Chiemsee statt Kroatien

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Wolfgang Strasser kann für die nächste Saison kaum planen.
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Auf ein Wintertraining im Süden muss der Profi-Surfer Wolfgang Strasser in diesem Jahr coronabedingt verzichten. Er fürchtet einen deutlichen Leistungseinbruch. (Fotos: Günther)

Für Wolfgang Strasser war spätestens an der Grenze zu Österreich klar: »Die Welt verändert sich gerade.« Kurz zuvor war der Freestyle-Surfer aus Übersee im März noch vom Training aus Sardinien abgereist, um vor dem Lockdown wieder nach Hause zu kommen. »Auf der Autobahn bis zum Brenner habe ich vielleicht fünf Autos gesehen, alle Raststätten waren geschlossen. Das war schon gespenstisch«, erinnert sich der 54-Jährige. Dennoch musste er stundenlang an der Grenze zu Österreich warten.


Am Ende schaffte er es zwar wieder nach Übersee, doch an eine Saisonvorbereitung war nun nicht mehr zu denken. »Es kam die Zeit der Ungewissheit: Anstelle von hunderten Tagen auf dem Wasser ging das Kopfkino los und es gab erst mal kein Licht am Ende des Tunnels.« Statt auf dem Surfbrett zu stehen, musste Wolfgang Strasser auf andere Möglichkeiten ausweichen. »Ich gehe sechsmal die Woche Radl fahren und mache Krafttraining – das gehört alles dazu, aber ist einfach nicht dasselbe, das ist eben nicht mein Sport.«

Doch für den fehlt auf dem Chiemsee oft der Wind. »Natürlich kann man auch bei uns Windsurfen«, weiß der Profi-Surfer. Allerdings braucht er Windstärke 5, also Wind mit einer Geschwindigkeit von etwa 35 km/h, um richtig trainieren zu können – und den gibt es in erreichbarer Nähe nur selten. »Man genießt dann jeden Tag mit Wind noch mehr. Aber das bringt einen nicht weiter.«

Deshalb ist der Überseer sonst sechs bis sieben Monate im Jahr in Europa unterwegs und rund 200 Tage im Jahr auf dem Wasser, um neue Manöver zu üben und sich zu verbessern. »Nur so kann ich mein Niveau halten und weiterkommen.« Nun befürchtet der 54-Jährige einen starken Leistungsabfall in diesem Jahr.

Um zumindest ein wenig trainieren zu können, behält Wolfgang Strasser die Vorhersagen für die Seen in der Umgebung immer im Auge – und nimmt auch mal 4,5 Stunden Autofahrt in Kauf, um – wie viele Ausflügler auch – zum Walchensee zu fahren und dort für 2,5 Stunden zu trainieren. »Dort gibt es Nebelwind«, erklärt der Freestyle-Surfer. »Aber dafür muss der Nebel an der richtigen Stelle sein. Dann sieht es drei-, viermal danach aus, aber es klappt am Ende nur einmal.«

Als Sportler sei er es zwar gewöhnt, auch mal Niederlagen wegzustecken, trotzdem gibt er zu: »Das Surfen ist wie eine Sucht, nach einer Woche ohne Wind bekommt man Entzugserscheinungen: Man schläft schlecht und wird grantig. Man steht in der Früh auf und schaut, wo Wind sein könnte oder geht in den Keller und schaut einfach sein Surfbrett an.«

Der fehlende Wind ist zwar das Hauptproblem, doch auch mit Wind ist das Training in Deutschland nicht ganz einfach. »Im Dezember und Januar haben wir viele Westwindlagen und tolle Windsurftage«, weiß Wolfgang Strasser. Allerdings komme dann auch die Kälte dazu: »Die Kälte zehrt dich aus, man verliert da richtig Gewicht.« Zudem sei das Gesicht nass und die Finger kühlen bei gefühlten Minus 15 bis Minus 17 Grad schnell aus. »Das ist ein Problem, aber man kann nicht mit geschlossenen Handschuhen surfen«, erklärt der Profi.

Anfang 2019 kam auch noch so viel Schnee dazu, dass Wolfgang Strasser kaum zum Chiemseeufer durchkam. »Windsurfen bei Schnee ist schön, aber was ganz anderes. Das kann man nicht oft machen«, sagt er.

