Elf Jahre Stadtpfarrer: Georg Lindl nimmt Abschied von Traunstein

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»Die Sanierung von St. Oswald ist besser geworden, als ich es mir je vorgestellt habe«, sagt der scheidende Stadtpfarrer Georg Lindl. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Mit großen, schnellen Schritten eilt Pfarrer Georg Lindl vom Pfarrhaus in Richtung Oswald-Kirche. Im Vorbeigehen grüßt er Passanten, nickt zu, hält kurz an für ein paar Worte. Nur auf den kräftigen Händedruck verzichtet er – coronabedingt. Wie oft Lindl den Weg in den vergangenen elf Jahren gegangen ist – wer weiß und zählt das schon. Absehbar sind hingegen die Tage, an denen er ihn noch gehen wird. Die Zeichen stehen auf Abschied. Am Montag ist Umzug nach Gauting, wo Lindl nach mehr zwei Jahrzehnten im Chiemgau seine neue Stelle als Pfarrer antreten wird.


Das Präsent-Sein in der Stadt, weil das Pfarrhaus an einem zentralen Platz am Maxplatz steht, hat ihm immer gut gefallen. Das wird er in Gauting vielleicht etwas vermissen. Dankbarkeit verspürt der 57-Jährige vor allem, wenn er auf seine Wirkungsstätte in Traunstein zurückblickt. »Wir haben viel geleistet«, betont Lindl. Dabei ist ihm das »Wir« wichtig, ein Pfarrer stehe niemals alleine, eine funktionierende Gemeinde brauche ein funktionierendes Team in den verschiedenen Gremien.

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Vier geweihte Altäre, mehrere Kirchensanierungen und nun auch noch die neue Orgel für Sankt Oswald, die am 15. Oktober das erste Mal für die Öffentlichkeit erklingen soll. Während Lindls Zeit als Stadtpfarrer und Dekan ging vieles vorwärts. »Die Kirchen in Haslach, Ettendorf und natürlich St. Oswald wurden innen und/oder außen saniert, der neue Kindergarten am Campus Sankt Michael ist fast fertig und wird am 5. Oktober eingeweiht«, zählt Lindl auf. Das Bauen oder Erhalten kirchlicher Räume sind für den Geistlichen wichtig. »Kirchen als Bauwerke wirken alleine durch ihre Präsenz, durch ihre Ästhetik – auch auf diejenigen, die mit Kirche sonst nichts am Hut haben«, sagt Lindl. Man merkt ihm den Stolz an, dass nun auch die Pfarrkirche am Stadtplatz wieder wirken und scheinen kann: »Die Sanierung ist besser geworden, als ich es mir jemals vorgestellt habe«. Fünf Jahre Planung und schließlich Sanierung hätten viel Energie gekostet, doch das Ergebnis stehe für sich, trotz der anfänglichen Kritik an mancher Maßnahme. Auch in Sachen Orgel ist Lindl froh: »Es hat ein gutes Ende genommen«. Dass er bei der Einweihung der Benedikt-Orgel nicht mehr als Stadtpfarrer fungiert, sei für ihn nicht so wichtig, das Ergebnis zähle.

Seit fast 40 Jahren ist Lindl im Dienst der Kirche, hat viele Veränderungen, Diskussionen und Krisen erlebt. Gezweifelt an seiner Berufung als Seelsorger habe er aber nie: »Zum Glück fällt mir Glauben leicht, es macht mir Spaß.« Den gesellschaftlichen Wandel hin von einer Volks- zu einer Entscheidungskirche hat er miterlebt. »Wer heute in die Kirche geht, tut dies bewusst und nicht mehr nur, weil es sich so gehört.« Den Wandel akzeptiert er, bedauert aber vor allem den Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft. Dabei habe der Glaube – den Lindl nicht getrennt von der Kirche sondern als Symbiose von beidem sieht – so viel zu geben, etwa im Erziehungsbereich, in der Schulung des Wertekanons. »Die Emanzipation von Kirche und Glaube hat nur eine scheinbare Freiheit gebracht, die Frage 'Wie gelingt das Leben' ist ja geblieben.« Für ihn sei Kirche jeher nicht nur reiner Glaube gewesen, sondern immer auch Kulturträger, der für Bildung, Kunst und Offenheit gegenüber Wissen steht.

