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»Mama, ich hab' sogar einen Sitzplatz gekriegt«

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Hier können sich alle Schüler festhalten – das ist aber längst nicht in jedem Schulbus der Fall. Deshalb unterstützen auch Traunsteiner Eltern die Petition des Rottaler FDP-Politikers Dominik Heuwieser für eine Sitzplatzpflicht in bayerischen Schulbussen. (Foto: ADAC)

Traunstein. Drängeleien an der Haltestelle, überfüllte Schulbusse, Erstklässler, die so dicht gedrängt im Bus stehen, dass sie sich nirgends festhalten können – das ist Realität in Bayerns Schulbussen, und das meist ganz legal. Denn die Schulbusse haben hochoffiziell meist noch einmal so viele Steh- wie Sitzplätze – Schultaschen natürlich nicht mitgerechnet.


»Die standen Schultasche an Schultasche«

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»Das war ein Gepferche, die standen Schultasche an Schultasche«, sagt dazu Regina Timm, Mutter einer Erstklässlerin aus Traunstorf. »Und die Kleinen konnten sich nicht mal festhalten, weil die Griffe zu weit oben sind.« Umso glücklicher sind nun die Eltern, dass die Stadt seit kurzem einen zweiten Bus einsetzt, der in Geißing startet, in Traunstorf hält und an der Grundschule Haslach. »Mama, ich hab' sogar noch einen Sitzplatz gekriegt«, berichtete die achtjährige Julia Engel strahlend, als sie nach der ersten Fahrt mit dem neuen Schulbus heim kam.

»Da muss man unterscheiden«, erklärt dazu der stellvertretende Leiter des RVO in Traunstein, Bernd Böhm. »Mit dem Linienbus kann jeder fahren, auch Schüler, der Schulbus ist für die Öffentlichkeit nicht freigegeben, den bestellt die Kommune nur für Schüler.« Wie die Stadt Traunstein verweist auch er darauf, dass alles rechtlich korrekt ist. »Die zulässige Zahl der Stehplätze erreicht man in der Praxis nicht«, sagt er, »das könnte ja kein Busfahrer kontrollieren.«

Kein einziger »echter Schulbusunfall« in 28 Jahren

Allerdings kann Böhm sich an keinen »echten Schulbusunfall« erinnern – »und ich bin jetzt seit 28 Jahren beim RVO«. Wohl seien mal die Türen zu schnell zugegangen, »aber die öffnen sich ja sofort wieder, wenn da ein Widerstand ist.« Und nach dem Zusammenstoß eines Busses mit einem Auto seien zwei Kinder vorsorglich zum Arzt geschickt worden – »die waren beide am nächsten Tag wieder in der Schule.«

Größer sei die Gefahr an den Haltestellen. »Wenn sich alle richtig verhalten, ist das kein Problem. Drum bietet ja der RVO die Schulbustrainings an.« Doch auch das ist derzeit noch ein Problem in Traunstorf: »Wir haben ja nicht einmal eine ordentliche Haltestelle«, sagt Regina Timm. Bisher müssen die Kinder aus dem Neubaugebiet Kaiserstraße/Marwanger Ring an der viel befahrenen Kreuzstraße entlang bis zum alten Gemeindehaus gehen. Es gibt keinen Gehsteig, von einem Wartehäuschen ganz zu schweigen.

Auch hier ist zum Glück Abhilfe in Sicht. »Die Bushaltestelle wird an die Ecke zur Kaiserstraße verlegt, da gibt es ein kleines städtisches Grundstück, auf dem ein Bushäuschen möglich ist«, sagt Timm. Allerdings ist das auch schon vor einiger Zeit beschlossen worden, geschehen ist bisher nichts. Man warte noch auf Angebote von Firmen, hieß es bei der Stadt.

