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Mittlerweile zeigt Tamara auf ihrem Kanal auch Bilder vom heimischen Bauernhof. Bei ihren Followern kommt das gut an. Michael nutzt Instagram nicht nur für seine Landschaftsfotografien, sondern hat sich auch getraut, mit seinen Abonnenten offen über seine Depressionen zu sprechen. (Fotos: Schweidler/Perschl)

Aus der Region – für die Region: So arbeiten heimische Influencer auf Instagram

Ständig im Urlaub, auf dem Berg oder beim Shoppen – schnell ein Foto geschossen, ein kurzer Text dazu: Und mit nur einem Instagram-Beitrag ist im Handumdrehen ein ganzes Monatsgehalt verdient. Derart mühelos stellen sich viele den Alltag von Influencern vor, die deshalb nicht selten belächelt werden. Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erzählen Tamara Schweidler (27) aus Lauter und Michael Perschl (33) aus Otting, dass dieses Vorurteil nicht stimmen muss und hinter dem Beruf harte Arbeit, Sorgen und Verantwortung stecken.


Der 27-jährigen Tamara folgen auf ihrem Instagram-Kanal @bergfexn gut 35.000 Menschen – die meisten jung und sportbegeistert. Dass sie mit ihrer Arbeit ihre Heimat unterstützt, ist der Surbergerin sehr wichtig: »Für mich ist das ein Kreislauf: Ich lebe in der Region, bekomme Geld von heimischen Firmen und gebe es hier auch wieder aus.« Mittlerweile ist Instagram für sie zu einem richtigen Beruf geworden. Mindestens 20 Stunden die Woche wendet sie neben ihrem Teilzeitjob als Medienpädagogin und der Mitarbeit auf dem heimischen Bauernhof dafür auf.

Mit einem Foto von Tamara mit einem Weißbier auf dem Hochfelln hat 2017 alles angefangen: »Das kam gut an, wurde immer mehr und irgendwann wollten die ersten mit mir zusammenarbeiten.« Zunächst erhielt sie für ihre Arbeit kein Geld, sondern lediglich die Sachen, für die sie Werbung machte, geschenkt. Dabei steckte sie damals bereits einiges an Aufwand in ihre Beiträge: »Ich plane die Tour, gehe auf den Berg, mache Fotos und Videos, daheim bearbeite ich sie und schreibe einen Text dazu. Und ein gewisses technisches Equipment muss man sich ja auch zulegen. Das Verhältnis von Arbeit und Ausgaben und dem, was man dafür bekommt, stimmte irgendwann nicht mehr. Du hast einen Haufen Produkte daheim und bist nur noch überfordert.« Ihr Freund ermutigte sie schließlich, den Sprung zu wagen und ein Kleingewerbe anzumelden.

Sie wird von den Firmen nicht pro ins Netz gestellten Beitrag bezahlt, sondern erhält monatlich einen vertraglich vereinbarten Festbetrag. Durch Tamaras heimische Landwirtschaft geht die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen manchmal sogar noch einen Schritt weiter: Beispielsweise liefert die Familie einem Fruchtsaftproduzenten aus dem Landkreis jedes Jahr ein paar Kisten Obst aus dem heimischen Garten. Auf ihrem Instagram-Kanal begleitet Tamara das Wachstum im Frühling und Sommer, zeigt die Ernte im Herbst und bewirbt schließlich das fertige Produkt.

Melken, Bulldogfahren und Kühe füttern

Generell hat Tamara vor einiger Zeit begonnen, neben dem Bergsport immer mehr landwirtschaftliche Inhalte auf ihrem Kanal zu teilen. Ihre Abonnenten sind begeistert und ihre regionale Reichweite ist enorm gestiegen. Pro Beitrag erreicht sie mittlerweile etwa 40.000 Menschen. Wenn es besonders gut läuft, sind es 200.000. Sie zeigt sich beim Melken, Bulldogfahren, Füttern und mit der Motorsäge, fotografiert den heimischen Stall und sich selbst beim Kuscheln mit den Kühen. Und das alles aus gutem Grund, wie Tamara erzählt: »Ich möchte den Leuten zeigen, wo ihr Essen herkommt und was es dafür alles an Arbeit braucht. Natürlich sind meine Fotos nur ein Ausschnitt und ich stelle manches etwas romantischer dar, als es in Wirklichkeit ist – dabei versuche ich aber immer, transparent zu bleiben. Und meine Follower schätzen diese Authentizität.«

Doch Tamara möchte nicht nur zeigen, dass es ihren Tieren gut geht, sondern nutzt ihre Reichweite auch, um ihren Followern Hintergrundwissen näherzubringen. Dafür hat sie extra Kurse beim Bildungsprogramm Landwirt (BiLa) belegt: »Ich bin mir der Verantwortung, die ich habe, bewusst und möchte alles, was ich zeige, mit fundierten Fachkenntnissen begründen können.«

»Ich mache Menschen Lust auf Urlaub bei uns«

Kein Influencer im klassischen Sinne ist Michael Perschl aus Otting. Er verdient mit den geteilten Bildern auf seinem Kanal @perschl_miche kein Geld und nutzt die Plattform nur, um auf sich und seine Arbeit aufmerksam zu machen. »Ich beeinflusse die Menschen eher dahingehend, dass ich ihnen Lust auf Urlaub bei uns mache«, schmunzelt der 33-Jährige.

