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»Staat versagt auf ganzer Linie und bestraft die Falschen«

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Über die geöffnete Tedi-Filiale wundert sich dieser Tage manch einer in Traunreut. Foto: Rasch

Traunstein – Verwundert rieb sich mancher Traunsteiner und Traunreuter die Augen, als er die Tedi-Filialen geöffnet vorfand, die ja nun weder ein Baumarkt noch ein Gartencenter sind. »Durch unser vielfältiges und breit gefächertes Sortiment können wir einen überwiegenden Sortimentsanteil der vom Gesetzgeber erlaubten Produkte (zum Beispiel Tierbedarf, Drogerie, Lebensmittel und Baumarkt) aufweisen. Damit ist die Eröffnung unserer Filialen im Sinne der Infektionsschutzverordnung in Bayern erlaubt«, so Tedi-Sprecherin Saranda Lazraj.


»Da kann ich mich vor Lachen ja bloß krümmen«, sagt dazu der Vorsitzende der Werbegemeinschaft Traunstein, des Vereins Traunstein erleben also, Thomas Miller. »Wo hätten denn die plötzlich überwiegend Baumarkt-Sortiment im Angebot? Um das richtig beurteilen zu können, müsste man den Jahresumsatz offenlegen.«

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Denn Tatsache ist wohl, wie auch Stadtmarketing-Leiter Jürgen Pieperhoff erklärt, dass das Tedi-Management sich sicher im Rahmen des rechtlich Möglichen bewegt. »Aus unternehmerischer Sicht sicher richtig. Aber aus Sicht des Mitbewerbers, der nicht öffnen darf, natürlich völlig unverständlich.«

»Da schert sich keiner was um die Regeln«

»Das ist genauso ärgerlich, wie Discounter, die jede Menge Kleidung und Spielzeug verkaufen. Ich habe auch kein Verständnis dafür, warum ich mich beim Baumarkt nicht anstecken kann, aber beim Einzelhändler schon«, erklärt Miller weiter. Er habe im Baumarkt beobachtet, dass Leute ohne Abstand an der Kasse angestanden seien. »Da schert sich keiner was um die Regeln«.

Was ihn aber am meisten störe, sei die »Öffnungsstrategie, die ihren Namen nicht verdient. Wenn die Grenze wirklich beim Inzidenzwert von 35 bleibt, können wir die Geschäfte und Wirtshäuser das ganze Jahr nicht mehr aufsperren.«

Auch der Vorschlag, eingeschränkte Öffnungszeiten mit festen Einkaufsterminen anzubieten, sei doch nur Ausdruck der Hilflosigkeit. »Wie soll das denn gehen? Der Kunde kann ja gar nicht sagen, wie lange er sich in einem Geschäft aufhalten wird, und damit sind die nachfolgenden Termine schon wieder hinfällig. Da sieht man wieder, wie weltfremd und von der Realität entfernt in der Politik diskutiert wird«, so Miller.

Im Gegensatz zum Handel und der Gastronomie habe der Staat auf voller Länge versagt – nicht nur beim Impfen. So habe man es bis jetzt nicht geschafft, praktikable Konzepte für Kindergärten und Schulen zu erarbeiten. »Die Gefahr im Schulbus hat man monatelang nicht im Blick gehabt, es fehlen nach wie vor Luftfilter in Schulen und zum Teil auch immer noch vernünftige Internetzugänge; nach einem Jahr Pandemie. Wie kann das sein?«

Nicht mehr nur einzelne tragische Schicksale

Und während der Staat es »wirklich auf ganzer Linie versemmelt, haben Einzelhändler und Wirte tragfähige Hygiene-Konzepte erarbeitet und zum Teil enorme Summen dafür ausgegeben. Und nun schafft man es nicht, ihnen eine ernst zu nehmende Perspektive zu geben. Da bestraft man die Falschen!«, so Thomas Miller weiter. Da würden jetzt großflächig Existenzen und Arbeitsplätze vernichtet, es gebe längst nicht nur mehr einzelne tragische Schicksale.

Grundsätzlich, so sagt Miller weiter, seien Hygieneregeln, Maskengebote und auch andere Maßnahmen durchaus sinnvoll, richtig und wichtig zur Eindämmung der Pandemie. »Aber bei allem Verständnis dafür muss man unbedingt aufpassen, was man mit der fortdauernden Schließung von Einzelhandel und Gastronomie anrichtet. Mich würde es nicht wundern, wenn im Herbst in beide Richtungen extrem gewählt würde. Das macht das Land nicht leichter regierbar, die Gesellschaft wird immer weiter auseinanderdriften. Das kann doch keiner wollen!«

»Formal ist die Tedi-Öffnung mit Sicherheit richtig«, sagt dazu Stadtmarketing-Leiter Jürgen Pieperhoff. »Das wird das Management sicher abgeklärt haben, und aus unternehmerischer Sicht ist das absolut nachvollziehbar. Genauso wie das Unverständnis auf Seiten des örtlichen Handels und der Gastronomie.«

Aber wenn bei einem Betrieb mit Mischsortiment der Anteil der vom Gesetzgeber erlaubten Waren überwiegt, sei die Öffnung des Geschäfts völlig legal. Der Landesverband des Einzelhandels könne das nicht nachvollziehen.

Auch Pieperhoff fordert, für die Entscheidung über die Öffnung den Jahresumsatz zu Grunde zu legen. »Dann fällt der durch alle Raster.« Aber der Handel kämpfe gerade auf ganzer Linie ums nackte Überleben. Dass da jeder versuche, rechtliche Spielräume auszunutzen, sei unternehmerisch völlig verständlich.

»Diese Ungleichheit ist nicht zu vermitteln«

Problem sei, dass die Verordnung nicht sauber ausgearbeitet sei. »Verordnungen, die gefühlt im Sekunden-Takt rausgehauen werden, können nicht die Qualität bieten, wie sie Gesetze bieten, die gründlich in den Parlamenten diskutiert und erarbeitet werden.« Da habe die Regierung nicht gut gearbeitet, so Pieperhoff: »Diese Ungleichheit ist nicht zu vermitteln«.

Dabei liege das keinesfalls daran, dass die Regierung nicht bemüht sei: »Ich habe dieses Thema vorgestern am Abend dem Wirtschaftsministerium zur Entscheidung vorgelegt«, erklärt er. »Um 22.30 Uhr habe ich noch eine Antwort erhalten, wenn auch keine zufriedenstellende.«

Es sei einfach wenig hilfreich, Vorgaben binnen drei Tagen in Verordnungen umzuformulieren, ohne etwa die Verbände zu hören. »Das ist ganz schlecht geregelt, das kann so nicht bleiben. Auch wenn ich ehrlich gesagt wenig Hoffnung habe, dass sich da schnell etwas ändert«, sagt Pieperhoff.

coho

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