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»Das, was wir machen, kann Grenzen überwinden«

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Kaum sind sie auf der Bühne, gehen sie auch schon voll ab: Sowohl die sieben Musiker (vorne in der Mitte Stefan Dettl) als auch das Publikum sind nach einem Konzert von LaBrassBanda schweißgebadet. Auch beim Millionenkonzert auf dem Stadtplatz wird das nicht anders sein. Für den millionsten Besucher hat die Band eine goldene Zündapp organisiert – darüber entscheidet das Los, wie uns Stefan Dettl im Interview verriet. (Fotos: Hirandnow)

LaBrassBanda ist eine Erfolgsgeschichte, wie aus dem bayerischen Bilderbuch: Sieben Musiker in T-Shirts und Lederhosen, die vor elf Jahren in Übersee loszogen, um mit Dialekt und einem »vogelwuiden Stilmix« die Musikwelt zu erobern. Bis nach Japan und Australien haben sie es damit geschafft und dabei viel über die Menschen und sich selber gelernt. Am 2. September geben sie endlich mal wieder ein Heimspiel in Traunstein. Tagblatt-Redakteurin Kathrin Bauer traf den Gründer und Frontman der Band, Stefan Dettl, um über dieses Millionenkonzert zu sprechen, eine goldene Zündapp, Vorurteile, das Musikverständnis in Deutschland und weitere Ziele.


Nach der Welttournee 2017 zum 10. Jubiläum und einem, wie ihr gesagt habt, »Wahnsinnstoursommer«, zwischen Bierzelttour und Herbsttour 2018 findet wieder ein Konzert von Euch in der Region statt. Und zwar das Millionen-Konzert auf dem Stadtplatz in Traunstein. Auf was dürfen sich die Besucher einstellen?

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Stefan Dettl: Wie Du schon richtig gesagt hast. Das ist eine Riesentour, die wir spielen dürfen. Seit elf Jahren geht es Nonstopp durch. Das haben wir uns am Anfang auch nie so erträumen lassen, dass das wirklich mit unserer Musik und dem Dialekt und mit der Art, wie wir sind, so funktioniert und wir auf der ganzen Welt Konzerte spielen dürfen. Aber es hat uns die letzten elf Jahre auch immer wieder heimgetrieben, um die Spezln und die Familien zu sehen. Und die kleinen Heimspiele sind für uns immer etwas ganz Besonderes, gerade auch in diesem Jahr. Wir haben die letzten elf Jahre immer über 100 000 Besucher gehabt pro Jahr, was Wahnsinn ist in Deutschland. Und jetzt haben wir quasi symbolisch den millionsten Besucher in Traunstein. Der bekommt dann bei uns ein goldenes Moped geschenkt.

Woher stammt das?

Das haben wir einfach bestellt. Wir haben überlegt, was ein passendes G'schenk wäre. Ein Präsentkorb oder ein Feuerwerk oder sowas ist ja ein Schmarrn. Und deshalb ein goldenes Mofa. Unsere erste Tour damals war ja auch mit Mopeds. Das ist lustig und die Leute bei uns auf den Konzerten, die mögen so skurrile Geschichten, bisserl langsamer reisen, bisserl mehr das Leben genießen.

Wie wird der millionste Besucher ausgemacht?

Wir geben an dem Tag Tickets aus an die Besucher. Das werden ungefähr 1500 Tickets und dann kommen die Lose in eine Trommel und wir haben eine Glücksfee und Zack ... so ist das für alle fair, die an dem Tag da sind.

Auf Facebook gibt es nette Bewerbungen. Einer verspricht zum Beispiel: »Wenn i des Moped gwinn, fahr i damit bis Wean (Wien) ham.« Das würde eigentlich gut passen.

Ach ist das cool. Das hab' ich noch nicht gesehen. Das passt ja perfekt. Da fährt er aber eine ganze Zeit... Aber genau das mein' ich. Wir haben so lustige und skurrile Leute kennengelernt und die ticken genau wie wir. Deshalb haben wir uns überlegt, so ein Moped ist viel gwandter, als irgendwas anderes.

Was bedeutet für Euch diese Zahl: eine Million Besucher?