Fotografiert hat Michael schon länger gerne, doch erst 2019 hat er durch dieses Hobby auch seine Leidenschaft für Bergtouren entdeckt. »Und 2020 ging es dann so richtig los – wegen Corona haben viele Deutsche daheim Urlaub gemacht und immer mehr regionale Tourismusbüros kamen auf mich zu«, erinnert sich der Ottinger. Um seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen, teilt Michael seine Fotos auch auf Instagram. Mittlerweile folgen ihm dort knapp 12.000 Menschen.

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Am liebsten fotografiert Michael Sonnenauf und -untergänge: „Da hat man das schönste Licht!“ (Foto: Perschl)

Neben seiner Vollzeitbeschäftigung als Technologe und Projektkoordinator arbeitet Michael jede Woche bis zu 20 Stunden als Fotograf – immer auf der Suche nach dem einen ganz besonderen Motiv in den heimischen Alpen. Das meiste Geld verdient Michael dabei mit dem Verkauf seines Fotokalenders, den er mit Hilfe seines Instagram-Kanals bewirbt. Seine zweitwichtigste Einnahmequelle sind Tourismusbüros und Werbeagenturen, die ihn inzwischen auch gezielt beauftragen. Michael verkauft ihnen dann die Rechte an seinen Bildern, welche dann für Broschüren, Gastgeberverzeichnisse, im Internet oder als Schmuck in Ferienwohnungen verwendet werden.

»Technik ist vergänglich«

Mit dem Fotografieren allein ist es natürlich auch bei Michael nicht getan: Zunächst müssen die Touren ausgewählt und geplant, die Bilder im Nachgang bearbeitet werden. Inzwischen hat der 33-Jährige auch schon gut 20.000 Euro für Spiegelreflexkameras, Drohnen, Festplatten und Bearbeitungsprogramme ausgegeben. »Dabei muss man beachten, dass Technik vergänglich ist – man muss also immer wieder neu investieren«, erklärt der Ottinger. Wer mit Instagram Geld verdienen möchte, steht permanent unter Druck. Man müsse konstant neue Beiträge liefern, sonst würde man vielen Instagram-Nutzern gar nicht erst angezeigt, berichten die beiden. »Der Algorithmus bestraft es sofort, wenn man nicht regelmäßig präsent ist. Und auch die Abonnenten selbst wollen stets neue Inhalte sehen und unterhalten werden«, erklärt Michael. Dabei muss er sich oft doppelt Mühe geben, denn Landschaftsbilder sind grundsätzlich weniger gefragt als sexualisierte oder Gewaltinhalte, die der Algorithmus tendenziell auf mehr Konten ausspielt. Trotzdem erreicht auch der Ottinger mit seinen Instagram-Posts bis zu 60.000 Menschen.

Instagram und Depressionen

Neben seinem Vollzeitjob und einem größeren Umbau daheim ist dem 33-Jährigen das alles irgendwann zu viel geworden: »Meine Follower haben sich schon gewundert, dass immer weniger von mir kam und mich gefragt, ob es mir gut geht. Irgendwann habe ich dann entschieden, dass ich offen damit umgehen will und erklärt: 'Ich habe Depressionen.'« Den Ottinger erreichten daraufhin unzählige, durchweg positive Nachrichten. »Viele haben geschrieben, dass es ihnen auch so geht und sie es toll finden, dass ich es öffentlich mache. Da kam wirklich nur Zuspruch.« Michael beantwortet viele Fragen und tauscht sich mit seinen Abonnenten über die Erkrankung und Erfahrungen damit aus. Mittlerweile befindet sich der 33-Jährige auf dem Weg der Besserung. Er sagt: »Der Stress und Druck durch Instagram haben zwar zu meiner Depression beigetragen, der offene und vertrauensvolle Kontakt mit meinen Abonnenten hat mir aber wiederum auch geholfen, gesund werden zu können.«

