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»Wir mussten um alles kämpfen«

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In der Werkstätte finden Menschen mit Behinderung eine Arbeit. (Foto: Lebenshilfe)

Traunstein – In der zweiten Dekade der Lebenshilfe Traunstein von 1979 bis 1988 wurden wichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen und Einrichtungen im Landkreis installiert, die noch heute bestehen und erfolgreich arbeiten.


Ein entscheidender Schritt für die Lebenshilfe war die Eröffnung einer Werkstätte in Traunreut im Herbst 1979, in der Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz bekamen. Hier wurden zukunftsorientiert 140 Arbeitsplätze geschaffen in der Metall- und Holzverarbeitung, in der Montage oder Kartonagenherstellung. Der Name lautete damals noch »Vereinigte Behindertenwerkstätten GmbH, Einrichtungen der Lebenshilfe Traunstein und Berchtesgadener Land«. Später gab es im Berchtesgadener Landkreis eine eigene Werkstätte und die Traunreuter Einrichtung erhielt den Namen »Chiemgau Lebenshilfe Werkstätten«.

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In den Werkstätten konnten und können allerdings nur Beschäftigte Arbeit finden, die »ein nicht näher definiertes Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung« erbringen können, wie Sebastian Heller als früherer Leiter der Außengruppe in Pertenstein erläutert. Durch das Raster fallen hier schwerst mehrfachbehinderte Erwachsene, die zu so einer Arbeit nicht in der Lage sind. Somit stellte sich die Frage, wie es mit diesem Personenkreis weitergehen soll. Mit dem Umzug der Tagesstätte in die neuen Räumlichkeiten in Traunreut wurde zum 1. April 1983 die »Außengruppe Pertenstein« geschaffen, eine Modellgruppe, in der junge schwerstbehinderte Frauen und Männer in ihren sozialen, lebenspraktischen und insbesondere handwerklichen Fähigkeiten gefördert wurden. Alle diejenigen, die den Sprung in die Werkstätten nicht schafften, erhielten hier sinnvolle und individuell leistbare Arbeits- und Beschäftigungsangebote.

Erstes Wohnheim wurde in St. Georgen eröffnet

Die betreuten Menschen mit Behinderung brauchten aber nicht nur Beschäftigung, sie brauchten auch eine Wohnung, wenn sie als Erwachsene nicht mehr zuhause leben wollten oder konnten. In St. Georgen wurde 1979 das alte, 1863 erbaute »Wegmacherhäusl« gekauft und von Eltern und Vereinsmitgliedern in mühevoller Arbeit umgestaltet. Das Haus mit Garten liegt in einer ruhigen Wohngegend und die Bewohner waren schnell ins Dorfleben integriert. Die gesetzlichen Anforderungen für Wohnheime für Menschen mit Behinderung haben sich jedoch im Laufe der Zeit stark verändert und das Haus entsprach schließlich nicht mehr den Vorgaben. Im Herbst 2018 zogen die Bewohner deshalb aus St. Georgen weg in das neu eröffnete Wohnheim in Traunstein. Das erste Wohnheim der Lebenshilfe schloss damit nach fast 40 Jahren. Aufgrund des großen Bedarfs folgten weitere Wohnheime der Lebenshilfe. 1980 wurde in Waging ein Haus angemietet, 1983 kam das »Haus Pertenstein« in Traunreut in direkter Nachbarschaft zu den Werkstätten hinzu.

Eine Mischung aus Arbeiten und Wohnen entstand 1985 auf dem »Johanneshof« in Großornach bei Obing. Dort erwarb die Lebenshilfe einen Hof, der den Bewohnern die Kombination »Leben und Arbeiten auf dem Lande« ermöglichte.

Ein weiterer wichtiger Baustein der Betreuung sind die offenen Hilfen. 1987 entstanden diese mit familienentlastendem Dienst, offener Behindertenarbeit und Beratung unter Leitung von Margot Zimmermann als Modelleinrichtung und bekamen finanzielle Unterstützung vom Bayerischen Staatsministerium. Drei Formen der Betreuung wurden angeboten: ein Helfer kommt in die Familie und versorgt dort den Angehörigen mit Behinderung, dieser wird in der Familie eines Helfers aufgenommen oder gastweise in einer der bestehenden Wohngruppen aufgenommen. Schon im ersten Jahr nahmen 50 Familien das Angebot in Anspruch und im Laufe der Jahre wuchs der familienentlastende Dienst, der erste dieser Art bayernweit, von einer betreuten Familie auf über 120.

Pettinger nutzt regelmäßig Kurzzeitpflege

Regelmäßig nutzt Christian Pelz aus Petting die Kurzzeitpflege, ein Angebot des familienentlastenden Dienstes. Der 43-Jährige hat nach Problemen bei seiner Geburt eine spastische Cerebralparese, sitzt deshalb im Rollstuhl und kann nicht sprechen. Er wohnt und arbeitet in München in der »Brücke gGmbH”, einer Förderstätte für Menschen mit Behinderung mit angeschlossenem Wohnpflegeheim. Anfang der 1980er Jahre war der kleine Christian zwei Jahre in der heilpädagogischen Tagesstätte der Lebenshilfe in Pertenstein, wechselte dann ins HPZ Ruhpolding. Von Anfang an kümmerte sich seine Oma um Christian. Bei den Großeltern hat er auch heute noch immer sein Zimmer und kommt ungefähr alle drei Wochen übers Wochenende zu ihnen. Den familienentlastenden Dienst nutzt die Familie schon seit Langem. Wenn Christian Urlaub hat oder die Förderstätte in München Betriebsurlaub macht, verbringt er diese Zeit in der Kurzzeitpflege der Lebenshilfe in Traunreut. Seit 2003 ist er dort mindestens einmal im Jahr und fühlt sich sehr wohl. »Im Heim ist er das ganze restliche Jahr, die Kurzzeitpflege ist mal was anderes«, fasst seine Oma zusammen. Christian Pelz mag es, wenn sich was rührt, er macht gerne Ausflüge oder geht Essen mit seinen Verwandten und fährt mit den Großeltern und seiner Tante öfter nach Ungarn in Urlaub.

Peter Bantlin – Gründungsmitglied des Lebenshilfe-Vereins, langjähriger Vorsitzender und heute Ehrenvorsitzender – hat in mehr als 30 Jahren Vorstandsarbeit zahlreiche Hürden überwinden müssen, damit all die genannten Einrichtungen auf den Weg gebracht werden konnten: »Wir mussten um alles kämpfen, weil damals den zuständigen Behörden noch nicht klar war, um was es geht: um die gleichwertige Behandlung aller Menschen.«

Wenn heute über Inklusion diskutiert wird, kann er nur lächeln: »Die haben wir in der Lebenshilfe schon immer gelebt.« mix