weather-image

Kritischer Kormoranbestand am Chiemsee

3.9
3.9
Bildtext einblenden
Der Bestand an Kormoranen am Chiemsee hat laut Fischereigenossenschaftsvorsitzendem Thomas Lex eine kritische Bestandsgröße erreicht. (Archivbild)

Chiemsee – Die wachsende Zahl von Kormoranen am Chiemsee bereitet den dortigen Berufsfischern nach wie vor große Probleme. Die aktuell schätzungsweise 400 bis 500 dieser Vögel vertilgen nicht nur tonnenweise Fisch. Ebenso richten sie auch immer wieder größere Schäden an den Netzen der Fischer an. Über seine Erfahrungen mit diesem und anderen Problemen berichtete Thomas Lex, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Chiemsee, bei einem Fachgespräch mit dem Landtagsabgeordneten Klaus Steiner auf der Fraueninsel. Mit Florian und Tassilo, den Zwillingssöhnen von Lex, ist in der Familie inzwischen seit 1857 die sechste Generation von Fischern am Ruder. Rund um den Chiemsee gibt es noch 16 weitere Berufsfischer.


1994 siedelten erstmals Brutpaare

Der erste Kormoran tauchte 1958 am Chiemsee auf. 1994 siedelten erstmals Brutpaare im Natur- und Vogelschutzgebiet der Tiroler Achen. Seitdem wächst der Bestand der geschützten Vögel kontinuierlich. Wie Lex erklärte, erreiche die Population mit aktuell 130 Nestern wieder eine kritische Bestandsgröße. Die Zahl liege deutlich über den 70 bis 120 Brutpaaren, die in den Jahren zuvor im Durchschnitt beobachtet worden seien. Im Rekordjahr 2001 vertilgten die Kormorane aus 167 Nestern rund 40 Tonnen Fisch. Immer wieder erteile die Regierung von Oberbayern deshalb Ausnahmegenehmigungen, die Kormorane unter bestimmten Bedingungen abzuschießen. Doch die seien so streng, meinte Lex, dass er und seine Kollegen kaum 20 Tiere pro Jahr erwischen würden. Zudem müssten die Jäger nah heran und die Tiere würden inzwischen sogar deren Boote erkennen und flüchten.

Anzeige

Mit viel Arbeit kämpfen die Fischer gegen die Fresslust der Kormorane an. »Wir setzen 50 bis 100 Millionen Renken pro Jahr im See ein«, sagte Lex. Diese würden in einer eigenen Brutstation der Genossenschaft und Brutflößen im See aufgezogen. Müsste man sie kaufen, läge der Gegenwert bei weit über einer halben Million Euro. Ebenso würden die Bestände von Zander, Seeforelle, Karpfen und Aal regelmäßig durch neuen Fischbesatz aufgefrischt.

»Es ist mehr als ärgerlich, dass die Kormorane nicht nur die Fische fressen, sondern inzwischen immer häufiger auch die Beute direkt aus den Stellnetzen im See reißen und dabei hohe Schäden anrichten«, betonte Lex. Hier erhoffe man sich wirkungsvolle Maßnahmen vom Freistaat. »Wir brauchen zudem eine europäische Lösung. Eine nur punktuelle Bekämpfung des Kormorans bringt unter dem Strich nichts.« Mehrere Berufskollegen mit Tradition aus Schleswig-Holstein, berichtete Lex, hätten aufgrund von Kormoranplagen bereits ihre Existenz als Fischer aufgeben müssen.

MdL Steiner berichtete, dass auf seine Initiative hin die »Allgemeinverfügung« im Rahmen der Artenschutzrechtliche Ausnahmeverordnung, den Kormoran bejagen zu können, um weitere zehn Jahre verlängert worden sei. »Dadurch ist wenigstens eine begrenzte Bejagung möglich.« Allerdings setzte auch er auf eine Absenkung des Schutzstatus' auf europäischer Ebene. »Wir werden auch die Bejagung des Gänsesägers angehen müssen«, betonte der Abgeordnete weiter. Gerade in Fließgewässern würden Fischarten, wie etwa die Äsche, ausgerottet. Artenschutz dürfe nicht an der Wasseroberfläche aufhören, stellte Steiner fest.

Lex machte ebenso deutlich, dass die Fischer sich auch für Umweltbelange stark machen würden. So habe sich im Chiemsee nach einer Einsatzaktion der fast ausgestorbene Perlfisch wieder vermehrt, der weltweit nur in drei Seen vorkomme. Als weiteres Thema sprach Lex die im kommenden Jahr anstehende Verlängerung der Pachtverträge zwischen Freistaat und Berufsfischern an. Bisher habe man von der Schlösser- und Seenverwaltung noch nichts gehört. Klaus Steiner versprach, nochmals nachzuhaken.

Durchschnittsgewicht der Renken nahm ab

Im Gegensatz zum Bodensee habe die 1989 in Betrieb genommene Ringkanalisation des Chiemsees keine negativen Auswirkungen auf den Fischerertrag gehabt, informierte Lex. Aufgrund des sauberen Wassers und geringen Phosphatgehalts schrumpfen am Bodensee infolge des abnehmenden Planktongehalts sowohl die Durchschnittsgröße der Fische wie auch der Fangertrag. Für immer mehr Berufsfischer dort werde diese Situation existenzbedrohend. Laut Lex habe am Chiemsee zwar das Durchschnittsgewicht der Renken von bis zu 400 auf rund 250 Gramm abgenommen. Die Fangerträge seien aber mit 140 Tonnen Renken 2016 immer noch ansehnlich. Lediglich bei der Weiterverarbeitung des Fischs für den Direktverkauf in den Hofläden rund um den Chiemsee sei die Arbeit sehr viel aufwändiger geworden. »Die Kunden stellen heute wesentlich höhere Ansprüche. Dem müssen wir Rechnung tragen.« Bjr

Mehr aus der Stadt Traunstein
Einstellungen