Positiv sehe er daher, dass die Bindung zwischen denjenigen, die sich bewusst für die Kirche entscheiden, enger geworden ist – »und anspruchsvoller«. Liefen Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen früher mehrheitlich nach »Schema F« ab, seien die Ansprüche an die Gestaltung der Feierlichkeiten gestiegen. Heute müsse man die Energie mehr in die wenigen Berührungspunkte wie Taufe, Kommunion oder Hochzeit stecken. Das habe aber auch Vorteile: »Habe ich persönlichen Kontakt und die Gläubigen haben gute Erfahrung mit der Kirche gemacht, dann ist viel gewonnen.«

Das Auseinanderdriften von Glaube und Vernunft habe auch schon sein Vorbild Papst em. Benedikt XVI. – Lindl selbst nennt ihn den »Startheologen meines Lebens« – kritisiert. Der Geistliche bedauert, dass Benedikt XVI. von einer Mehrheit der Katholiken abgelehnt wurde, weil er an einer traditionellen Linie in der Kirche festhielt und dem Zeitgeist nicht folgen wollte. Daher ist Lindl dankbar für seine Zeit in Traunstein, wo er in seiner Funktion als Stadtpfarrer dem Papst em. und Theologen Josef Ratzinger mehrfach auf persönlicher Ebene begegnen durfte. »Das wird sich so nicht mehr wiederholen, wenn ich in Gauting bin.«

Dem emeritierten Kirchenoberhaupt fühlt sich Lindl nahe, liebt ebenso die dogmatischen Grundsatzdiskussionen, das bewusste Auseinandersetzen mit dem Glauben. Hier sieht Lindl auch den eigentlichen Kern zur Erneuerung in der Kirche. »Nur wer sich in die Strukturen mit der richtigen Geisteshaltung begibt, wird die Strukturen verändern«, ist Lindl überzeugt. Die Strukturen alleine abzuschaffen, hält der Pfarrer für den falschen Weg, auch wenn man an einigen Stellen sicher »alte Zöpfen abschneiden kann«. Wer erwarte, dass sich das Heil des Reichs Gottes schon einstelle, wenn man nur das System ändere, der liege falsch, so Lindl. »Das persönliche Wirken ist entscheidend«.

Richtig findet er daher auch die Entscheidung von Papst Franziskus, dass dieser das Rücktrittsgesuch von Reinhard Kardinal Marx ablehnte. »Ein Rücktritt bedeutet immer ein Davonlaufen, nicht Verantwortung übernehmen – das ist ein großes Missverständnis, auch in der Politik.«

Den großen theologischen Fragen wird sich Georg Lindl in seiner neuen Wirkungsstätte ebenso widmen wie der Seelsorge – Pfarrer seien schließlich Generalisten, »die Kaffeekränzchen mit dem Frauenkreis ebenso können müssen, wie Glaubengespräche«. Auch wenn ihm persönlich letzteres mehr liege, wie er zugibt.

Vermissen wird er das Feiern – »das können die Traunsteiner«. Die Mitgliedschaften in den vielen Vereinen wie Georgi-Verein, bei den Trachtlern oder Gebirgsschützen bleiben daher bestehen; wenn es einen entsprechenden Anlass gibt, will er gerne zu Besuch kommen.

Lindl bedauert, dass es keinen direkten Nachfolger gibt. »Ich hätte gerne eine nahtlose Übergabe gehabt, aber die Vorschläge für meine Nachfolge wurden von Kardinal Marx leider abgelehnt.« Daher übernimmt Pfarrer Konrad Roider, Pfarrer in Taching und Dekan von Baumburg, – so will es die kirchliche Struktur – vorerst als Interimspfarrer die Stadtkirche Traunstein.

Seinen Abschied feiert Georg Lindl am Sonntag mit einem Festgottesdienst um 10.30 Uhr in der Stadtpfarrkirche St. Oswald.

Verena Wannisch

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