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»Behinderung ist noch immer ein Tabu-Thema«

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Nußdorf: Familie Volk aus Nußdorf besuchte Laura-Haus in Rumänien – »Behinderung ist noch immer ein Tabu-Thema«
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Familie Volk aus Nußdorf besuchte das Laura-Haus. Unser Bild zeigt (von links) Johanna Volk, Peter Volk, Eva Demeter vom Laura-Haus, Irene Volk und Theresa Volk. Der Malteser Hilfsdienst aus Traunstein und aus dem Berchtesgadener Land unterstützt seit Jahren diese Einrichtung für Kinder und Jugendliche in Rumänien. Nun wollten sich deren Geschäftsführer Peter Volk und seine Familie persönlich einen Eindruck verschaffen.

Behinderung ist in Rumänien ein Problem. Betroffene werden ausgegrenzt und diskriminiert, vor allem auf dem Land. Doch im Laura-Haus, einer Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung, ist das anders: Hier sind alle gleich. Hier bekommen alle eine Chance. Der Malteser Hilfsdienst unterstützt diese Einrichtung schon viele Jahre. Auch deshalb haben Traunsteins Geschäftsführer Peter Volk und seine Familie aus Nußdorf das Laura-Haus in Baraolt – einer rumänischen Stadt, in der eine ungarischsprachige Minderheit lebt – auch persönlich besucht. Seine Tochter Theresa Volk berichtet von ihren Eindrücken.


»Wir haben eine Überraschung gemacht«, sagt Eva Demeter in gebrochenem Deutsch und führt mich durch einen kurzen Flur in ein Zimmer ohne Fenster. Die Wände sind bunt bemalt. Eine Lampe wirft künstliches Licht. Sechzehn Augenpaare starren mich an. Eva spricht ein paar Sätze auf Ungarisch. Ich verstehe nur meinen Namen zwischen den fremden Wörtern. Sie gibt den Einsatz und dann fangen alle an zu singen.

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Sechzehn Kinder und Jugendliche schmettern ein altes, rumänisches Volkslied mit viel Leidenschaft und Körpereinsatz. Sie kennen den Text auswendig, haben ihren Auftritt hundert Mal geübt. Der Bub in der Mitte des Raums mit den pechschwarzen Haaren singt am lautesten. Seine Stimme ist kräftig und klar. Manche wippen im Takt hin und her, andere summen, anstatt zu singen. Nur das Mädchen mit den dicken Brillengläsern in der Ecke singt gar nicht mit. Sie grinst über das ganze Gesicht, beobachtet fasziniert die anderen und klatscht vor Freude immer wieder in die Hände. Eva steht im Türrahmen und gibt mit ihrer Hand den Rhythmus vor.

Eva Demeter leitet das Laura-Haus in Baraolt, eine Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit geistiger und körperlicher Behinderung. Die Einrichtung hilft und unterstützt betroffene Familien im Alltag. Im Laura-Haus werden die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert, lernen, handwerklich zu arbeiten, schließen Freundschaften. Dadurch werden sie nicht nur selbstständiger und unabhängiger, sie werden auch Teil der Gesellschaft. Denn das ist in Rumänien nicht selbstverständlich.

Nußdorf: Familie Volk aus Nußdorf besuchte Laura-Haus in Rumänien – »Behinderung ist noch immer ein Tabu-Thema«
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An Weihnachten kommt der Malteser-LKW jedes Jahr bepackt mit bunten Päckchen.

Behinderung ist eine Schande

Baraolt liegt im rumänischen Siebenbürgen, 60 Kilometer nördlich von Kronstadt und hat knapp 8000 Einwohner. Abseits der Autobahn fährt man über einspurige Landstraßen und Feldwege in den Ort. Da die Region lange Zeit zu Ungarn gehörte, wird hier auch heute noch ungarisch gesprochen. Die Menschen leben vom Bergbau, von Landwirtschaft, der Holzverarbeitung und vom Handel. Wer hier ein Familienmitglied mit Behinderung hat, der kann nicht mit großer Unterstützung von Seiten des Staats rechnen. Die wenigen finanziellen Hilfen sind ungerecht verteilt, es gibt keine Haushaltshilfen, keine Hilfe bei der Pflege und auch so gut wie keine Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

Betroffene Kinder und Jugendliche werden einfach vom Schulunterricht ausgeschlossen, ohne Alternative. Fördermöglichkeiten sowie Therapie- und Betreuungseinrichtungen gibt es nicht oder nur sehr selten. Tagesstätten, wie das Laura-Haus, sind die absolute Ausnahme. Vor allem auf dem Land wird Behinderung als eine Schande für die ganze Familie angesehen. Die Kinder werden versteckt, isoliert und ausgegrenzt. Für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, ist es besonders schwer. Nur sehr wenige Wege, Straßen und Zugänge zu öffentlichen Gebäuden haben barrierefreie Zugänge. An Inklusion ist hier nicht zu denken.