Deshalb ist der 54-Jährige in den kalten Monaten normalerweise in wärmeren Regionen, um zu trainieren – die für November geplante Reise nach Kroatien und Italien fiel coronabedingt aus, wann Reisen in Surfhochburgen wie Brasilien oder Südafrika wieder möglich sind, ist noch gar nicht absehbar. »Normalerweise buchen wir im Januar unsere Flüge und Fähren«, erzählt Wolfgang Strasser. »Aber im Moment kann man ja nicht mal etwas buchen.« Dabei ist ihm klar: »Bis Ende nächsten Jahres wird sich da nicht viel ändern, da bin ich realistisch.«

Ein kleiner Trost war für den Freestyle-Surfer, dass er im Sommer noch nach Kreta reisen konnte. 75 Tage am Stück habe er »extrem gut« surfen können, »täglich erschöpft, aber glücklich«. Dabei sei ihm durchaus bewusst gewesen, »wie privilegiert ich bin, das zu durchleben«. Zwar seien auch ihm Einnahmen weggebrochen – seine Reisen finanziert Wolfgang Strasser auch durch Beiträge in Surf-Magazinen – doch beim Kontakt mit den Einheimischen erfuhr er, wie aussichtslos deren Situation ist, weil viele vom Tourismus abhängig sind: »50 Prozent der Betriebe hatten gar nicht erst geöffnet und werden das auch nächstes Jahr nicht tun, weil sie pleite sind«, berichtet der Surfer, der selbst 18 Jahre lang in Griechenland gelebt hat. »Als ich Anfang Juli in Falasarna im Supermarkt war, gab es außer kalten Getränken nichts zu kaufen. Die Regale waren leer, es gab keine Lebensmittel. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen, das kannte ich höchstens aus Dokus über Kriegsgebiete.«

Trotz der schwierigen Umstände war Wolfgang Strasser froh über die Zeit auf dem Wasser. Schließlich fehlen dem 54-Jährigen nicht nur die Trainingsmöglichkeiten, sondern auch die Wettkämpfe. Veranstaltungen wie das große Kräftemessen der Freestyle-Surfer auf Fehmarn, das German Freestyle Battle, wurden reihenweise abgesagt.

Im November war Wolfgang Strasser trotzdem noch auf der Ostseeinsel, zehn Tage lang testete er Material und trainierte. Doch auch beim Material macht sich die Corona-Krise bemerkbar: Vieles wird in Asien produziert und ist jetzt nicht lieferbar. »Das verzögert sich alles extrem«, erklärt der Profi-Surfer und verweist auch auf den zwischenzeitlichen Produktionsstopp. Vor Februar oder März sei beispielsweise kein neues Segel zu erwarten. »Wenn jetzt etwas kaputt geht, muss ich schauen, ob man es nähen kann«, sagt der 54-Jährige. »Ansonsten habe ich einfach Pech gehabt.«

Trotz der Lieferengpässe für das Profi-Material und abgesagter Veranstaltungen sieht Wolfgang Strasser die Branche nicht in Gefahr: »Wie den Fahrradmarkt hat Corona die Wassersportbranche belebt«, sagt er. Vor allem viele Hobbysportler hätten ein SUP-Board (Stand-Up-Paddle-Board, d. Red.) gekauft, auch das Foil-Surfen, das auch bei weniger Wind möglich ist, sei gefragt.

Inzwischen gebe es sogar schon wieder erste Überlegungen für Wettkämpfe im kommenden Jahr. Wolfgang Strasser ist dabei jedoch noch sehr zurückhaltend. »Die Planung für das Jahr 2021 ist gepflastert mit Ungewissheit«, sagt er. Der 54-Jährige macht sich »viele Sorgen, wie es in Zukunft weitergehen wird«.

Klar ist für ihn aber auch: Los kommt er von seiner Sucht nicht so schnell, ans Aufhören denkt er deshalb trotz seines – im Vergleich zur Konkurrenz beim Freestyle-Surfen – hohen Alters noch nicht. »Ich mache weiter, so lange es geht«, betont der Überseer. Auf diesem Leistungsniveau gehe es zwar irgendwann nicht mehr weiter. »Aber für mich gibt es vom Alter her keine Grenze.« jom

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