weather-image
14°

Reise in eine ungewisse Zukunft an einem unbekannten Ort

3.5
3.5
Bildtext einblenden
Noch heute kommen die »Edelweißerinnen« immer wieder gerne nach Reit im Winkl. Sie hoffen, dass alle gesund bleiben und sie sich hier wiedertreffen können. Ruth-Ester Mikus ist vorne die zweite Dame von links. (Foto: Ostermaier)
Bildtext einblenden
In eine ungewisse Zukunft fuhren viele Mädchen 1943 mit der Kinderlandverschickung aus den zerstörten deutschen Städten. Die historische Aufnahme vom Bahnhof in Münster stammt vom 6. August 1943. Während sich die Mädchen von ihren Familien verabschieden, spielt eine Kapelle: »Muss i denn zum Städtele hinaus« – daran erinnern sich die Kinder von einst auch nach 70 Jahren noch.

Reit im Winkl. In gemütlicher Runde sitzen zehn ältere Damen im Hotel Edelweiß beim Frühstück. Sie haben sich viel zu erzählen – etwa eine Woche sind sie hier, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten. Allesamt stammen sie aus Münster in Westfalen. Ein Leben lang kennen sie einander schon. Als Kinder hat sie eine Zeit zusammengeschweißt, die heute fast unwirklich erscheint: Vor 70 Jahren, also 1943, kamen die damals 10- bis 13-jährigen Mädchen zum ersten Mal in das 700 Kilometer von daheim entfernte Reit im Winkl.


Freiwillig kamen sie allerdings nicht: Nachdem die Ausmaße der Zerstörung durch alliierte Bombenflieger in deutschen Städten, wie eben auch Münster, immer verheerender wurden, wurden etwa zwei Millionen Kinder, vornehmlich Mädchen aus den Städten, evakuiert und aufs Land verfrachtet: »Erweiterte Kinderlandverschickung« hieß das Programm der Nationalsozialisten. 700 Mädchen kamen so zwischen 1943 und 1945 nach Reit im Winkl, 32 ins Hotel Edelweiß. Bis heute trifft sich ein Teil der jetzt über 80-jährigen Damen, um »ihre zweite Heimat zu besuchen«, aber auch, um diese Zeit lebendig zu halten.

Anzeige

So standen sie am Bahnsteig in Münster im August 1943, mit dem Köfferchen in der Hand, in dem nur sein durfte, was die Nazis vorschrieben. Hunderte Mädchen fuhren einer ungewissen Zukunft entgegen in einen unbekannten Ort auf unbestimmte Dauer. Alle mussten sich verabschieden von ihren Familien.

Ruth-Esther Mikus, die damals »Edda« gerufen wurde, weil der Vorname »Esther« verboten war, geht noch weiter zurück: »Am 7. Juni 1941 wurde Münster erstmals von Fliegerverbänden angegriffen, von da an arbeiteten sich die Bomber vorwärts, Stadtteil für Stadtteil«, so Mikus, die die Treffen der »Edelweißerinnen« organisiert. In den Folgemonaten habe man auf gepackten Koffern gesessen, ergänzt Marianne Hövelmann, immer in Angst vor dem nächsten Fliegeralarm, der die Familien in die Keller zwang. Als sie schließlich fast jede Nacht im Luftschutzbunker verbringen mussten und die Schulen geschlossen wurden, wurde die Evakuierung der Kinder bestimmt: »Sie wollen bitte dafür Sorge tragen, dass sich Ihre Tochter mit vollständiger Ausrüstung am Sammelplatz einfindet«, stand im Verwaltungs-Bescheid.

Das Heimweh war für die Kinder das Schlimmste

Bis zur Verschickung hatte man in Münster 46 Bomben-Angriffe und 563 Mal Fliegeralarm registriert. »Als wir nach langer Fahrt endlich in Reit im Winkl angekommen waren, war für viele das große Heimweh am allerschlimmsten«, erzählt Lilo Mannefeldt. »Ich habe meiner Mutter schon bald geschrieben, ich würde mich am liebsten vom Wilden Kaiser herabstürzen«, und setzt lächelnd hinzu, »aber ich habe ja gar nicht gewusst, wie ich da hinauf kommen könnte.« Die Mutter bemühte sich, nachzureisen.

