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414 Euro für zehn Minuten Arbeit

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Teuer kann es werden, wenn der Schlüssel im Haus liegt und die Türe zugefallen ist. Das hat auch Klaus Frühauf zu spüren bekommen.

Palling – Kurz vor Mitternacht an einem Montag. Klaus Frühauf will vor dem Schlafengehen noch kurz an die frische Luft, da fällt seine Haustüre ins Schloss. Diese Unachtsamkeit kommt dem 55-jährigen Pallinger teuer zu stehen. Ein vermeintlich lokaler Schlüsseldienst verlangt 414,12 Euro für das Öffnen seiner Tür. Das sei sehr viel, wie Juliane von Behren von der Verbraucherzentrale Bayern bestätigt. »150 bis 200 Euro wären hier üblich, je nachdem, was genau zu machen war und wie lange das Ganze dauerte.«


Angeblich »langjähriger Monteur aus Hassmoning«

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Klaus Frühauf klopft in der besagten Nacht bei seinem Nachbarn und sucht gemeinsam mit ihm nach einem Schlüsseldienst vor Ort. Ein einheimisches Unternehmen ist ihm wichtig, denn er hat schon viel von unseriösen Schlüsseldiensten gehört. Dabei wird er im Internet fündig: Schlossfachmann Daniel H. wird dort als »langjähriger Monteur aus Hassmoning« geführt. Daneben steht eine Telefonnummer mit Traunreuter Vorwahl, bei dieser ruft Klaus Frühauf an. Er versucht bereits am Telefon zu erfragen, was denn das Öffnen der Türe ungefähr kosten wird. »Aber irgendwie schaffte es der Mann, sich nicht festlegen zu lassen.« Auch beim Bezahlen wird der 55-Jährige seinem Gefühl nach völlig überrumpelt. »Ich musste sofort zahlen. Soviel Bargeld hatte ich natürlich nicht da, deshalb zahlte ich mit Karte. Erst danach fiel mir auf, dass das jetzt sehr viel Geld war für nicht mal zehn Minuten Arbeit.« Klaus Frühauf kann es sich nur so erklären, »dass ich eh schon total bedient war an dem Abend«.

Am nächsten Tag geht er zur Polizei und muss feststellen: Einen Schlosser Daniel H. gibt es in Hassmoning gar nicht. Der vermeintlich lokale »Schlossfachmann« ist vielmehr deutschlandweit als »langjähriger Monteur« unterwegs, egal ob man in Traunstein, Berlin oder Köln nach einem Schlüsseldienst im Internet sucht – jeweils mit der entsprechenden Vorwahl der Stadt und dem immer gleichen Foto eines seriös wirkenden Mannes Mitte 50 in einer Werkstatt.

»Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann kann man sich das Geld nur über den Klageweg zurückholen«, sagt Juliane von Behren, Juristin der Verbraucherzentrale Bayern. Das hat Klaus Frühauf versucht, doch bislang ohne Erfolg. Denn ein entsprechendes Schreiben seiner Anwälte ist zurückgekommen. Sie haben herausgefunden, dass die Firma von Daniel H. in Glauchau im sächsischen Landkreis Zwickau sitzen soll. Doch der Polizei dort ist kein Daniel H. bekannt, wie ein Beamter dem Traunsteiner Tagblatt verrät. Es gebe aber einen Mann mit ähnlichem Namen, gegen den mehrere Ermittlungsverfahren laufen. Um was es dabei konkret geht, will der Polizist aus Glauchau nicht sagen.

»Betrug ist sehr schwer nachzuweisen«

»Es ist wichtig, unseriösen Anbietern auf die Füße zu treten«, betont Juliane von Behren. Doch Betrug sei oft sehr schwer nachzuweisen. »Außerdem gibt es in der Sache auch ganz unterschiedliche Urteile. Manche Richter halten auch 400 Euro für einen ganz normalen Preis.«

Das Problem sei, dass das Ganze meist aus einer Notsituation heraus geschehe. Juliane von Behren gibt deshalb ein paar Tipps, damit Betroffene nicht abgezockt werden: Einen Ersatzschlüssel bei Freunden/Nachbarn deponieren oder schon im Vorfeld die Telefonnummer eines lokalen Schlossers heraussuchen. Wem so etwas am Wochenende oder in der Nacht passiere, der sollte sich überlegen, ob er nicht besser bei Freunden übernachtet und das Ganze am nächsten Tag regelt, sagt Juliane von Behren. »Denn die Nacht- und Wochenendzuschläge können sehr hoch sein.«

Das hat auch Klaus Frühauf zu spüren bekommen. 100 Prozent Aufschlag sind bei ihm dazugekommen, weil er den Schlüsseldienst nach 22 Uhr gerufen hat. Der Pallinger will es nun über die Adresse auf seiner Rechnung versuchen. Diese ist kurioserweise eine andere als die von Daniel H. in Glauchau. Sie führt nach Essen. Empfänger des Geldes ist dem Namen nach ein Fußballprofi, der derzeit ohne Vertrag ist. Doch ob das stimmt, ist fraglich. Die Polizei wird nun versuchen, über die IBAN-Nummer den Empfänger der 414,12 Euro von Klaus Frühauf zu ermitteln. Falls dies gelingt, wird die Staatsanwaltschaft prüfen, ob Wucher oder eine andere Straftat wie arglistige Täuschung vorliegt. Für den Pallinger heißt es: abwarten und hoffen. Klara Reiter