Prozess um Horrorunfall in Kolbermoor neu aufgerollt

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Der inzwischen 28-jährige Angeklagte Sebastian M., hier mit seinen Verteidigern Maria-Theresa Herzog und Florian Eder aus Freilassing, soll eine Mitschuld tragen an einem Horrorunfall am 20. November 2016 in Rosenheim, bei dem zwei Frauen (21 und 15) starben und drei Menschen schwer verletzt wurden. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Ein inzwischen 28 Jahre alter Mann aus Riedering muss sich seit Donnerstag ein weiteres Mal wegen eines nächtlichen Horrorunfalls am 20. November 2016 an der Miesbacher Straße in Rosenheim vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Er soll Mitschuld tragen am Tod von zwei Frauen (21 und 15). Bei dem Crash wurden außerdem drei Menschen schwer verletzt. Die Erste Strafkammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will hat sieben Verhandlungstage anberaumt. Das Urteil wird am 15. Juni erwartet.


An dem schrecklichen Unfall waren mehrere Fahrzeuge direkt oder indirekt beteiligt. Der Riederinger und ein bereits rechtskräftig verurteilter, zweiter Autofahrer aus Kolbermoor fuhren am 20. November 2016 mit ihren getunten BMWs auf der Miesbacher Straße von Rosenheim nach Kolbermoor. Ein Mann aus Ulm, ebenfalls rechtskräftig bestraft, wollte die plötzlich langsamer fahrenden BMWs mit seinem VW Golf überholen. Als er angesichts des ihm entgegenkommenden Nissan Micra, in dem die drei jungen Frauen saßen, zurück auf die rechte Fahrbahn wollte, sollen ihn die BMWs am Wiedereinscheren gehindert haben. Die Fahrerin (21) und die 15-Jährige auf dem Rücksitz des Nissan Micra starben bei dem Frontalzusammenstoß mit dem VW Golf, die Beifahrerin trug schwerste Verletzungen davon, ebenso der Ulmer und seine Beifahrerin.

Die Vorsitzende Richterin informierte am Donnerstag über den Gang des langwierigen Verfahrens und die wichtigsten Entscheidungen. Der Golf-Fahrer akzeptierte vor dem Amtsgericht Rosenheim seine 20-monatige Bewährungsstrafe 2018 sofort. Gegen das Urteil des Amtsgerichts vom März 2019 mit Freiheitsstrafen ohne Bewährung von zwei Jahren und mehr für die BMW-Fahrer legten sowohl die Angeklagten als auch Staatsanwalt Jan Salomon Berufung ein. Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein hörte im Spätherbst 2020 zahlreiche Zeugen an und bestätigte letztlich die Entscheidung gegen die BMW-Lenker aus erster Instanz. Während der Angeklagte aus Kolbermoor auf Rechtsmittel verzichtete, legte der wiederum zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilte Riederinger Revision ein.

Das Bayerische Oberste Landesgericht hob das Landgerichtsurteil vom November 2019 per Beschluss im August 2020 auf. Die Begründung: Während des Prozesses in Traunstein ging es gegen den mitangeklagten Kolbermoorer auch um ein illegales Autorennen. In dieser Zeit verließ der zweite Angeklagte aus Riedering mit seinem Verteidiger den Gerichtssaal. Der Vorsitzende Richter hatte auf Frage des Anwalts mit einer zustimmenden Handbewegung reagiert. Es hätte jedoch eines formellen Beschlusses bedurft, stellten die Richter des Bayerischen Obersten Landesgerichts fest. Dieser Formfehler bilde einen so genannten »absoluten Revisionsgrund«.

Einer der Verteidiger, Dr. Florian Eder aus Freilassing, erklärte zu Prozessauftakt, der Angeklagte werde sich derzeit weder zu seiner Person noch zur Sache äußern, möglicherweise aber später. Die Erste Strafkammer vernahm lediglich zwei der Nebenkläger. Eine der damals bei dem Unfall schwer Verletzten, die inzwischen 24 Jahre alte Schwester der bei dem Unfall getöteten 15-Jährigen, schilderte, man sei zu dritt beim Abendessen in Kolbermoor gewesen. Kurz vor 21 Uhr seien sie aufgebrochen, um heim nach Samerberg zu fahren. »Ich kann mich erinnern, ins Auto eingestiegen zu sein. Dann bin ich zwei Tage später im Krankenhaus aufgewacht«, berichtete die junge Frau. Sie fuhr unter Tränen fort, ihre Mama sei in die Klinik gekommen und habe ihr gesagt, dass die Schwester gestorben sei.

Mit den Folgen der schweren Verletzungen hat die 24-Jährige bis heute zu kämpfen – psychisch wie körperlich. »Meine Schwester ist gestorben. Ich werde jeden Tag damit konfrontiert«, so die Zeugin wörtlich. Sie habe neurologische Probleme wie Nervenstörungen und Kopfschmerzen, müsse sich deshalb jeden Tag zwei Stunden hinlegen. Ihr Geschmackssinn sei beschränkt, der Geruchssinn ganz weg. Letzteres werde sich wohl auch nicht mehr ändern. Augenschmerzen plagten sie, insbesondere bei Lichteinfall. Hinzu kämen orthopädische Beschwerden. Sie könne ein Knie nicht richtig abwinkeln. »Ich kann nicht mehr Ski fahren und joggen – was ich total gern gemacht habe«, bedauerte die 24-Jährige im Zeugenstand, die bereits fünf Operationen über sich ergehen lassen musste. Ihre Lebensqualität sei aus psychischen und physischen Gründen sehr eingeschränkt. Arbeiten könne sie nur jeweils fünf Stunden an drei Tagen pro Woche.

Staatsanwalt Jan Salomon, der Ankläger in allen Instanzen war, fragte nach Besserungschancen bei den orthopädischen Problemen. Das sei nach derart langer Zeit fraglich, so die junge Frau sinngemäß. Der Vater der 21-Jährigen, die bei dem Unfall ebenfalls getötet wurde, informierte auf Bitte des Gerichts über den Sachschaden an dem Nissan Micra. Die gut 3000 Euro seien voll von der Versicherung reguliert worden. Der Vater, immer noch sichtlich tief betroffen, hob heraus, es gebe viel zu viele illegale Autorennen und viel zu viele Tote dadurch.

Der Prozess, der am Donnerstag nur eine knappe Stunde dauerte, wird am 1., 2., 8., 9., 10. und 15. Juni, jeweils um 9.30 Uhr, fortgesetzt. Am kommenden Dienstag sollen weitere der insgesamt rund 40 Zeugen zu Wort kommen. Der unfallanalytische Sachverständige wird sein Gutachten voraussichtlich am fünften Verhandlungstag erstatten. kd

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