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Verkommt das Naturschutzgebiet zur Müllkippe?

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Ganz egal, wohin man in der Hirschauer Bucht blickt: Überall massenweise angeschwemmtes Holz, dazwischen jede Menge Müll.
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So sah es noch in den 1960er Jahren aus: Sandstrand in der Hirschauer Bucht, die auch ein beliebter Badeplatz war. Baden darf – und könnte man auch – hier schon lange nicht mehr.
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Berge von Müll (von der Plastiktüte über Styropor bis hin zu Kanistern und Altreifen) und etwa 100 000 Kubikmeter Holz: So sieht's in der Hirschauer Bucht aus – und bislang unternahm niemand etwas dagegen. Das bringt den langjährgen Verbandsrat des Abwasser- und Umweltverbands Chiemsee, Heinz Wallner, dessen Frau Irmi den Fischereibetrieb »Thomafischer« in Chieming betreibt, sprichwörtlich auf die Palme. »Es ist höchste Zeit, dass etwas passiert«, betont Wallner, der sich diesbezüglich auch an den Gebietsbeauftragten für den Chiemsee, Hannes Krauss, gewandt hat. Man könne die Verlandung des Chiemsees – derzeit jährlich um etwa einen Hektar – zwar nicht stoppen, aber immerhin verlangsamen.


Es ist noch nicht allzu lange her, da war die Hirschauer Bucht für viele der schönste Badestrand des Chiemsees, heute gleicht sie – drastisch ausgedrückt – einer Müllkippe. Fotos von vor etwa 50 Jahren belegen, dass dort, wo sich heute Müll und Schwemmholz türmen, damals ein herrlicher Sandstrand befand. Laut Wallner betrage allein die Menge an Plastikmüll etwa 1000 Kubikmeter.

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Den Müll einfach wegräumen – das hört sich gut an, ist aber nicht machbar. Denn im Naturschutzgebiet darf nichts verändert werden. Will heißen: Egal ob Schwemmholz oder Müll, was einmal angeschwemmt wurde, darf – oder besser: muss – dort bleiben. Für Wallner stellt sich da die Frage, ob sich hier »der Naturschutz nicht selbst ein Bein stellt«. Schließlich weiß jedes Kind, dass Plastik und andere Kunststoffe in der Natur nichts verloren haben, vielmehr von ihnen durchaus Gefahren für die Umwelt ausgehen können. »Auch wenn sich Plastik und Styropor nicht zersetzen, mit der Zeit zerfallen sie doch in winzig kleine Teilchen, die dann unter anderem von den Fischen gefressen werden und so letztlich in der Nahrungskette landen«, so Wallner. »Wie das mit dem Naturschutz in Einklang zu bringen ist, ist mir schleierhaft.« Es müsse also auch im Interesse des Naturschutzes sein, wenn der angeschwemmte Müll jährlich, spätestens aber alle zwei Jahre, aus dem Naturschutzgebiet entfernt wird. »Selbstverständlich außerhalb der Brutzeit der Wasservögel«, so Wallner.

Bei diesen Säuberungsaktionen könnte das angeschwemmte Holz auch gleich mit geborgen werden. Es stelle zwar keine Gefahr für die Natur dar, beschleunige aber die Verlandung des Chiemsees ungemein. Dabei ließe es sich – sicherlich auch im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes – als natürlicher Energieträger nutzen.

Der Landkreis hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 energieautark zu sein, da könne man nicht darauf verzichten, auf natürliche Ressourcen zurückzugreifen. Wallner: »Das angeschwemmte Holz kann man durch energetische Verwendung nachhaltig nutzen. Hier liegt Brennstoff, den man zu Hackschnitzeln verarbeiten kann, kostenlos vor der Haustür, man braucht ihn nur bergen.«

Die jährlich angeschwemmte Holzmenge sei ein »gewaltiger Energieträger«. Sicherlich sei es nicht so, dass jedes Jahr derartige Mengen zusammenkommen wie beim Hochwasser Anfang Juni, – etwa 100 000 Kubikmeter –, aber einige zehntausend Kubikmeter seien es immer noch. Wallner weiter: »Wenn man von einem Holzwarenwert von 10 bis 15 Euro pro Kubikmeter ausgeht, dann wird auch die wirtschaftliche Größenordnung deutlich.« Die Holzmenge aus der Hirschauer Bucht zu bergen, sei durchaus machbar, versichert Wallner. Er habe sich bereits bei entsprechenden Firmen erkundigt und die Antwort bekommen, das sei technisch kein Problem. Es müsse jetzt aber schnell gehandelt und nicht nur geredet werden, so Wallner, denn wenn die Verlandung weiter so schnell voranschreite wie derzeit, dann »ist die Hirschauer Bucht nicht nur aus Sicht der Berufsfischer bald tot«. Für ihn ist klar: Den Chiemsee und alle seine Ufer sauber zu halten, ist angewandter Naturschutz.«

Der Gebietsbeauftragte für den Chiemsee, Hannes Krauss, hat Verständnis für die Anliegen der Berufsfischer, für ihn stellt sich das Müll-Problem allerdings als das größere dar. Er ist sich nicht sicher, ob es etwas bringt, das ganze Holz zu bergen. Strikt dagegen ist er aber auch nicht: Wenn die Verlandung der Hirschauer Bucht dadurch deutlich – also mehr als nur ein paar Jahre – verzögert werden kann und die Holzbergung naturschutzfachlich abgesichert ist und so schonend wie möglich vorgenommen wird, dann habe er nichts dagegen, man müsse aber nicht jedes Jahr »blanke Ufer« schaffen. Vorrangig sei für ihn aber das Müllproblem. Hier spricht er sich klar dafür aus, dass dieser geborgen und fachgerecht entsorgt wird. Krauss würde es befürworten, wenn bei einem sogenannten »Runden Tisch« alle Beteiligten – Abwasser- und Umweltverband Chiemsee (AZV), Wasserwirtschaftsamt als für den Gewässerunterhalt zuständige Stelle, Regierung von Oberbayern, Landratsamt, Berufsfischer und Chiemsee-Gemeinden – zu einer klaren mehrheitlichen Meinung kommen und das dann umgesetzt wird.