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Gleich ein ganzes Trailpaket mitten im Herz der Kitzbüheler Alpen

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Andi Raba genoss auf dem Fleckalm-Trail auch die Kulisse des Wilden Kaisers. (Fotos: Till)
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Im Kreuzjöchlsee konnten die Bergradler sogar baden – eine Wohltat nach den erlittenen Strapazen.
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Volle Konzentration im Harlassanger-Trail: Franz Kalchgruber hatte bei der Abfahrt viel Spaß.

Für ambitionierte Bergradler sind der Lisi-Osl- und der Fleckalm-Trail das, was für die Skifahrer die legendäre Kitzbüheler Streif ist. Der Vachendorfer Franz Kalchgruber, der Raublinger Peter Franz, die beiden Siegsdorfer Alois sowie Andi Raba und ich machten uns auf, zusammen diese Trails zu erkunden. Also ging's auf nach Kirchberg.


Vom Parkplatz der Fleckalmbahn kurbelten wir zuerst über Asphalt und dann auf Schotter 500 Höhenmeter hinauf zur Bergstation des Gaisberglifts. Hier beginnt der nach der Kirchberger Weltcup-Bikerin benannte Lisi-Osl-Trail, der mit seinen steilen Wurzelpassagen, Spitzkehren und künstlichen Einbauten den Schwierigkeitsgrad S 3 aufweist. Ähnlich wie beim Klettern gibt es beim Mountainbiken eine Schwierigkeitsskala für Singeltrails, die von S 0 bis S 5 reicht.

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Während wir verschwitzt und keuchend oben ankamen, ließen sich die sogenannten »Downhiller« in voller Montur, also ausgerüstet mit Rückenprotektoren, Ellenbogen- und Schienbeinschützern, vom Lift hochschaukeln. Gleich nach der Einfahrt mit steilen Kurven wartete das erste künstliche Hindernis, eine steile Holzrampe, die man mit Schwung überqueren muss. Ich fuhr die ersten Kurven hinab und hielt kurz vor der Rampe an, um die Freunde zu filmen.

Kreuzjöchlsee sorgt für Abkühlung

Das war ein Fehler. Denn, als ich am Schluss losfuhr, reichte mein Schwung nicht aus, und ich musste am Scheitelpunkt der Rampe absteigen. Beim Zurückgehen, um mit mehr Schwung nochmals die Stelle zu fahren, rutschte ich mit dem rechten Bein bis zum Oberschenkel durch die querliegenden Latten und geriet mit dem linken Fuß unter mein Rad. Hilflos, wie ein auf dem Rücken liegender Maikäfer, musste ich warten, bis mich Franz aus meiner misslichen Lage befreite.

Nachdem mich Alois wegen der Prellungen und Abschürfungen mit Globuli gefüttert hatte, fuhr ich mit Schwammerl in den Knien weiter und wir zirkelten über fiese Wurzelteppiche und geröllübersäten Felspassagen hinunter. Dabei musste ich mir anhören, dass ich der erste Biker sei, der durch eine Viehsperre gefallen ist. Tja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen ...

Unten angekommen strampelten wir auf einer Forststraße an der Westseite des Spertentals entlang, 400 Höhenmeter ging es hoch zur Harlassanger-alm. Hier beginnt der gleichnamige flowige Singeltrail. Auf dem naturbelassenen Bergweg surften wir mit viel Genuss über bucklige Wiesen und durch schattige Wälder hinunter nach Brügglbach.

Franz und Peter mussten sich hier verabschieden, da sie nur einen Tag Zeit hatten. Während sie auf dem Talradweg heimwärts rollten, strampelten wir bei brütender Hitze hinauf zum Brechhornhaus. Unsere Trinkflaschen waren schon leer und weder eine Alm noch ein Brunnen fanden sich, um diese zu füllen. Nach 700 Höhenmeter hatte die Durststrecke ein Ende und wir kamen erschöpft, aber zufrieden endlich am Brechhornhaus an.

