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»Wie soll Sie ein Blinder erschlagen oder erschießen?«

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Wegen zweifacher Bedrohung und vierfacher Beleidigung verurteilte das Amtsgericht Traunstein einen 50-Jährigen zu acht Monaten Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Auf Geldauflagen verzichtete das Gericht angesichts der knappen finanziellen Verhältnisse des Mannes. Der blinde Angeklagte stieß seinem Vermieter gegenüber wüste Beleidigungen wie »Arschloch« und Drohungen wie »Du kannst es dir aussuchen, soll ich dich erschießen oder soll ich dich erschlagen?« aus.


Das 60-jährige Ehepaar hatte dem Blinden die Wohnung vermietet, um ihm »was Gutes zu tun«, wie die Frau schilderte. Der angebliche Auslöser für die Straftaten war eine ausgeschaltete Gefriertruhe. Der Mieter schob dem Vermieter die Schuld dafür zu. Unter den Beleidigungen ab Ende 2014 bis Mai 2015 waren seltsame Formulierungen. So behauptete der Angeklagte, er habe »das Patent auf Dummheit«. Ein anderes Mal gab er von sich: »Ich lass mir Dummheit patentieren und ihr müsst dann saumäßig Patentgebühr zahlen.« Manches sagte er den Eheleuten ins Gesicht, andere Beleidigungen hinterließ er mitten in der Nacht auf deren Anrufbeantworter.

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Vermieter haben Drohungen ernst genommen

Auf die Frage von Richter Maximilian Lermer, ob der Sachverhalt der Anklage zutreffe, meinte der Angeklagte: »Wahrscheinlich schon.« Der Vermieter betonte, er habe die Drohungen »auf alle Fälle ernst genommen«. »Wie soll Sie ein Blinder erschlagen oder erschießen?«, wollte Verteidiger Christian Pusch aus Traunstein wissen. Er könnte ihn ja treffen, etwa wenn er selbst an einer lauten Maschine in seinem Handwerksbetrieb stehe, erwiderte der Zeuge. Seine Frau zitierte den Angeklagten: Er habe zu ihr gesagt, er habe sich in Afghanistan Sprengstoffkenntnisse angeeignet. Dazu der 50-Jährige: »Ich war in Pakistan und habe Mineralien gekauft.« Auch die Vermieterin bestätigte, sie habe die Drohungen ernst genommen: »Ich war sehr besorgt.« Der Angeklagte habe ein gutes Gehör und habe sich auf dem Anwesen ausgekannt. Ihr Mann arbeite vielleicht gerade an der Kreissäge: »Und er drischt ihm eine drüber.« Die Äußerung von »erschlagen oder erschießen« hatte auch ein Zeuge, der bei den Vermietern zu Besuch war, vernommen.

Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel forderte im Plädoyer eine achtmonatige Strafe mit dreijähriger Bewährung. Es komme nicht darauf an, ob Geschädigte Drohungen ernst nehmen oder nicht. Der 50-Jährige sei geständig – »auch wenn er keine Einsicht zeigt«. Die Intensität der Drohungen sei überdurchschnittlich gewesen, ebenso ihre Häufigkeit. Die bisherigen Geldstrafen gegen den dreifach vorgeahndeten Angeklagten hätten nichts bewirkt. Eine »milde Strafe« beantragte Verteidiger Christian Pusch. Ein Blinder hätte die Drohungen nicht umsetzen können. Das hätte dem Ehepaar klar sein müssen. Deshalb sei sein Mandant nur wegen der Beleidigungen zu bestrafen. »Das Ganze tut mir leid. Es war ein großer Fehler von mir«, erklärte der 50-Jährige.

»Auch ein blinder Mensch kann andere bedrohen«

Am Tathergang habe er »nicht den geringsten Zweifel«, unterstrich Richter Maximilian Lermer im Urteil, das sich mit dem Schlussantrag des Staatsanwalts deckte. Die Aufzeichnungen des Anrufbeantworters hätten den Tatnachweis erheblich erleichtert. »Selbstverständlich kann auch ein blinder Mensch andere bedrohen. Andere Sinne, auch das Gehör, werden geschärft. Dadurch ist ein Blinder in der Lage, anderen Menschen Schaden zuzufügen – besonders, wenn das Opfer an einer lauten Maschine steht.«

An dieser Stelle der Urteilsbegründung redete der Angeklagte dazwischen. Lermer reagierte sofort: »Sie dürfen schweigen. Sonst verhänge ich ein Ordnungsgeld oder ersatzweise vier Tage Haft.« Den Rest der Ausführungen störte der 50-Jährige nicht mehr. Der Richter fuhr fort, der Blinde habe durchaus die Möglichkeit gehabt, dem Ehemann »eins überzuziehen«. Außerdem reiche zur Ahndung wegen Bedrohung, »jemand ein Verbrechen in Aussicht zu stellen«. Bei den Beleidigungen habe der Angeklagte das Ehepaar »mit Ausdrücken  belegt, deren Wiederholung  ich mir aus Höflichkeit erspare«.

Bis zu einem gewissen Punkt könne er nachvollziehen, dass der 50-Jährige sauer auf die ganze Welt sei und mit seinem Schicksal hadere. Das rechtfertige aber keine Straftaten, betonte der Richter. kd

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