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»Du wirst sie jetzt töten, aber wie?«

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Traunstein. Weil er seine 63-jährige Freundin mit 14 Messerstichen getötet haben soll, steht ein 65-jähriger Priener seit gestern vor dem Schwurgericht Traunstein mit dem vorsitzendem Richter Erich Fuchs. Staatsanwalt Bernd Magiera wirft dem Angeklagten Totschlag vor. Der weitgehend geständige EDV-Experte und Rentner ist einschlägig vorbestraft – 1984 erschoss er seine damalige Freundin in Wien, außerdem verletzte er einen österreichischen Polizisten mit einem Schuss und mehreren Messerstichen schwer. Deshalb saß er bis 1996 zwölf Jahre in Österreich und Deutschland hinter Gittern. Der Prozess wird am 12., 19. und 26. Mai, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.


Laut Anklage waren Täter und Opfer am 11. August 2013 in der Wohnung der 63-Jährigen Prienerin. Ohne Anlass soll der 65-Jährige seiner Freundin mit einem 28 Zentimeter langen Messer mit 13-Zentimeter-Klinge die vielen Stiche in Kopf-, Hals- und Schulterbereich versetzt haben. Unter anderem wurde eine Halsschlagader durchtrennt, wodurch die Frau binnen einer Minute handlungsunfähig und bewusstlos wurde.

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Der hochintelligente, sprachlich gewandte Angeklagte, dem Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim zur Seite steht, schilderte eine abenteuerliche Lebensgeschichte. Der Vater dreier Kinder von zwei seiner drei Ehefrauen berichtete von Zukunftsvisionen, drei Selbstmordversuchen, einem sehr erfolgreichen Berufsleben mit Auslandsaufenthalten, Erfindungen und Projekten für Weltfirmen. Unter anderem habe er ein EDV-Programm für das österreichische Justizministerium für seine Gefängnisse geschrieben. Während einer Wiedereingliederung noch in Haft in Österreich spezialisierte er sich angeblich darauf, Mathematikbücher in der Braille-Schrift für Blinde zu kodieren.

Mit seiner ersten Frau, einer Finnin, seiner zweiten Frau, die ihn ebenfalls verließ, und seiner Noch-Ehefrau in Österreich führte er schwierige, von Gewalt geprägte Beziehungen. So erzwang er sich nach der Aussage eines Rosenheimer Kripobeamten Sex mittels Messern. Die zweite Frau sprang angesichts einer Bedrohung mit dem Messer vom Balkon und verletzte sich schwer. Das Mordopfer aus Wien habe ebenfalls von solchen Dingen geschrieben, informierte der Beamte. Wie in dem Priener Fall, wollte sich die Frau damals von dem Täter trennen.

Ende 1996 wurde der Angeklagte aus der Haft entlassen. Wegen des Aufenthaltsverbots sah er seine österreichische Ehefrau nur noch selten. 2006 ließ er sich in Prien nieder. Er lebte von einer 30 000-Euro-Abfindung, von Altersarmut bedroht durch die zeitlebens vernachlässigte Rente. Im Januar 2013 zog eine neue Nachbarin ein, man habe sich verliebt: »Ich hatte vorher mit dem Leben abgeschlossen. Die Beziehung war von Anfang an sehr intensiv und hat gehalten – bis zum letzten Tag.«

Der 65-Jährige widersprach sich damit selbst. Denn er berichtete auch von der Feststellung der Frau kurz vor der Tat, er sei »der falsche Mann« für sie. Nach einem schönen gemeinsamen Tag seien seine Gedanken zuhause immer düsterer geworden. Er habe sich mit einem Messer in der Hand zu ihr gesetzt und gesagt: »Ich töte mich jetzt.« Sie sei aus der Wohnung gelaufen und habe gerufen: »Hilfe, ich sterbe jetzt.« Für die nächsten Vorgänge wollte er »keine authentische Erinnerung haben: Ich bilde mir ein, die Augen geschlossen zu haben. Gleichzeitig dachte ich vorahnend: Du wirst sie jetzt töten.« Er habe es nicht gewollt, aber gleichzeitig »das Diktum seiner Prophezeiung« erfüllt. Er habe mit geschlossenen Augen im Hausgang auf sie eingestochen und versucht, sie in die Wohnung zu ziehen. »Ich habe gespürt, dass sie gestorben ist. Ich wollte mich auch töten.« Kurz danach habe die Polizei »um Einlass gebeten«. Der Angeklagte wurde festgenommen.

»Ich wollte sie zur Ruhe, zum Schweigen bringen, als sie im Hausgang um Hilfe rief«, sagte er gestern. Und an Familie und Freunde des Opfers gerichtet: »Ich neige mein Haupt vor Ihrer Trauer, Ihrem Zorn. Ebenso neige ich mein Haupt vor der Toten.« Nachmittags wollte er keine Fragen mehr beantworten. Der Nebenklagevertreter wies darauf hin, die Tochter und der Sohn der Frau wollten Antworten haben. Er hielt dem Täter vor: »Sie stellen sich als Opfer dar. Und dann bringen Sie die Frau um, die Sie lieben.« kd