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Frank Stadler und das Musikkollegium Traunstein überzeugen mit spannendem Programm

Wenn im Frühling Barock auf Moderne trifft

»Genial und zum Weinen schön!« Mit diesen Worten brachte Musikschulleiter Georg Holzner – nachdem der lang anhaltende Schlussapplaus etwas leiser wurde – das Hörerlebnis im Konzertsaal der Traunsteiner Berufsschulaula stellvertretend für die Zuhörer des ausverkauften Konzerts auf den Punkt. Geiger und Konzertmeister Frank Stadler und das Musikkollegium Traunstein überzeugten mit einem spannenden Programm.

Argentinische Jahreszeiten-Impressionen Piazzollas mit Frank Stadler und dem Musikkollegium Traunstein. (Foto: B. Heigl)

Vor dem Konzert waren auch kritische Stimmen zu hören, die von der Programmzusammenstellung nicht so sehr angetan waren. Wenn Barock auf Tango Nuevo trifft, werden die Hörgewohnheiten bei manch einem Konzertbesucher verständlicherweise schon herausgefordert. Doch Frank Stadler, Konzertmeister und Sologeiger des Abends, und das von ihm geleitete Musikkollegium Traunstein »verkauften« dem Publikum den modernen Teil der Aufführung souverän und überzeugend.

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Die Vier Jahreszeiten »Le Quattro Stagioni« von Antonio Vivaldi und Astor Piazzollas »Las Quattras Estaciones« – die argentinische Sichtweise auf den Jahreszeitenwechsel – nahmen sich nichts weg. Im Gegenteil: Sie ergänzten sich und überraschenderweise löste der argentinische zweite Teil des Konzerts einen viel impulsiveren Applaus bei den Zuhörern aus als dies nach dem erste Teil des Konzerts der Fall war.

Den Beginn des zweiten Teils markierte das verstörend kratzende Geigengeräusch, mit dem Piazzolla den Frühling in Buenos Aires beginnen lässt. Dann folgten schwülstig-erotische Tangoelemente, intellektuelle Jazzanleihen, ausgelassene volksmusikalische Klangrede, samtzarte Klangmotive, südamerikanische Melancholie, düstere Dramatik. Den temperamentvoll-aufgeladenen Stimmungswechseln folgte das Publikum fast atemlos vor Spannung.

Die Musiker des übrigens in kleiner Besetzung spielenden Streichorchesters und Frank Stadler an der Sologeige – einer Geige von Carlo Bergonzi aus dem Jahre 1723, die eine Leihgabe aus einer renommierten Sammlung der Österreichischen Nationalbank ist – bauten für das Pulikum einen stimmigen Spannungsbogen auf, mit dem sie es spürbar an sich binden konnten. Als das charmant-liebevolle Zitat als Reminiszenz Piazzollas an Vivaldi zu hören war, das er aus Vivaldis »Sommer« adaptiert und in seine Komposition »Winter« einfließen hat lassen, öffnete sich ein Fenster, mit Ausblick in die Vergangenheit, ohne die die Gegenwart nicht die wäre, die sie ist.

Ein besonders berührender Moment des Abends war das argentinisch-herbstliche Cellosolo, das Dr. Michael Schröter mit der Gelassenheit und Weisheit des schon etwas fortgeschrittenen Alters interpretierte. Sein organisch-autenthisch wirkendes Spiel hatte etwas von einer poetisch anmutenden Wim-Wenders-Filmszene. Das war Argentinien pur.

Frank Stadler, der an diesem Abend ein wahrlich nicht einfaches Programm auf der Sologeige charismatisch und bravourös präsentierte, und das Orchester, das zum großen Teil ja aus Laien besteht – bis auf wenige Mozarteums-Musiker, von denen einer der vielseitige Kontrabass-Spieler Max Schmid aus Siegsdorf war – vollbrachten an diesem Abend eine äußerst stimmig anzuhörende und auch anzuschauende Meisterleistung. Das Orchester agierte selbstbewusst und reagierte sensibel auf die Impulse Stadlers, dessen Geigenspiel unter der Zweifachbelastung nicht litt und der eine mitreißende Vorstellung seiner musikalischen Fähigkeiten bot.

Augustin Spiel, der sonst die Konzertreihe »Sinfonische Konzerte« im Wechsel mit der Bad Reichenhaller Philharmonie dirigiert, war an diesem Abend auf dem Cembalo zu hören. Ein schon etwas ungewohnter Anblick, der sich da dem Publikum bot, als er, eingebettet inmitten seines Orchesters, das Instrument zu Vivaldis Jahreszeiten erklingen ließ.

Dem Resümee Georg Holzners »Man müsse schon weit gehen, um eine Stadt zu finden, die so ein tolles Orchester hat« bleibt nur noch ein »Chapeau!« hinzuzufügen. Barbara Heigl