Inzwischen sorgen die Eltern selbst für Sicherheit. Generalstabsmäßig durchgeplant, begleitet jeden Tag ein anderer Erwachsener die Kinder zum Bus, auch, damit sie nicht vor Übermut doch einmal drängeln oder schubsen. »Die können Geschwindigkeiten noch gar nicht abschätzen«, sagt dazu auch Julias Mama, Heike Engel. Sie kennt das Problem auch als Grundschullehrerin: »Da erklärt man ihnen in der sechsten Stunde in der Verkehrserziehung alles, sie nicken andächtig und zehn Minuten später rennen sie los zum Bus.«

Auch der zweite Bus ist gut voll

Was den Ausschlag gab für den zweiten Bus, wissen die Traunstorfer Eltern selbst nicht so genau. »Auf unseren Antrag hin kam ein Schreiben von der Stadt mit dem Hinweis, dass alles rechtens sei und man keinen Handlungsbedarf sieht«, so Timm. Aber man werde einen Kontrolleur mitschicken. »Ich war ganz überrascht, auch der zweite Bus ist gut voll«, sagt sie. »Es hat zwar nicht jedes Kind einen Sitzplatz, aber die, die stehen müssen, können sich wenigstens festhalten. Und wenn mal was ist, fallen nicht noch zehn auf den ersten drauf.« Offenbar nutzten jetzt auch Geißinger Schüler den Bus, die vorher von den Eltern gefahren wurden – ein Plus also auch für die Umwelt.

Ein weiteres Problem sei die Verkehrsinsel an der Chiemseestraße. Die sei nämlich sehr schmal – zu schmal für Roller, Räder oder Gehhilfen von Senioren, die die Straße zum Einkaufen überqueren. Für eine Bedarfsampel fehle aber der sogenannte Querungsschwerpunkt, demzufolge zu Spitzenzeiten 150 Fußgänger pro Stunde über die Straße müssen. Dabei berücksichtigt der Gesetzgeber allerdings nicht, dass an Ortseingängen wie etwa auf Höhe der Tankstelle an der Chiemseestraße kaum ein Autofahrer 50 km/h fährt.

Trotzdem Unterstützung für die bayernweite Petition

Über den Erfolg im eigenen Bereich freuen sich Timm und die anderen Eltern also – und machen trotzdem weiter mit der Unterstützung der bayernweiten Petition für eine Sitzplatzpflicht in Schulbussen. »Ganz viele machen das gleiche durch«, hat Timm festgestellt, »nur keiner weiß von der Petition«. Der Rottaler FDP-Politiker Dominik Heuwieser sammelt im Internet Unterschriften. »Ich hab' mir gedacht, ich könnt da jetzt unterschreiben. Dann hätt' er eine Stimme mehr – das war mir aber zu wenig«, sagt Timm. Also druckte sie Unterschriftenlisten aus und ging damit durch die Siedlung.

»Die waren gleich voll, ich hab' schon 70 Unterschriften raufgeladen.« Die Listen verteilte sie im Kindergarten, der Elternbeirat der Schule griff das Thema auf und auch in ihrer Arbeit in Freilassing beteiligten sich einige Kollegen. »Ein Papa aus Ainring und eine Mama aus Kirchanschöring sammeln Unterschriften, eine Mama aus Wonneberg hat sich gemeldet, die sich selbst als Kind bei einem Schulbusunfall einen Zahn ausgeschlagen hat.«

Widersprüchliche Vorschriften

»Am Nachmittag fahr' ich mein Kind im DIN-genormten Kindersitz durch die 30-er Zone heim, und wehe, der Sitz ist nicht der neueste, dann zahl' ich Strafe. In der Früh soll ich es in einem vollgestopften Schulbus mitschicken, in dem sich's nicht mal festhalten kann«, erklärt Timm die Argumentation vieler Eltern. Im Übrigen gelte in jedem Reisebus eine Anschnallpflicht, »im Schulbus wär's dann wurscht«.

Unterstützt wird die Petition übrigens nicht nur von Eltern – auch Lehrer und Busfahrer beteiligen sich an der Debatte. Weil sie selbst zwei kleine Kinder hat und arbeitet, appelliert sie nun an Eltern und andere Interessenten im Landkreis Traunstein, selbst Listen auszudrucken, unterschreiben zu lassen, sie einzuscannen und wieder raufzuladen. Die Aktion läuft noch bis 18. Februar. Bis dahin braucht Heuwieser 10 000 Unterschriften. Bisher haben schon über 7600 Menschen unterschrieben, coho

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