Ein blauer Bus holt die Kinder in den Dörfern ab

Doch Eva und ihre Kolleginnen wollen das ändern. Jeden Tag fährt ein blauer VW-Bus mit dem LauraHaus-Logo in die kleinen umliegenden Dörfer und holt die Kinder und Jugendlichen ab. Nicht selten sprechen Eva und ihre Kolleginnen die Familien direkt an und bitten sie darum, ihr Kind in die Tagesstätte zu schicken. »Zuhause haben sie keine Aufgabe«, erklärt Eva. »Sie werden nicht gefördert und bleiben unselbstständig.« Manche der Kinder sind über eine Stunde im Bus unterwegs, bis sie im Laura-Haus ankommen. Sie fahren über Feldwege, über Serpentinen Hügel rauf und runter, fast 80 Kilometer einfach. Doch es lohnt sich. Denn hier im Laura-Haus darf jeder und jede so sein, wie er oder sie ist.

Und gerade sind sie alle hibbelig und aufgeregt wegen des Besuchs aus Nußdorf. Der dunkelhaarige Bub in der Mitte stimmt ein zweites Lied an und alle steigen mit ein. Die Melodie ist fröhlich und einfach. Im Refrain wird geklatscht, was dem Mädchen mit der dicken Brille besonders viel Freude macht. Die Stimmung ist gelöst und als die Kinder bemerken, dass auch ich mitklatsche und mitsinge, fällt auch die letzte Anspannung von ihnen ab.

Wir glauben daran, dass sie alle wichtig sind

2003 gründete die Psychologin und Kindergärtnerin Laura Torth den Verein »We believe, that they are important«. Laura arbeitete damals als Kindergärtnerin und stellte fest, dass Kinder mit Behinderung nach dem Kindergarten nicht zur Schule gehen dürfen. Damals gab es aber keine Alternativbetreuung für diese Kinder. Sie wurden vom System und der Gesellschaft einfach ignoriert.

Gemeinsam mit vielen anderen, engagierten Frauen aus Baraolt und Umgebung erarbeitete Laura ein Konzept, wie ein Tagesablauf mit und für Menschen mit Behinderung aussehen kann. Sie wollte auf die sozialen, mentalen und physischen Bedürfnisse ihrer Schützlinge eingehen, sie in den Dingen fördern, die sie gerne tun. Dabei soll genug Zeit und Raum sein, um ganz individuell mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten zu können. Sie fuhr quer durch Rumänien und in Nachbarländer, zu ähnlichen Einrichtungen, um von ihnen zu lernen. Mit Hilfe des damaligen Bürgermeisters von Baraolt fand Laura auch ein Gebäude, in dem sie all ihre Pläne realisieren konnte. Anfangs gab es nur drei oder vier Kinder, die täglich in die Tagesstätte kamen, doch im Laufe der Jahre wurden es immer mehr. Heute ist das Haus fast zu klein.

2007 starb Laura Torth im Alter von nur 41 Jahren an Hautkrebs. Emília Cseresznyés und Eva Demeter übernahmen die Leitung der Einrichtung und benannten das Haus 2011 im Gedenken an Laura Torth nach ihr. »Laura ist immer noch im Haus«, sagt Eva später bei einer Tasse Tee in ihrem Büro. »Sie ist da und manchmal rede ich auch mit ihr. Ich schimpfe sie, wenn etwas nicht klappt. Oder bitte sie um Hilfe.« Auf Evas Schreibtisch steht ein Bild von Laura. Ihre Augen sind stechend blau und strahlen den Betrachter direkt an. Eva erzählt viel von ihr, von ihrer Vision und ihrem Kampfgeist. Sie muss eine starke Frau gewesen sein, mit einem großen Herz und einer nie endenden Hilfsbereitschaft.

Drei hauptamtliche Mitarbeiter hat das Laura-Haus heute: Eva und ihre beiden Kolleginnen. Sie kümmern sich vor allem um organisatorische Aufgaben und um die Finanzen. Dazu kommen viele freiwillige Helfer, darunter auch eine Tanzlehrerin, eine Logopädin und natürlich der Busfahrer, der die Kinder morgens ins Laura-Haus fährt und gegen 14 Uhr wieder nach Hause bringt. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück und endet mit dem Mittagessen. Dazwischen gibt es Gruppen- und Einzeltherapien, Sing- und Tanzstunden, Handwerk und Handarbeit.

