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Ein Verbrechen aus Eifersucht

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Traunstein. Wegen versuchten Mords und weiterer Delikte wie erpresserischem Menschenraub und gefährlicher Körperverletzung muss sich ein 39-jähriger Marokkaner seit gestern vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Der zunächst auf vier Tage terminierte Prozess könnte schneller enden: Der Angeklagte ließ gestern über seinen Verteidiger, Salvatore Barba aus Rosenheim, ein weitgehendes Geständnis ablegen. Möglicherweise fällt die Kammer ihr Urteil bereits am Montag. Die Verhandlung beginnt um 9 Uhr.


Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, dass er in der Nacht zum 5. April in der gemeinsamen Wohnung in Übersee auf seine zwei Jahre ältere Ehefrau losgegangen sein soll. Er soll seine Frau – mutmaßlich aus Eifersucht auf einen Nebenbuhler – mit einem weißen Schal stranguliert haben. In den Monaten zuvor soll er sie bereits mehrfach misshandelt und vergewaltigt haben. Durch das Geständnis des Angeklagten bleibt der mittlerweile von ihm geschiedenen Frau eine Aussage vor Gericht erspart.

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Paar lernte sich vor 13 Jahren am Strand kennen

Der 39-jährige Marokkaner hatte in seinem Heimatland als Animateur am Strand gearbeitet. Vor 13 Jahren lernte er dort sein späteres Opfer, eine Italienerin, kennen, die in Marokko schon einige Monate als Reiseleiterin gearbeitet hatte. Das Paar heiratete 2003, bekam ein Kind. Der Angeklagte verkaufte im gleichen Jahr sein Geschäft am Strand, um mit der Ehefrau nach Italien zu gehen. Dort erwarb er zusammen mit der Familie seiner Frau einen Tabakladen.

Als das Geschäft nicht mehr so recht lief, veräußerte das Ehepaar den Laden und zog 2011 samt Kind nach Deutschland. Die Suche nach einem geeigneten Projekt in der südbayerischen Gastronomie verlief ergebnislos. Schließlich landete die Familie in Übersee. Der Angeklagte war nach einigen Monaten Tätigkeit in einer Fabrik arbeitslos, während seine Frau in einem Lokal Geld verdiente.

Der erste von Staatsanwalt Andreas Miller angeklagte Zwischenfall ereignete sich am Abend des 20. August 2012 in der gemeinsamen Wohnung. Der Marokkaner vermutete einen »Neuen« im Leben seiner Ehefrau und wollte Gewissheit. Es kam zu Streit. Der Angeklagte versperrte die Wohnungstüre, schlug zu, holte ein 25 Zentimeter langes Messer und Wodka aus der Küche. Er zwang das Opfer, zwei bis drei Gläser Schnaps zu trinken, fügte der Frau dann mit dem Messer Verletzungen im Gesicht zu. Dann vergewaltigte er die Geschädigte – mit dem Messer in der Hand.

Am Morgen des 21. August 2012 tat er ihr wieder sexuelle Gewalt an. Der dritte Vorfall hatte seinen Anfang in Italien. Mit dem Kind flog der Angeklagte am 23. März 2013 von Bergamo nach Marokko. Offiziell wollte er am 9. April in den Chiemgau zurückkommen. Am 4. April untertags verabredete er sich per SMS zum abendlichen »Skypen« via PC – als ob er noch in Marokko weile. Tatsächlich war der Mann jedoch schon am Nachmittag dieses Tages in der Wohnung – um die damals 39-Jährige heimlich zu beobachten. Stunden später, gegen 22 Uhr, lauerte er ihr auf, als sie von der Arbeit zurückkam.

»Du stirbst heute Nacht«

Nach dem Aufschließen der Wohnungstür ging das Flurlicht nicht. Die Frau schöpfte Verdacht und wollte zum Vermieter fliehen. Der Angeklagte verfolgte sie, bekam sie an den Haaren zu fassen und riss ihr büschelweise Haare aus. Die im Treppenhaus am Boden Liegende drosselte der 39-Jährige mit dem weißen Schal und schrie dabei: »Du musst mit mir gehen.« Die Frau röchelte nach Luft, entwickelte »Todesangst«, wie gestern ein Polizeizeuge, der sie vernommen hatte, berichtete. Mit den Worten »Du stirbst heute Nacht« hielt der Täter der Geschädigten einen Schraubenzieher an den Hals. Dann setzte er an, auf das Opfer mit einem Feuerlöscher einzuschlagen.

Der Vermieter, der beim Entwinden des Schraubenziehers verletzt wurde, und dessen Söhne konnten Schlimmeres verhindern. Der 39-Jährigen gelang die Flucht. Ärzte attestierten ihr Drosselspuren und mehrere Verletzungen im Gesicht, im Kopf- und Haarbereich sowie am Oberkörper. Ihr Mann wanderte am 5. April in Untersuchungshaft. Die Geschädigte hat sich zwischenzeitlich scheiden lassen und ihren Wohnort gewechselt.

Das Befragen des 39-Jährigen gestaltete sich gestern schwierig. Er tat sich, wie der Vorsitzende Richter Erichs Fuchs feststellte, sichtlich schwer, Details zu erzählen.

Alkohol und Drogen waren im Spiel

Bei allen Taten war nach Auskunft des Angeklagten sehr viel Alkohol im Spiel, zusätzlich noch Cannabis und Kokain. Dank des Geständnisses und allseitigen Verzichts der Prozessbeteiligten auf eine persönliche Anhörung konnte Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg aus Rosenheim ihre Mandantin abladen.

Die Opferanwältin informierte, der mittlerweile 41-Jährigen gehe es noch immer schlecht. Sie leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Nach einer bereits absolvierten ersten Therapie werde im Januar eine weitere bei einem Psychiater folgen. kd