»Ich musste dann auf die Gemeinde, um eine Zuzugsgenehmigung zu erbitten, aber der Bürgermeister erklärte, ohne Arbeitsnachweis ginge das nicht.« Also klapperte die damals zwölfjährige Lilo die einzelnen Häuser in Reit im Winkl ab, um irgendeine Stelle für die Mama zu erbetteln. Schließlich wurde die Mutter Köchin im »Edelweiß« und dieses damit »das am besten geführte KLV-Lager im Ort«, wie sich die Damen sicher sind.

»Wir hatten freilich Schulunterricht und mit der damals 34-jährigen Studienrätin Elisabeth Kussmann eine hervorragende Lehrerin, die sich auch der durchaus zahlreichen Nöte der Mädchen annahm«, erzählen sie, »diese Lehrerin hat uns für das ganze Leben geprägt.« Ein Chor wurde gegründet, Märchen-Aufführungen an Weihnachten einstudiert, »wir wollten dem Ort auch etwas zurückgeben.« Die KLV-Mädchen waren weitgehend selbst für die eigene Versorgung zuständig, sie hatten sich um Lebensmittel und um Brennholz zu kümmern.

Immer wieder standen auch »kriegswichtige Einsätze« auf dem Programm, besonders in den Ferien, Aufforstarbeiten etwa, Hopfenzupfen in der Hallertau oder Steine sammeln auf den Almwiesen. Die KLV-Mädchen erreichten kaum Nachrichten vom Schicksal der Nation, nur einmal habe ein Gauleiter aus Münster nach dem Rechten gesehen, wobei die Mädchen beim Appell in der Dorfmitte stramm zu stehen hatten. Die Disziplin sei damals stets besonders wichtig gewesen, darauf hätten die BDM-Mädchen, die das Lager führten und kaum älter waren als sie, stets besonders geachtet. Die Forderung »Kante auf Kante« klinge heute noch ihren Ohren und lässt leicht die akkurate Ordnung in den Kleiderschränken erahnen.

Die Kinder wurden überall hin verstreut

Ende April 1945 musste das »Edelweiß« binnen acht Stunden geräumt werden, die SS wollte ihre Zentrale einrichten, um den von den Nationalsozialisten letzten Rückzugsposten, die sogenannte Alpenfestung zu organisieren. »Wir wurden dann überall hin verstreut«, einige kamen auf die Fraueninsel, es war alles chaotisch.« Irgendwie schafften es die meisten zurück nach Münster, wo sie der nächste Schock erwartete: 90 Prozent der Innenstadt waren durch die Fliegerangriffe zerstört worden, die restlichen Wohnungen »von irgendwelchen Menschen« besetzt worden. Kein Wohnraum für die Zurückkehrenden also.

Damals im August 1943 waren sie schweren Herzens von Münster aus aufgebrochen. Und die Reit im Winkler hatten sie recht zurückhaltend aufgenommen in diesen schweren Zeiten. Aber sie hatten sich arrangiert. »Aber als wir unsere Geburtsstadt wiedersahen, bekamen wir eine Sehnsucht nach Reit im Winkl, Heimweh nach unserer zweiten Heimat. Wir kommen bis heute immer noch sehr gerne hierher, vielleicht können wir das ja noch einmal wiederholen«, hofft Ruth-Esther Mikus.

Einen Gefallen getan haben sie im Übrigen mit diesen Treffen auch ihren Männern: »Unsere Männer haben immer gesagt: Wenn ihr von Reit im Winkl wieder zurückkommt, dann ist das herrlich, da seid ihr immer so unheimlich gut gelaunt«, ergänzt Elfi Hoffmann und erhält breite Zustimmung. ost