderte seine umfangreichen Erkenntnisse. Die Herkunft des Falschgelds von den Hells Angels sei nicht bewiesen: »Aus polizeilicher Erfahrung ist diese Behauptung ein bisschen gewagt.« Die mutmaßlich aus dem Ausland importierten 50-Euro-Falsifikate seien zunächst gescannt und dann gedruckt worden. Sie könnten mit jedem halbwegs guten Drucker angefertigt werden.

Die Seriennummer sei stets die gleiche. Dazu der Sachverständige vom LKA: »Bei professioneller Fälschung werden fortlaufende Nummern verwendet.« Auf einigen Scheinen, mit denen zum Beispiel in einem Restaurant und in einer Metzgerei bezahlt worden sei, seien Genspuren verschiedener Leute, auch des 31-Jährigen, entdeckt worden. Eine DNA-Sachverständige betonte gestern, das vom Angeklagten zugegebene »flüchtige Berühren« von Geldscheinen könne Genspuren auf den Falsifikaten verursachen. Über frühere Drogenprobleme des 31-Jährigen informierte der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee. Der Angeklagte habe sich inzwischen von Betäubungsmitteln abgewandt und sei hinsichtlich der aktuellen Vorwürfe voll schuldfähig.

Staatsanwalt Christopher Lang hob im Plädoyer heraus, lediglich die Nichtanzeige einer geplanten Straftat sei nachweisbar. 15 Monate Haft ohne Bewährung seien angesichts zum Beispiel offener Bewährung tat- und schuldangemessen. Das Beweisergebnis reiche nicht aus, seinen Mandanten zu verurteilen, argumentierte Verteidiger Jörg Sklebitz aus München. Der 31-Jährige habe gewarnt, die Blüten in Verkehr zu bringen. Freispruch zulasten der Staatskasse sei die Konsequenz.

Angeklagter hätte Anzeige erstatten müssen

Im Urteil unterstrich der Vorsitzende Richter, die Einlassung des Angeklagten sei nicht zu widerlegen. Allerdings hätte der 31-Jährige Anzeige erstatten müssen, damit das Falschgeld nicht in Umlauf gerate. Dass er geraten habe, die Scheine nicht in den Verkehr zu bringen, sei nicht glaubwürdig. Zumindest liege ein bedingter Vorsatz vor. Hinsichtlich der ursprünglichen Vorwürfe ergehe Freispruch. Dass der 31-Jährige jemand Falschgeld überlassen habe, könne nicht bewiesen werden. kd