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»In dunkelster Zeit die Menschlichkeit bewahrt«

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Sophie Gasteiger wurde posthum als »Gerechte unter den Völkern« geehrt. Ihre Tochter Sophie Bamberger (Mitte) nahm die Ehrenurkunde und Medaille entgegen, die von Mordechai Ish-Shalom (Gesandter des Staates Israel) und Hildegard Müller (Vorsitzende des Freundeskreises von »Yad Vashem« in Deutschland) überreicht wurde. (Foto: Wittenzellner)

Traunstein – Die nationale Holocaust-Gedenkstätte des Staates Israel, »Yad Vashem« in Jerusalem, erinnert seit über 50 Jahren an diejenigen Nicht-Juden, die ihr Leben uneigennützig riskierten, um Juden während des Holocausts zu retten. Ihnen wird nach umfangreicher Prüfung der Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« zuerkannt – die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel Nicht-Juden verleihen kann. Diese Ehrung wurde nun posthum einer Traunsteinerin zuteil: Für ihre geehrte Mutter Sophie Gasteiger nahm Tochter Sophie Bamberger die Ehrenurkunde entgegen.


Auch 40 Schüler in München dabei

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Am Montagnachmittag fand in der Israelitischen Kultusgemeinde Oberbayern am Jakobsplatz in München eine Feierstunde statt, bei der drei Bürger für ihren persönlichen Mut diesen Titel verliehen bekamen. Eine von ihnen ist Sophie Gasteiger aus Tinnerting bei Traunstein, die im Mai 1943 die Jüdin Valerie Wolffenstein für zwei Wochen auf ihrem Bauernhof vor den Nazis versteckt und auch später mit Essen versorgt hat. Ihre Tochter Sophie Bamberger aus Tinnerting nahm die Ehrenurkunde und Medaille entgegen. Als besonderes Zeichen, welche Bedeutung die Tat Gasteigers auch für die Gegenwart und Zukunft hat, wurden rund 40 Schüler der elften Klassen des Chiemgau-Gymnasiums Traunstein zu der Feier eingeladen.

Es gebe Zeiten, in denen man als Demokrat besonders für die Menschenrechte einstehen müsse, sagte die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch. Dies hätten die drei Geehrten im Besonderen getan: »In dunkelster Zeit haben sie die Menschlichkeit bewahrt.« Sie hoffe, dass ihr Verhalten vielen ein Vorbild sei, sagte die Gemeinde-Präsidentin gerade in Richtung der vielen jungen Menschen, die bei der Feier waren – und ergänzte: »Frieden, Freiheit und Demokratie entsteht durch Anpacken – und Aufschreien, wenn es geboten ist.«

Der Bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle sagte, dass es keinen Schlussstrich und kein Vergessen geben dürfe. »Geschichte kann nicht weggewischt werden.« Der Massenmord der Nazis sei der »größte Zivilisationsbruch in Deutschem Namen.« Die Veranstaltung sei auch ein Zeichen des Versöhnens und Vertrauens, bei der es gelte, »diesen Gerechten eine Stimme zu geben.« Die Bedeutung der Taten der drei Geehrten herausstellend, fügte er hinzu: »Ich verneige mich im Namen der Bayerischen Staatsregierung vor den zu Ehrenden.«

Sie blieben in Kontakt

Die Vorsitzende des Freundeskreises von »Yad Vashem« in Deutschland, Hildegard Müller, betonte, die Gedenkstätte in Jerusalem zeige das Grauen der Nazi-Verbrechen. Gleichzeitig sei es aber auch ein Ort der Menschlichkeit, was durch die an einer Ehrenmauer aufgeführten Personen im »Garten der Gerechten« deutlich werde. Sandra Witte von der Botschaft des Staates Israel in Berlin wies darauf hin, dass die höchste Auszeichnung des Staates Israel an Nicht-Juden bisher 25 685 Menschen aus 51 Ländern verliehen wurde, 569 davon sind Deutsche.

Die Botschaftsangehörige schilderte in der Laudatio für Sophie Gasteiger die Geschichte der Jüdin Valerie Wolffenstein, die aus Furcht vor der Deportation in ein Konzentrationslager in die Illegalität abtauchte und von Berlin nach Tinnerting kam. Sophie Gasteiger sei sich der Gefahr des Entdecktwerdens der versteckten Jüdin bewusst gewesen – und auch, welche Konsequenzen dies für sie und ihre halbwüchsigen Töchter gehabt hätte. Sie habe sich trotzdem dafür entschieden, der wohl dem sicheren Tod geweihten Wolffenstein zu helfen. Später schrieb die 1993 im Alter von 102 Jahren Verstorbene: »In Tinnerting verlebte ich besonders schöne Tage. Ich bin als Vorzugsgast behandelt worden.« Besonders habe sie die »Herzenswärme und Frömmigkeit« beeindruckt. Zwei Wochen nach ihrer heimlichen Unterbringung erkrankte Gasteigers Tochter Sophie schwer, es bestand die Gefahr einer Ansteckung. Wolffenstein verließ ihr Versteck in Tinnerting, wurde von Gasteiger weiterhin mit Lebensmitteln versorgt und überlebte die Schreckensherrschaft der Nazis. Ihr Kontakt blieb bis zum Tod Gasteigers im Jahr 1986 bestehen. Wolffenstein kam regelmäßig aus München nach Tinnerting zum Urlaub machen.

Auch die Geschichte der zwei weiteren posthum »Geehrten der Völker« Vera Manthey und Franz Herda waren für die Anwesenden sehr bewegend – zeigten sie doch ebenfalls ein hohes Maß an Mitmenschlichkeit, Einsatz des eigenen Lebens und den geglückten Versuch, Juden, denen die Deportation in ein Konzentrationslager drohte, vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Arik Rav-On, Direktor der Gedenkstätte »Yad Vashem« stellte in seinen Schlussgedanken die hypothetische Frage an die Anwesenden: »Wie hätte ich mich damals verhalten. Bin ich ein Mitläufer, schaue ich weg oder habe ich Mut?« Er freue sich, dass es die Möglichkeit der Ehrung für die »Gerechten der Völker« gebe. »Für uns ist es die einzige Möglichkeit, ‚danke’ zu sagen.« awi