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»Im Casino fühlte ich mich sicher«

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Aus Geldnot und Spielsucht überfiel der letzte Gast, ein 46-jähriger Kfz-Meister aus Rohrdorf, in der Nacht zum 11. März 2016 das Spielcasino Bad Reichenhall. Seine Beute: 55 600 Euro. Den geständigen Räuber verurteilte die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Jürgen Zenkel am gestrigen Montag wegen schwerer räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren.


Der 46-Jährige hatte sich vor 20 Jahren in Bad Reichenhall sowie in allen Casinos in Deutschland und Österreich sperren lassen. Er gründete eine Firma mit vier Angestellten. Trotzdem ging es wieder los mit dem Glücksspiel. Monatelang pendelte er in die Tschechei. Mit dem Ausweis von einem seiner Angestellten erhielt er etwa vor zwei Jahren in Bad Reichenhall problemlos eine Eintrittskarte. Dabei hatte er keine Ähnlichkeit mit dem Perso-Inhaber. Wochenlang spielte er um hohe Summen, gewann bis zu 100 000 Euro. Nur einmal wurde er nach dem Ausweis gefragt. Der Saalchef kam damals zu der Szene. Danach erhielt der Stammgast mit falschem Namen die »goldene VIP-Karte« mit gratis Eintritt, Essen und Getränken.

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»Spielsüchtige haben sich nicht im Griff«

In der Folgezeit habe er »eine persönliche Beziehung zu den Mitarbeitern aufgebaut«, sagte der Angeklagte. Nach der Inhaftierung habe er die Spielbank informiert, mindestens drei Besucher seien unter falscher Identität dort aktiv. Er versicherte: »Ich bin ein guter Mensch. Spielsüchtige haben sich nicht im Griff. Die verlieren alles. Das gehört unterbunden. Ich habe an das Ministerium geschrieben.« Dazu der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel: »Bevor Sie zum Robin Hood werden – warum haben Sie den Überfall verübt?«

Der Familienvater gab an, er habe wegen der Spielsucht alles verloren und zwei Millionen Euro Schulden. Nur beim Spielen fühlte er sich sicher: »Dann war ich ruhig – wie in einer Glocke, in der die Glückseligkeit drin ist.« Der Angeklagte sprach von »großem Suchtdruck«. Ständig habe er zudem Alkohol getrunken. Ohne einen Pfennig sei er mehrmals im Casino gewesen, habe zuschauen müssen, »weil ich nichts mehr hatte«. Im März 2016 sei seine »ganze Scheinwelt zusammengebrochen wie ein Kartenhaus«.

Die Waffe hatte der 46-Jährige einem Bekannten gestohlen. Die Gaspatronen entfernte er. Ab 14 Uhr trieb er sich am Tattag im Casino herum, trank einige Weißbier. Als letzter Gast bedrohte er gegen 1.50 Uhr mit gezogener Pistole einen der Mitarbeiter, drängte ihn zum Kassierer. Der Räuber sprang auf den Tresen und forderte mit der Pistole in der Hand: »Keiner drückt den Alarmknopf.« Er rief, er wolle nur Geld, niemandem etwas tun. Man müsse ihn verstehen, habe er doch Frau, Haus und Firma verloren. Der Kassierer übergab eine Geldkassette. Auf der Flucht warf der 46-Jährige die Waffe bei Schneizlreuth aus dem Auto. Dorthin führte er später die Polizei.

Mit den 55 600 Euro steuerte er zur Spielbank Innsbruck, die noch nicht geöffnet war, und weiter nach Italien. Im Casino Venedig – »dort waren wieder die Glocken« – und in Monaco verlor er alles, was er in Bad Reichenhall erbeutet hatte. Gestern betonte er: »Mir wurde klar, dass sich die Schlinge zuzieht. Ich wollte heim und mich stellen.«

»Ich war froh, dass endlich Ruhe ist«

Von einem Internetcafé aus schrieb er dem Liedermacher Hans Söllner: »Der dachte, er würde überwacht und rief die Polizei.« Als der 46-Jährige am 17. März morgens in einem Hotel in Brescia aufwachte, sah er »Carabinieri von allen Seiten«: »Ich setzte mich aufs Bett. Dann fiel der Türstock samt Tür auf mich. Zwölf Polizisten kamen und schlugen mich. Ich war froh, dass endlich Ruhe ist. Wenn ich in Freiheit bleibe, geht der ganze Schmarr’n weiter.« Der Vorsitzende Richter merkte an, Gefängnis sei »auch eine Methode, Spielsucht zu bekämpfen«.

Die Mitarbeiter konnten den Überfall relativ gut verarbeiten. Einer meinte, er schaue sich seither die Gäste genauer an. Der Kassierer hatte »schreckliche Angst«. »Todesangst« schilderte einer der Angestellten, der in 20 Jahren im Casino den zweiten Überfall erlebte: »Bei dem ersten wurde geschossen. Wenn ein Gast mit einer Tasche reinkommt, die nicht ins Bild passt, wird mir mulmig.«

Die Vorstrafen des 46-Jährigen umfassten viele Betrügereien. Das ergaunerte Geld trug er in Spielbanken. Der psychiatrische Gutachter, Dr. Mattias Hollweg aus München, verneinte eine Unterbringung wegen Alkohols. Pathologisches Spielen könne schuldmindernd wirken. Dagegen spreche aber das planvolle Vorgehen. Der Angeklagte sei voll schuldfähig gewesen bei dem Überfall.

Staatsanwältin Lisa Oesterle berief sich im Plädoyer auf elf Jahre Freiheitsstrafe. Die Tat sei lange vorbereitet worden. In Punkto Alkohol habe kein Zeuge von Ausfallerscheinungen berichtet. Strafverschärfend seien die kriminelle Energie und die Tatausführung, etwa mit vorherigem Abfahren des Fluchtwegs.

Alkohol und Spielsucht durchziehen das Leben des 47-Jährigen seit dem 21. Lebensjahr, betonte Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim und forderte maximal sechs Jahre Haft. Der Angeklagte habe binnen eines Jahres 250 000 Euro in der Spielbank Bad Reichenhall gewechselt. Das Verhalten der Mitarbeiter bezeichnete Baumgärtl als »befremdlich«, obwohl sein Mandant niemandem eine Schuld zuschieben wolle. Wegen der Spielsucht sei verminderte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen.

Im Urteil unterstrich der Vorsitzende Richter Jürgen Zenkel, der Angeklagte habe sechs Personen in Todesangst versetzt. Die Spielsucht reiche nicht aus für verminderte Schuldfähigkeit. kd