Natürlich ist das ein krasser Ritterschlag, wenn Du mit Dialektmusik in Deutschland so wertgeschätzt wirst. Da freut man sich und fühlt sich auch geehrt. Und das wollen wir weitergeben und raustragen an die jungen Bands: schaut's hin, wenn man hartnäckig ist und sich nix scheißt und auch mal probiert, dann gibt es die Möglichkeit, dass man auf der ganzen Welt so schöne Erfahrungen machen kann.

Seit Gründung der Band 2007 seid ihr die barfüßigen Blechbläser in Lederhosen und T-Shirts. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. Anfangs wurdet ihr dafür häufig belächelt. Ist diese Leichtigkeit aber nicht sogar Teil eures Erfolgs?

Also Leichtigkeit ... (lacht). So ganz leicht sind wir nicht. Und das mit dem Belächeln: Am Anfang war das schon so ein Ding. Wenn du auf ein Festival kommst und die erste Band bist, die spielt, und dann stehen da diese großen, tätowierten, stammigen Headliner ... dann hast du schon Respekt und fürchtest dich. Und wenn sie dich auslachen, denkst du dir: Ach Scheiße. Aber wenn du dann auf die Bühne gehst und dir einen obaspuist und die Leute voll abgehen, dann bekommst du den Respekt von den älteren Bands und den Leuten. Dann wächst dein Selbstvertrauen. Und mittlerweile ist das so: Wir kommen irgendwo auf ein Festival, und natürlich – wenn des ein reines Metal-Festival ist – lachen alle und dann dauert es fünf Takte Musik und dann lacht keiner mehr. Und am Schluss sitzen wir alle zusammen und man merkt, dass Musik und das, was wir machen, Grenzen überwinden kann und Vorurteile übern Haufen g'schmissen werden und man auch andere Meinungen und Einschätzungen für das ganze Leben mitbekommt. Uns geht das ja auch so.

Seht Ihr Euch und Euren Erfolg also als ein Beispiel für Toleranz?

Das hoffe ich schon. Also man muss uns auch tolerieren, denn sonst hat man keine Chance (lacht). Aber wir lernen auch viel dazu von anderen Leuten, die uns wiederum etwas mitgeben. Zum Beispiel ehrfürchtig zu sein vor dem Gefühl der Menschen und dem Miteinanderleben. Das ist echt etwas Wertvolles und Besonderes.

Erlebt Ihr noch oft, dass Ihr irgendwo hinkommt, wo Euch die Leute nicht kennen?

Ganz, ganz oft. Wir haben Massl und fliegen so ein bisserl unterm Radar, dadurch dass wir keine Fernseh- und Radioband sind, sondern eine Liveband. Live-Publikum und Festivalgänger kennen uns schon, aber viele Leut', die nur übers Radio oder Fernsehen Musik genießen, die haben von uns überhaupt keine Ahnung. Aber die lernen uns dann schon kennen, so aus Versehen. Und so hören wir eigentlich bei jedem Konzert von den Leuten: »Hey, das hab' ich mir so überhaupt nicht vorstellen können.« oder »Meine Freundin hat mich mitg'schleppt, ich wollt' überhaupt nicht, denn was soll denn dieses Humpa-Humpa-Ding. Aber das war ein super Konzert und hat mich echt voll gefreut«.

Ist es für Euch also von Vorteil, keine stärkere Radiopräsenz zu haben?

Für uns als Band ist das eigentlich ideal. Uns müssen die Leute entdecken und auf Live-Konzerten sehen. Wir genießen das auch, nicht so bekannt zu sein, und können so ein bisschen freier arbeiten. Für die Musik, die ich gern privat höre und das Musikverständnis, das ich gerne von Deutschland hätte, find' ich es eine Katastrophe, dass wir so einen Mainstream-Schrott haben im Radio. Da gibt es in vielen anderen Länder, in denen ich bisher war, viel mehr Vielfalt und der Umgang mit eigener Musik ist viel entspannter als in Deutschland. Vor allem in Bayern gibt es nur zwei, drei Sender und an denen orientiert sich alles. Vielfalt ist wirklich nicht da.

