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Blasinstrumente sollen historische Orgel ergänzen

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Manfred Müller (rechts) ist hauptberuflicher Kirchenmusiker der Stadtkirche Traunstein. Zur Pfarrei gehört das Ettendorfer Kircherl. Profi-Musiker Robert Schlegl unterstützt die Spendensammlung der Kirchenstiftung St. Oswald, die vier historische Blasinstrumente als Ergänzung der 350 Jahre alten Kirchenorgel kaufen möchte. (Foto: Bittner)

Traunstein – 16 454 Euro – auf diese Summe kommt der Reichenhaller Kulturpreisträger und Profi-Musiker Robert Schlegl für den Kauf von Instrumenten, die die historische Orgel im Ettendorfer Kircherl bei künftigen Konzerten ergänzen sollen. Gesammelt werden soll das Geld auf Initiative der Kirchenstiftung St. Oswald hin über ein sogenanntes Crowdfunding, ein digitales Spendenkonto also, bei der VR-Bank Oberbayern Südost. Auf deren Internetseite finden sich Details.


Wie Stadtpfarrer Georg Lindl im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt berichtet, geht es darum, die 2005 aufwändig renovierte Hans-Vogel-Orgel von 1669 um dazu passende Blasinstrumente zu ergänzen: einen Zink (ein Instrument, das geblasen wird, wie eine Trompete, aber optisch an eine Flöte erinnert) und drei Barockposaunen in den Stimmlagen Alt, Tenor und Bass. Denn die Orgel wurde im Zuge ihrer Renovierung in den früheren Zustand zurückversetzt – ebenso wie ihre Stimmtonhöhe, nämlich um etwa einen Viertelton höher als heute üblich. Somit ist ein Zusammenspiel zwischen Orgel und anderen Instrumenten eigentlich kaum möglich.

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Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert entstand eine unglaubliche Menge beeindruckender Kompositionen. Diese können nun mit Hilfe der anzuschaffenden Instrumente im Ettendorfer Kircherl wieder genutzt werden. Der Zink, Barockalt-, Barocktenor- und Barockbassposaune sollen speziell auf die Stimmtonhöhe der Orgel angefertigt werden. Übergeordnetes Ziel ist es, ein Atelier für historische Aufführungspraxis speziell für Bläser zu schaffen – in einer Region, in der Blechblasinstrumente auf hohem Niveau gespielt werden.

»Dass wir mit der Orgel in Ettendorf ein echtes historisches Werk stehen haben, ist natürlich einzigartig. Sie dürfte die älteste von bayernweit fünf ähnlichen Instrumenten sein«, sagt dazu Profi-Musiker Robert Schlegl. Selbst aus dem 18. Jahrhundert gebe es nur noch ganz wenige Kirchenorgeln, und dann meist nicht mehr im Originalzustand, so Kirchenmusiker Manfred Müller – »weil die Menschen irgendwann unbedingt modernisieren wollten«. In den Kriegen kam dazu, dass beispielsweise die Pfeifen entnommen wurden, um Pistolen- und Gewehrkugeln daraus herzustellen.

Schlegl wurde durch ein Konzert 2014 auf die Ettendorfer Orgel aufmerksam. Die Schwierigkeit bestand darin, dass über drei Zwischenschritte gespielt werden musste, weil die Orgel eben einen Viertelton höher als die gängigen Orchesterinstrumente gestimmt ist – in diesem Fall Posaunen. »Tiefer wäre leichter, weil der Stimmbogen als Instrumenten-Verlängerung herausgezogen werden kann. Verkürzen ginge nur mit der Blechschere«, schmunzelt er. Ihn ließ Ettendorf nicht mehr los, über Jahre hinweg beschäftigten ihn Ideen drumherum: »Ich kam öfter an dieser kleinen Kirche vorbei und dachte mir, dass es doch schade ist, dass diese einzigartige Orgel nicht bespielt wird.« Anfang 2020 schrieb er ein Konzept, das er mit Manfred Müller besprach. Wenige Tage später legte Corona erstmal alles auf Eis. So erfuhr er von dem Projekt der Kirchenstiftung, das noch bis einschließlich 27. März läuft. Mit dem Kauf der vier neuen Instrumente könnte man beispielsweise einen vierchörigen Vokalsatz spielen.

In der Region gibt es neben Schlegl das Grassauer Bläserensemble, das diese Instrumente gut spielen kann – die Gruppe findet die Projekt-Idee sehr gut und unterstützt sie ebenfalls. »Ganz normale Bläser« könnten diese Spielweise ebenfalls rasch lernen. Die Orgel soll künftig nicht mehr nur zwei-, dreimal im Jahr zu besonderen Konzerten zum Einsatz kommen, sondern – von den »neuen« Posaunen begleitet – ihre verdiente Würdigung erfahren. Ist die Spendensammlung erfolgreich, soll eine feierliche Übergabe der Instrumente mit zahlreichen Ehrengästen aus Politik und Gesellschaft und natürlich den Spendern erfolgen – sobald Corona eine solche Veranstaltung zulässt. »Mit einem Konzert eines international renommierten Ensembles«, schwebt Schlegl ein würdiger Auftakt vor.

Konzertreihe »Musik im Kircherl« könnte wachsen

Die Konzertreihe »Musik im Kircherl« soll nach Möglichkeit ergänzt werden. Bislang gibt es jährlich nur drei Veranstaltungen, weil das »Konzertjahr« auf die warmen Monate begrenzt ist. Im Winter ist es für die Bläser zu kalt, während die Orgel an sich temperaturunempfindlich ist. Schlegl denkt auch an externe Ensemble-Auftritte oder Seminare in historischer Aufführungspraxis: »Das könnte organisch wachsen.«

25 Prozent der Kosten würde bei Erfolg die VR-Bank bezahlen. Schlegl ist nun weiter auf Sponsorensuche. Die Pandemie macht das alles nicht einfacher: »Derzeit können die Menschen nicht zu Konzerten gehen. Das gesparte Geld könnten sie in ein perspektivisch erweitertes Kulturangebot investieren und somit etwas Sinnstiftendes mit Breitenwirkung ermöglichen. Und ab dem Sommer klingen dann wieder die Instrumente – live.« Die Spenden fließen in die Kirchenstiftung St. Oswald, wo auch die Posaunen bleiben würden.

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