Und auch Tamara zeigt nicht nur die heile Welt auf ihrem Instagram-Kanal. In kurzen Videos spricht sie über sensiblere Themen wie die Behandlung ihrer Akne, die Depression einer Verwandten oder auch über den richtigen Umgang mit den aktuellen Kriegsinhalten in sozialen Medien. Sie und Michael sind sich einig, dass sich Instagram als soziale Plattform in den letzten Jahren stark verändert hat. »Die Leute haben mehr Lust auf das 'wahre Leben' auf Social Media. Sie wollen nicht mehr so viel perfekte Selbstdarstellung und finden es gut, wenn man Probleme und Sorgen offen teilt.« Tamara ergänzt: »Dabei muss man aber auch aufpassen, was man kommuniziert. Oft ist es am besten, auf Hilfshotlines zu verweisen. Wir sind schließlich weder Therapeuten noch eine Beratungsstelle.« Und doch helfe die öffentliche Diskussion auf Instagram vielen Menschen bereits, zu erkennen, dass sie nicht alleine sind, erklärt die 27-jährige Medienpädagogin.

Auch und vor allem was die Bergtouren angeht, die sie auf ihren Kanälen zeigen, sind sich Tamara und Michael ihrer Verantwortung bewusst. »Egal, wie viele Follower man hat: Man muss immer eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen, denn man steht einfach in der Öffentlichkeit. Natürlich steigen die Verantwortung und der Druck mit steigender Followerzahl.« So ist es für die beiden eine goldene Regel, nicht zu teilen, auf welchem Gipfel man sich gerade befindet, um Nachahmer zu vermeiden. »Abhängig vom Wetter, den Schneeverhältnissen und natürlich auch der eigenen Kondition sollte sich jeder die Tour, der er gewachsen ist, selbst heraussuchen. Denn wir sind kein Reise- und auch kein Bergführer, sondern möchten lediglich Inspiration geben«, betont Michael.

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Die 27-Jährige ist sich der Verantwortung, die sie ihren Abonennten gegenüber hat, bewusst – gerade was den Bergsport angeht. (Foto: Schweidler)

Trotzdem bleiben viele Nachrichten und Nachfragen, auf welchem Berg dieses oder jenes Foto entstanden ist, natürlich nicht aus. »Das ist ein schmaler Grad. Da man die Inspiration gibt, hat man ja doch wieder die Verantwortung und der versuche ich auch, gerecht zu werden«, so Tamara. »Aber die Leute sollen mir nicht blind hinterherrennen. Wenn sie sich informiert haben, sich die richtige Ausrüstung zugelegt haben und sich sicher sind, dass sie eine Tour konditionell schaffen, beantworte ich gerne noch offene Fragen.«

Wegen Empfehlung von Influencern: Zu viele Besucher am Königsbach-Wasserfall

Nicht alle Influencer gehen so gewissenhaft mit ihrer Vorbildfunktion um. Welche Konsequenzen das mitunter haben kann, zeigt ein Beispiel aus der Region: Der sogenannte Infinity Pool im Königsbach-Wasserfall war lange Zeit ein Geheimtipp im Nationalpark Berchtesgaden. Die Gumpen wurden in den vergangenen Jahren allerdings derart überrannt, dass dem Landratsamt Berchtesgadener Land zum Wohle der Tier- und Pflanzenwelt im Juni 2021 keine andere Wahl mehr blieb, als das Gebiet für fünf Jahre zu sperren. Grund für den hohen Besucherandrang waren laut Landratsamt »zahlreiche Beiträge in den sozialen Netzwerken in kurzer Zeit«. Tamaras und Michaels Kommentar dazu: »Manche haben einfach keinen Respekt vor der Natur.«

Solche und ähnliche Vorfälle helfen natürlich nicht dabei, das klischeebehaftete Image von Influencern abzubauen. Negative Kommentare und boshafte Nachrichten trudeln daher vor allem bei Tamara von Zeit zu Zeit ein. »Am häufigsten kommen Sprüche wie: ‚Du verdienst einen Haufen Geld dafür, dass du nur blöd am Berg rumstehst.‘ Oder: ‚Du kriegst Sachen fürs Nichtstun geschenkt.‘ Aber ich bekomme ja nichts umsonst.« Auch für die Fotos und Videos, die die Surbergerin vom heimischen Bauernhof zeigt, gibt es oft Gegenwind. Mit solchen Anfeindungen im Internet kann sie mittlerweile umgehen: »Man ist ja nicht immer unbedingt man selbst, sondern nimmt auch irgendwo eine Rolle ein. Und hinter der Online-Anonymität fällt es dann leicht, uns einfach so mitzuteilen: ‚Ich find dich blöd‘.«

Glücklicherweise stehen solche Nachrichten aber nicht auf der Tagesordnung. Auch Tamara schätzt den positiven Diskurs mit ihren Followern sehr. Ein weiterer Mehrwert für sie – denn alle Erfahrungen, die sie macht, kann sie in ihre Arbeit als Medienpädagogin mitnehmen: »Ich zeige den Jugendlichen direkt aus der Praxis, wie ein gesunder Umgang mit Social Media aussehen sollte.«

JuC

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