weather-image
24°

»Was geht denn die Kunden mein Gehalt an?«

3.6
3.6
Bildtext einblenden
8,50 pro Stunde beträgt der Mindestlohn, den Arbeitgeber jedem Arbeitnehmer seit Jahresanfang zahlen müssen. Bei einer Kontrolle in zwei Backshops der Bäckerei Kotter gab es offenbar unschöne Szenen. Von »Wild-West-Manier« spricht Bäckermeister Gerhard Kotter. Nicht vorstellen kann sich das Geschilderte der Pressesprecher des Hauptzollamts Rosenheim, Florian Koller.

Schon seit seiner Einführung sorgt der Mindestlohn für leidenschaftliche Debatten – so wie zuletzt bei Kontrollen seiner Einhaltung. Während der Traunsteiner Bäckermeister Gerhard Kotter von Kontrollen seiner Filialen in »Wild-West-Manier« berichtet, relativiert das Hauptzollamt Rosenheim das Vorgehen seiner Beamten: »Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen«, sagt etwa Pressesprecher Florian Koller auf Anfrage dazu.


In einem Brief hatte sich Kotter zuvor an Landrat Siegfried Walch und Dr. Peter Ramsauer gewandt mit dem Vorwurf, die Zollbeamten seien bei Mindestlohn-Kontrollen in »Wild-West-Manier« vorgegangen. Seine unbescholtenen Mitarbeiterinnen in den Netto-Filialen in Siegsdorf und Übersee seien bei den Kontrollen am 10. Februar in aller Öffentlichkeit vor der Kundschaft bloßgestellt worden.

Anzeige

»Das war absolut unverhältnismäßig!«

»Das war absolut unverhältnismäßig«, so Kotter auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts. »Es geht ja gar nicht um die Kontrolle an sich, aber die Art wie, das ist unglaublich. Wir sind doch nicht im Wilden Westen!« Die Beamten hätten keinerlei Rücksicht auf Datenschutz und Privatsphäre der Mitarbeiterinnen genommen und sehr persönliche Fragen vor den Kunden gestellt. »Stellen Sie sich vor, da kommen zwei große, bewaffnete Männer rein und fragen Sie vor den Kolleginnen, was Sie verdienen oder ob Ihr Mann Hartz IV bezieht.«

In Übersee habe sich ein großer Beamter so an der Theke aufgebaut, dass die Kunden in den Hintergrund gedrängt worden seien. »Die fragen sich ja auch, was ist denn beim Kotter los?« Auf den Vorschlag der Verkäuferin, er solle sich kurz setzen und warten, bis sie die Kunden bedient habe, sei er nicht eingegangen. Im Gegenteil, er habe vor den Kunden mit der Befragung begonnen. »Ich kann mir nur vorstellen, dass das mit einem Bericht im Fernsehen zusammenhängt, dass der Discounter sich nicht an den Mindestlohn halte«, so Kotter. »Entweder wusste der Zoll nicht, dass wir eine eigene Firma sind oder sie ham's einfach nicht beachtet. Wir haben mit denen ja nichts zu tun«.

Mehr Fingerspitzengefühl bei Kontrollen gefordert

Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hatte den Fall nicht nur beim Jahresempfang der regionalen Wirtschaft, sondern auch in der Talk-Show »Günther Jauch« kritisiert und mehr Fingerspitzengefühl bei den Kontrollen gefordert.

Der Geschäftsleiter des Deutschen Gewerbeverbands Traunstein und Umgebung, Jürgen Pieperhoff, pflichtet der Kritik bei: »Ich wurde angesprochen, dass nach den Kontrollen weinende Bäckereiverkäuferinnen in den Filialen saßen. Das kann doch nicht sein!« Natürlich müsse der Zoll als Kontrollbehörde die Einhaltung des Mindestlohns überwachen. »Aber was geht denn die Kunden mein Gehalt an? Dieses Gesetz ist schlichtweg schwachsinnig. Dass es überwacht wird, muss man akzeptieren, aber die Frage ist doch, wie!«

Ähnlich äußert sich auf Anfrage Thomas Miller, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Traunstein: »Gegen den Mindestlohn an sich werden die wenigsten etwas haben. Aber die Umsetzung ist irrsinnig bürokratisch.« Denn Arbeitgeber wie Arbeitnehmer müssen jeden Arbeitsbeginn, jedes Arbeitsende, jede Pause peinlich genau dokumentieren. »Früher ist das monatlich abgerechnet worden. Jetzt darf keine Abrechnung älter als sieben Tage sein. Da fragst dich schon, wie das vor allem die kleinen Unternehmen schaffen sollen.« Grundsätzlich sei er gar nicht gegen die 8,50 Euro Mindestlohn – abgesehen davon, dass er davon überzeugt sei, dass mancher kleine Selbstständige deutlich weniger habe. Aber: »Der Verwaltungsaufwand ist das deutlich Schlimmere daran.«

»Unsere Beamten betreten eine Filiale und wenden sich zunächst an den Verantwortlichen, der gerade da ist. Dann gehen sie mit ihm den Fragebogen durch, den sie dabei haben«, erklärte dazu Pressesprecher Florian Koller vom Hauptzollamt Rosenheim das grundsätzliche Procedere. »Und natürlich sind sie bewaffnet«. Denn Zollbeamte haben es wie Polizeibeamte auch immer wieder mit gewaltbereiten Verbrechern zu tun – schließlich ist die Kontrolle des Mindestlohns nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. Zu ihren Aufgaben gehören auch die Bekämpfung von Schwarzarbeit, Produktpiraterie, Schmuggel und der Artenschutz. Eine weiterführende Presseerklärung zu den Vorwürfen kündigte er für den heutigen Donnerstag an. coho