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»Ich dachte, jetzt ist es vorbei«

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Traunstein. Ein 47-jähriger Rosenheimer besuchte im Sommer mit seiner Mittelaltertruppe das dreitägige Burgfest in Burghausen und übernachtete mit seiner Freundin in einem Zelt. Der Ausflug in vergangene Zeit endete am 14. Juli 2013 im Krankenhaus. Ein angetrunkener 24-jähriger Student aus Burghausen hatte das am Boden liegende Opfer am frühen Morgen mehrfach mit dem Kopf auf die Asphaltstraße geschlagen.


Rettung für den Verletzten war wahrscheinlich sein »französischer Mittelzopf«, eine den Hinterkopf bedeckende Haartracht, die die Schläge abfederte. Der teilgeständige Angeklagte berief sich vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs auf »Notwehr«, während der 47-Jährige und andere Zeugen den 24-Jährigen teils schwer belasteten. Staatsanwalt Dr. Martin Freudling wirft dem Angeklagten versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vor. Ein Urteil soll am kommenden Montag gefällt werden.

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Das Opfer – eigentlich Masseur, aber in diesem Beruf seit dem Burgfest gehandicapt durch eine Handgelenkverletzung – schilderte vor Gericht den Vorfall. Gegen 4 Uhr morgens schreckten er und seine Freundin hoch, da etwas auf das Dach ihres Igluzeltes geknallt war – ein schweres altes Fahrrad, wie sich später herausstellte. Der Rosenheimer war daraufhin »ziemlich wütend« und stürzte barfuß der weglaufenden Gruppe hinterher.

Daumen in die Augen gedrückt

Der 47-Jährige hielt einen mittelgroßen Mann im weißen T-Shirt für den Täter, schubste ihn heftig von hinten und wollte ihn zur Rede stellen. Das 1,93 Meter große und 85 Kilogramm schwere Opfer erinnerte sich: »Er drehte sich um und griff mich an. Er hat mich unterlaufen, umgeschmissen, mir die Daumen in die Augen gedrückt und mich vier bis fünfmal mit dem Kopf gegen den Boden geschlagen. Ich hab versucht, ihn von mir runterzukriegen, was mir nicht gelang.« Dann knallte der Täter den Kopf des Opfers zwei- oder dreimal seitlich auf die Straße. Der Zeuge dazu: »Da hatte ich Todesangst. Ich dachte, jetzt ist es vorbei.« Wenig später wurde er bewusstlos.

Im Kreisklinikum in Burghausen stellten Ärzte eine Gehirnerschütterung, eine große Platzwunde am Kopf, Prellungen und Schürfwunden fest. Längere Zeit war sein Sehvermögen beeinträchtigt. Kopfschmerzen, das lädierte Handgelenk und vor allem Ängste, zum Beispiel vor dem Zelten im Freien, plagen ihn bis heute. Der Schläger flüchtete unmittelbar nach der Tat, stellte sich jedoch später freiwillig der Polizei.

Einen Entschuldigungsbrief des Angeklagten ließ der 47-Jährige ungeöffnet zurückgehen. Der Grund: Der Täter berief sich stets auf gerechtfertigte Notwehr. Der 24-Jährige, dem als Verteidiger Erhard Frank aus Burghausen beisteht, gab nun auch bei der Verhandlung an, er sei von hinten zu Boden gestoßen worden. Dann sei jemand auf ihm drauf gewesen und habe ihn körperlich attackiert. Er habe sich nur gewehrt. Den Kopf des Geschädigten seitlich auf den Boden geschlagen zu haben, räumte der Student aber ein.

An die Opferanwältin, Susanne Schomandl aus Rosenheim, überwies der Täter letzte Woche 3000 Euro Schmerzensgeld. Die Nebenklagevertreterin stellte im Gerichtssaal aber einen Schadensersatzbetrag einschließlich Schmerzensgeld von »mindestens 15 000 Euro« in den Raum.

Unter den Zeugen waren auch drei jungen Frauen, die damals mit dem Angeklagten unterwegs waren. Sie hatten den 24-Jährigen an weiteren Schlägen gehindert und für schnelle Hilfe gesorgt. Allerdings gaben sie am Tatort Polizeibeamten gegenüber anfangs an, den Täter nicht zu kennen. Erst nach drei Stunden lieferten sie Hinweise auf seine Identität. Das brachte den Frauen zwischenzeitlich Verfahren wegen versuchter Strafvereitelung und Geldbußen ein. kd

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