weather-image
29°

Zirbenschnaps mit einer Prise Wehmut

4.8
4.8
Bildtext einblenden
Uwe Schramm (hier mit Tochter Hanna) verlässt zum 31. Mai die Bründling-Alm auf dem Hochfelln. (Foto: Bauer)

Bergen – Es riecht nach Kaiserschmarrn und Schnitzel. An den Wänden der 1855 erbauten Berghütte hängen unzählige Fotos, zum Teil schon recht vergilbt, von Familienmitgliedern, Stammgästen, zünftigen Hüttenabenden und zufriedenen Urlaubern. Räuchermännchen stehen auf den Fensterbänken der gemütlichen Stube und ganz vorne, gleich neben dem Eingang, thront der Wimpel von Dynamo Dresden. Mittendrin steht Uwe, der Wirt von der Bründling-Alm. Er nimmt Bestellungen entgegen, kassiert, scherzt mit seinen Gästen, und fragt in astreinem sächsisch-bayerisch: »Magst no ein Schnaps?«


Ja, Uwe, ein Letzter geht noch. Zirbenschnaps zwischen weißblauer Bergkulisse – eine gelungene bayerisch-sächsische Symbiose. Am 31. Mai endet diese Erfolgsgeschichte auf einer der ältesten und beliebtesten Almen in der Region: Pächter Uwe Schramm verlässt den Hochfelln. Er arbeitet künftig bei Freunden auf der Grünbergalm am Traunsee. Wie beziehungsweise wann es auf der Bründling-Alm weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Besitzerfamilie Maier vom Hochfellnhaus sagt, es gebe einen neuen Pächter. Wann dieser wiedereröffne, sei noch von ein paar bürokratischen Hürden abhängig.

Anzeige

Für Hüttenwirt Uwe werden die letzten Tage sehr emotional. 19 Jahre lang war der 56-Jährige von Ostern bis Allerheiligen jeden Tag und den Rest des Jahres jedes Wochenende und jeden Feiertag auf der Alm; ist stets von Aschau aus, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt, auf die 1161 Meter hoch gelegene Hütte gefahren und im Winter zum Teil auch gegangen. Denn bis auf die Getränke, die ihm all die Jahre »Bierfahrer Rudi« gebracht hat, musste Uwe die restliche Verpflegung selbst auf die Alm bringen – mit dem Auto, der Seilbahn und, wenn viel Schnee lag, auch mal zu Fuß von der Steinberg-Alm aus.

Rückblickend erinnert sich der gebürtige Dresdner in erster Linie an die vielen wunderbaren Begegnungen und schmunzelt bei dem Gedanken, wie alles anfing. »Manchmal haben wir an einem Sonntag hier oben nur zwei Tee verkauft, während drüben bei der Berni im Öderkaser die Stube voll war.« Die Einheimischen mussten den Exoten auf der Alm erst beschnuppern und mitkriegen, »dass ich nicht erst gestern mit dem Trabi aus Dresden kam, sondern schon zehn Jahre in Aschau Wirt war«. Doch dann hatte er sie – Einheimische wie Urlaubsgäste.

Aus Gästen wurden Stammgäste. Aus Stammgästen Freunde. Uwe erinnert sich an verschneite Wintertage, als er mit seinen schweren Taschen durch den Schnee stapfte, während ein paar Skitourengeher, die wussten, wo der Schlüssel auflag, bereits in der Alm Feuer gemacht und sich ein Bier gezapft hatten. Oder an die Heiligen Abende, wo nicht nur bei ihm, sondern auch bei einigen seiner Gäste regelmäßig der Haussegen schief hing, weil es bei Würstl und Jagertee einfach so gemütlich wurde, dass »die Leut' nicht mehr gegangen sind«. Manche Väter seien bereits seit vielen Jahren mit ihren Kindern am 24. Dezember vormittags auf die Bründling gestapft.

»Abartig« viel los war oft bei den monatlichen Hoagascht-Abenden, zuletzt mit über 300 Leuten und gut 40 Musikanten. Das passte überhaupt gut zusammen – Uwe, die Alm und die bayerische Musik. So gerät der 56-Jährige ins Schwärmen bei der Erinnerung an die Traunwalchner Blechmusi, D' Jung Ottinger, die »14 Hoibe« aus Obing und viele, viele weitere Musikanten, die in den vergangenen 19 Jahren meist nur für eine Brotzeit bei ihm auf der Alm aufgespielt haben. Zehn Jahre lang bot auch Jodelkaiser Josef Ecker seine Jodelseminare dort an.

Musiziert und gelacht wurde viel in der Stube beim Uwe. Amüsiert haben sich der Wirt und sein treues Team jedes Mal aufs Neue, wenn zum Beispiel die »Entsorger« wieder bei ihnen reserviert haben, eine lustige Männerrunde, die einst gefeiert hatte, dass einer seine Frau losgeworden war (»Entsorger-Party«) und seither regelmäßig wiederkam. Besonders gefreut hat er sich jüngst über eine Überraschung aus Holland: Treue Urlaubsgäste aus Eindhoven haben ihm, dem großen Fußballfan, Karten für ein Spiel Rotterdam gegen Eindhoven besorgt. Dafür ist er extra in die Niederlande geflogen. Seine Freunde kamen im Gegenzug noch einmal den weiten Weg auf die Alm, um sich gebührend zu verabschieden.

»Es war in den 19 Jahren einfach sehr viel Herzblut mit dabei«, blickt der 56-Jährige glücklich und zugleich wehmütig auf die vergangenen Jahre zurück. Und so werden auch die nächsten Tage noch einige Gäste, Freunde und Weggefährten auf die Bründling wandern, um beim Uwe »Servus« zu sagen und noch einen letzten Schnaps zu trinken. Kathrin Bauer