Kampf um Gleichstellung von behinderten Menschen

Mit ihrer Art und Weise, Menschen mit Behinderung zu fördern, ist das Laura-Haus in Rumänien ein absolutes Pionier-Projekt. Noch bis vor wenigen Jahren wurden Menschen mit Behinderung in verschiedenen Einrichtungen unmenschlich und erniedrigend behandelt. Das geht aus Berichten des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hervor. Als Rumänien 2007 Mitglied der Europäischen Union wurde, war die Verbesserung der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung eine der Bedingungen für den Beitritt. Doch das Land macht nur sehr langsam Fortschritte.

Erst im November 2019 wurde bekannt, dass in einem neuropsychiatrischen Rehabilitationszentrum für geistig behinderte Menschen bei Urlati Patienten bei »Fehlverhalten« bis zu einen Monat lang zur Strafe isoliert in einer fensterlosen Kammer eingesperrt wurden. Im September 2019 hatten rumänische Medien aufgedeckt, dass Psychiatriepatienten im nordrumänischen Sighetu Marmatiei in Käfigen gehalten wurden. Von Seiten der Politik werden immer wieder Verbesserung versprochen. Eva Demeter hat jedoch wenig Hoffnung: »Behinderung ist in vielen Orten Rumäniens noch immer ein Tabu-Thema«, sagt sie. »Es steckt in den Köpfen der Menschen, dass Menschen mit Behinderung weniger wert sind als andere. Diese Gedanken zu verändern, ist schwer und dauert sehr lange. Aber wir müssen es versuchen.«

Das Konzert ist vorbei ...

Applaus. Ich klatsche in die Hände so fest und so laut ich kann. Das kleine Konzert der Kinder und Jugendlichen im Laura-Haus ist vorbei. Zur Belohnung gibt es Saft und Schokolade. Wir setzen uns an einen Tisch im Handarbeitsraum. Er ist hell und hat große Fenster zur Terrasse hin. An den Wänden stehen hohe Regale voller Werkzeug und Bastelmaterial. Die meisten der Kinder betrachten mich immer noch argwöhnisch und schüchtern. Nur das Mädchen mit der dicken Brille stellt sich neben mich und schüttelt meine Hand. Sie sagt nichts. Bedankt sich aber mit einem breiten Grinsen für die Schokolade, die ich mitgebracht habe.

Das Laura-Haus finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Der Bürgermeister am Ort und auch der Kreisrat von Kovasna stehen hinter der Einrichtung und geben so viel Geld, wie möglich. Aber auch andere Vereine, Unternehmen in der Umgebung und Privatpersonen spenden regelmäßig. »Die größte Unterstützung bekommen wir aber aus Deutschland«, sagt Eva stolz.

Möbel, Matratzen, Wolle und Spielzeug

Seit 2014 arbeitet das Laura-Haus mit dem Malteser Hilfsdienst aus Traunstein und aus dem Berchtesgadener Land zusammen. Der Kontakt entstand durch die Krankenschwester Júlia Balázs, die aus Baraolt stammt und im Landkreis Traunstein lebt. Bis zu acht Mal im Jahr fährt ein großer Lastwagen, bepackt mit Sachspenden, von Deutschland aus nach Rumänien: Kühlschränke, Betten, Kleidung, Möbel, Matratzen, Wolle, Spielzeug, Fahrräder aber auch Baumaterial, Pflegebetten und Rollstühle.

Alle Spenden werden in Baraolt in einem Lager sortiert, repariert, gereinigt und dann weiterverkauft. Die Arbeit übernehmen die Jugendlichen im Laura-Haus und viele Ehrenamtliche. Vom Erlös werden die Kosten der Einrichtung gedeckt. Durch die Hilfstransporte der Malteser wird nicht nur das LauraHaus finanziert, die Jugendlichen haben auch eine Aufgabe und durch den SecondHand-Laden im Nebengebäude des Laura-Hauses kommen die Leute im Dorf auch mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt. »All das sind kleine Schritte der Inklusion,« erklärt Eva.

Und an Weihnachten kommt der Malteser-LKW bepackt mit großen bunten Päckchen, gefüllt mit Grundnahrungsmitteln, Hygieneartikeln, sowie mit Spielsachen für die Kinder. »Wir verteilen sie an bedürftige Menschen im Ort und an die Familien unserer Kinder und Jugendlichen,« erzählt Eva. Ihre Augen leuchten. Sie stellt ihre Tasse Tee auf ihren Schreibtisch, vor dem Bild von Laura Torth ab. Plötzlich wird sie ganz ernst. »Ich sage ihnen, ohne die Hilfe der Malteser würde es das LauraHaus nicht mehr geben. Wir sind sehr dankbar. Und alle Kinder auch.«

Wer das Laura-Haus in Rumänien unterstützen möchte, kann sich an den Malteser Hilfsdienst wenden oder spenden an IBAN: RO76 RNCB 0125 0089 9749 0002 BIC: RNCBROBUXXX Bank: BCR AG Baraolt.

Theresa Volk

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