Hier auf 1700 Meter Seehöhe wartete eine Überraschung auf uns. Der wunderschön gelegene Kreuzjöchlsee lud mit 21 Grad zum Baden und bequeme Holzliegen zum Relaxen ein – welche Wohltat nach den erlittenen Strapazen. Laut dem Wirt darf man sich vom Badeverbotsschild nicht abhalten lassen, da das nur aufgestellt wurde, weil es hier oben keinen Bademeister gibt. Besonders stimmungsvoll war der Sonnenuntergang am See, als im Hintergrund die Felswände der Loferer und Leoganger Steinberge in einem hellen Licht regelrecht erschienen.

Da es im Brechhornhaus neben den Zimmern mit Dusche auch genügend Bier, Wein und Schnaps gab, wanderte Andi in der Nacht aus, da er das Schnarchen von Alois oder mir nicht mehr aushielt.

Am nächsten Morgen fiel der Blick zuerst auf die Tauern, und der Großvenediger schien zum Greifen nahe. Das beflügelte enorm und wir rauschten wie im Sinkflug über eine Forststraße wieder hinunter zur Harlassangeralm, um über den uns schon bekannten Trail hinunter ins Tal zu gleiten.

Über den Aschauer Höhenweg ging es in angenehmer Steigung zunächst Richtung Stangenjoch, um dann an der bewirtschafteten Klooalm vorbei zur Rackstattalm zu gelangen. Beim gepfefferten Schlussanstieg mussten noch einige steile Rampen überwunden werden, bevor wir nach 1100 Höhenmeter am Gipfel des Pengelsteins ankamen. Ein traumhaftes 360-Grad-Panorama entschädigte uns für die Mühen. Vom Rofan im Westen über die sonnenbeschienenen Felswände des Kaisergebirges im Norden wanderte der Blick über die Loferer und Leoganger Steinberge im Osten bis zu den Tauern mit Großglockner und Großvenediger im Süden, um schließlich am beherrschenden Berg der Kitzbüheler Alpen, dem Rettenstein, hängen zu bleiben.

Den weiteren Weg Richtung Hahnenkamm erschwerten uns große Lastwägen, die Gestein transportierten. Kurz darauf bot sich uns ein erschreckendes Bild. Riesige Bagger schlugen hässliche Kerben in den Berg, um Speicherseen zu bauen. Das ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, der Klimaerwärmung zu trotzen, um für den Wintertourismus Schneesicherheit durch künstliche Beschneiung zu garantieren. Wegen der geringen Höhenlage von Kitzbühel wird das auf Dauer wohl nicht gelingen und die Steuerzahler werden letztlich auf den Kosten sitzen bleiben. Wir radelten auf dem ansonsten schönen Höhenweg am Hahnenkamm vorbei zur Ehrenbachhöhe.

Es ist keine Schande, auch einmal abzusteigen

Hier beginnt der legendäre Fleckalm-Trail, der mit einer Länge von 7 km und 1000 Tiefenmeter jedes Bikerherz höher schlagen lässt. Tolle Wiesenpfade wechseln sich mit rumpeligen Wurzelwegen, Wellen, Anliegern und Northshore-Elementen ab. Wie im Rausch ritten wir auf unseren »Stahlrössern« die überwiegend mit S 2 bewertete Freeridestrecke hinunter und hatten stets die beeindruckenden Felswände des Wilden Kaisers vor Augen. Bei einigen stark verwurzelten Geländeeinschnitten – wie etwa dem »Graben« – ist es auch keine Schande abzusteigen und ein paar Meter zu schieben, gelten diese Passagen doch als extrem schwierig.

Am Ausgangspunkt unserer Wochenendtour angekommen traten wir voller Glückshormone die Heimreise an. Wir können die Tour auch Bergradlern empfehlen, die Forstwege bevorzugen, da sich die wirklich anspruchsvollen Freeridestrecken auf Forststraßen leicht umfahren lassen. Rudi Till

Blattl Sonntag Traunstein