Ich kenne immer mehr Leute, die einfach kein Radion mehr hören.

Und das ist doch schade, weil ich glaube, dass es viele musikalisch interessierte Leute gibt in Bayern und die bräuchten schon auch eine Heimat irgendwie.

Parallel zu den Titeln eurer Alben – Übersee, Europa und Around the World – ging es für euch vom Chiemgau aus über Europa in die ganze Welt. Was sind eure weiteren Ziele? Das Weltall?

Jetzt kommt der Mars ... nein, Schmarrn. Das kann man gar nicht so genau sagen. Die Welttour haben wir uns selber als Band geschenkt. Da investiert man sehr viel Zeit und Aufwand in die Organisation. Nächstes Jahr kommt eine Australientour und in Japan spielen wir auch wieder. Und das wollen wir ein bisschen ausbauen: Dass es immer auch die Möglichkeit gibt, fremde Länder und Kulturen mitzukriegen und Einflüsse zu bekommen, die uns dann bei Konzerten in Bayern wieder ganz gut tun.

Gibt es ein Land oder eine Kultur, die euch bei eurer Weltreise besonders getaugt hat?

Die Vielfältigkeit auf der Welt ist schon krass. Wir waren in jedem Land nur ein, zwei Tage, weil es gleich wieder weitergangen ist. Es waren 13 Länder. Da tauchst du nicht so tief in die Kultur ein. Aber was schon erstaunlich war: Die Länder, die nicht so den super Namen haben, da war die Menschlichkeit und Herzlichkeit viel größer. Vietnam war da ganz brutal und entspannt. Mexiko war supercool. Japan war fantastisch, das war ganz lustig. Überhaupt, die ganze Welttour, das war so ein richtiger Trip. Bei uns braucht das noch ein paar Jahre, bis wir das alles verarbeitet haben. Und Menschen kennenlernen ist schon etwas, das ich am Anfang nicht so gebraucht hab'. Ich bin mehr der Einzelgänger und auch gern mal allein. Aber mittlerweile genieße ich das schon, andere Leute kennenzulernen und andere Kulturen. Ich hab' schon einen Hunger kriagt auf die Leute, wie sie ticken und was ich von ihnen lernen kann. Das ist superspannend.

Könntest du dir also auch vorstellen, mal länger im Ausland zu leben?

Wahrscheinlich schon, ja. Ich bin auch gern daheim, tu Rasenmähen und ein paar Tage überhaupt nichts. Aber wenn du jetzt sagst, ich muss nach Vietnam für fünf Jahre, das wäre bestimmt spannend, glaub' ich.

Gibt es Pläne für ein neues Album?

Wir sind immer wieder dran. Das ist ein schwebender Prozess. Sobald du das letzte Album – das war vor zwei Jahren – fertig hast, fängt es vier Wochen später schon wieder an, dass du die neuen Lieder machst. Wir haben schon drei Alben wieder in der Planung und schauen jetzt, wo der Weg hingeht. Wir haben mal ein Album im Kuhstall gemacht und nur vor Kühen gespielt. So etwas in der Art wäre für uns auch saucool. Mal schauen, wie es uns weitertreibt. Und der Musikmarkt entwickelt sich auch ganz anders. Es kann sein, dass man in Zukunft gar nicht mehr so Alben rausbringt, sondern viele kleine Lieder zwischendrin.

Was sind deine persönlichen Ziele? Gibt es weitere Soloprojekte?

Wir haben im Jahr zwischen 70 bis 100 Konzerte. Und das auf die Füße zu stellen, ist viel Arbeit. Wir haben auf Tour inzwischen auch ein Team von 16 Leuten, die wirklich voll beschäftigt sind das ganze Jahr über. Und das zu organisieren, dass wir eine Firma sind, die sich um alle Leute kümmert, ist momentan die meiste Arbeit. Das macht mir aber sehr viel Spaß, weil LaBrassBanda auch mein Leben ist. Und da ist gerade keine Zeit für andere Projekte. Vielleicht kommt mal wieder die Zeit, aber momentan möchte ich mich auch nicht voll zuballern, weil man eh so wenig freie Tage hat und die verbringt man lieber mit der Familie und den Freunden.