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Traditionelle und moderne chinesische Malerei überzeugend zusammengefügt

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Franz Xaver Angerer mit Wang Yani vor einem ihrer »Apfel-Bilder«. (Foto: Morgenroth)

Der Bildhauer Franz Xaver Angerer überrascht immer wieder aufs Neue mit besonderen Gastkünstlern in seiner Atelier-Galerie »Kunstgetriebe« in Hammer bei Siegsdorf. Derzeit findet eine grandiose Ausstellung mit den Gemälden und Monotypien der chinesischen Künstlerin Wang Yani aus München und Franz Xaver Angerers karbonisierten Skulpturen statt.


29 ausdrucksstarke Arbeiten von Wang Yani, davon 20 Acrylgemälde überwiegend aus dem Jahr 2015, sowie 9 Monotypien aus den Jahren 2002 bis 2003 sind hervorragend in den Räumen im »Kunstgetriebe« platziert. Der ehemalige deutsche Botschafter in China, Günter Schödel aus Berchtesgaden, führte in die klassische chinesische Malerei/Kalligraphie auf sehr bewegte und informative Weise ein.

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Für die musikalische Einstimmung in die Bilderwelt von Wang Yani sorgte die Darbietung von Rüdiger Schödel, Musiker, Erfinder neuer Klang- und Musikinstrumente und Performer sowie Diplom-Kunst- und Musiktherapeut aus der Schweiz. Er spielte u. a. auf dem »BamBunyi«, einem von ihm neu kreierten Bambusinstrument, einer Kombination aus einem chinesischen Gu Zheng und einem mittelalterlichen Psalter. Weitere Musikstücke waren von ihm zusammen mit seiner Mutter und mit der Künstlerin Wang Yani zu hören.

Die Präsentation mit den Arbeiten von Wang Yani besitzt eine besondere Ausstrahlungskraft und Dynamik. Wang Yani wurde 1976 in der chinesischen Stadt Gongcheng am Li-Fluss als ältestes Kind des Kunstmalers Wang Shiqiang geboren. Bereits mit drei Jahren versuchte sie in chinesischer Tradition mit Tusche und Pinsel Tiere auf das Reispapier zu bannen. Angeregt durch einen Zoobesuch inspirierten sie die Affen. Sie begann daraufhin Affen, denen sie menschliche Züge gab, in verschiedenen Variationen zu malen.

Ihr Vater erkannte die Begabung und bildete Wang Yani zur Malerin aus. Bereits mit vier Jahren wurde ihre erste Ausstellung organisiert. So wurde Wang Yani schon früh als »die kleine Affenmalerin« bekannt und eine Briefmarke der chinesischen Post mit ihrem Motiv einer Äffin mit Kind wurde herausgegeben.

Mit zehn Jahren führte Wang Yanis Weg ins Ausland, wo Einzelausstellungen ihrer Tierdarstellungen in Hongkong und Japan gezeigt wurden. Zudem bekam sie durch das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart die Chance, in der Öffentlichkeit und im Fernsehen vor zu malen und ihre Bilder zu zeigen. Der Durchbruch in die internationale Kunstszene fand 1988 mit einer Ausstellung im Museum of National History in London statt. Es folgten die Sackler’s Gallery in Washington, das Asian Art Museum in San Francisco und das Nelson Atkins Museum of Art in Kansas City. Durch ein Jahresstipendium der Rotarier in Ingolstadt 1996 kam die Chinesin zum Studium nach Deutschland. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Zahlreiche Ausstellungen in Deutschland seit 1997 begleiten ihr künstlerisches Schaffen. Wang Yani ist mit dem vielseitigen Künstler und Dozenten Wu Minan verheiratet, sie lebt und arbeitet in München.

Sich mit den Werken der Künstlerin Wang Yani zu beschäftigen, bedeutet, sich mit dem Spannungsfeld zwischen chinesischer Tradition und westlicher Moderne auseinanderzusetzen. Wang Yani sucht nach neuen Wegen in der Malerei, mit neuen Materialien und neuen Perspektiven, aber den bisher gemachten Erfahrungen.

Im »Kunstgetriebe« präsentiert sie großformatige und stark abstrahierte Arbeiten in Acryl wie z.B. die zwei dreiteiligen Arbeiten mit den Titeln »Roter Sturm« aus dem Jahre 2002 oder »Abendmond« von 2004. Differenzierungen entstehen durch die Unterschiedlichkeiten der Pinselstriche, welche den Gemälden eine innewohnende Rhythmik verleihen. Die Modulationstechniken, die mal dick und kräftig, mal dünn und lasierend aufgetragen werden, sind sehr variationsreich. Sie arbeitet mit absichtlich verfälschten Raumbeziehungen und anderen gewollten Dissonanzen.

Bei »Blauer Apfel« oder »Roter Apfel« bildet die weiße Leinwand den Hintergrund, der wieder an die chinesische Tradition erinnert. Hier erkennt man die geschlossene und flächig aufgefasste Form, die durch frei aufgetragene Pinselschwünge Bewegung suggeriert. Sie lässt die dargestellten Äpfel in ihrer einzigartigen Monumentalität wirken. Dadurch changieren die Apfelmotive zwischen Abstraktion und Anschaulichkeit.

In den ausgestellten Monotypien ist die chinesische Tradition der Kalligraphie zwar noch vorhanden, doch im Unterschied zu dieser wird bei Wangs Bildern die Dynamik des Malprozesses selbst sichtbar, was dem traditionellen chinesischen Verständnis von Kalligraphie vollkommen widerspricht. Hierbei schlägt sich offenbar die westliche Auffassung von der Malerei als einem dynamischen Prozess nieder. Ein Ergebnis dieser Malweise ist auch eine heftige Bewegung und Dynamik. Die Grenzen des technischen Könnens überschreitet Yani durch die erstaunliche Vielfalt ihrer künstlerischen Möglichkeiten und Techniken.

Die Malerei Wang Yanis ist sehr aufschlussreich, weil bei dieser Künstlerin auf ganz zeitgenössische Weise eine Entwicklung fortgeführt wird, deren Ursprünge mehr als 2000 Jahre zurückliegen. Die ursprüngliche chinesische Schrift hat sich nun bei der Künstlerin zu einer neuen, mit sehr viel abstrakteren, kürzelhafteren Bildzeichen versehenen, modernen Ausdrucksweise entwickelt. Tradition und Moderne werden in ihren Grafiken und Malereien auf überzeugende Art zusammengeführt.

Die sehr sehenswerte Ausstellung ist bis 29. November zu sehen und jeweils Samstag und Sonntag von 16 Uhr bis 19 Uhr geöffnet oder nach telefonischer Vereinbarung. Gabriele Morgenroth