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Morgen wäre der »Scherben-Kare von Seebruck« 100 Jahre alt geworden

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Mit ungebrochener Begeisterung und Akribie arbeitete Carl Ostermayer auch in seinen letzten Lebensjahren jeden Tag in seinem »Filmstudio« am Jakob-Weyerer-Platz in Seebruck und erstellte bis weit in die Nacht hinein Dokumentarfilme über den Chiemgau und über die keltisch-römischen Wurzeln von Seebruck.

Seeon-Seebruck – Bayerisches Original, Grenzgänger, Überlebenskünstler, Fotograf und Filmer, Bundesverdienstkreuzträger, Ortsheimatpfleger von Seebruck – das und noch viel mehr war der am 16. November 2004 im Alter von 89 Jahren verstorbene Carl Ostermayer. Der »Scherben-Kare von Seebruck« wäre am morgigen Sonntag 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt es eine Ausstellung im Römermuseum und einen Vortrag in Traunstein. Außerdem wird am Donnerstag eine Gedenktafel in Seebruck enthüllt (siehe Kasten).


Der gebürtige Traunsteiner war ein Visionär, Querdenker und streitbarer Kopf, der gerade wenn es um seine geliebte archäologische Arbeit ging, sehr hartnäckig und kämpferisch sein konnte und seine Meinung offen und unverblümt vertrat, was insbesondere die Fachwelt in München und Salzburg an ihm schätzte. Ängste und Selbstzweifel waren ihm in seinem »zweiten Leben« völlig fremd. Denn, was er im Dritten Reich im Konzentrationslager Dachau und im Zweiten Weltkrieg erlebte, wo er mehrmals dem Tod ins Auge blickte, übersteigt jegliche Vorstellungskraft.

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Er sprang noch mit 85 aus dem Flugzeug

Auch deshalb war es für den begeisterten Segelflieger und Tandem-Fallschirmspringer wohl ein Leichtes, selbst im hohen Alter von 85 Jahren in 4000 Metern Seehöhe aus einem Flugzeug zu springen und sich einige Hundert Meter im freien Fall gen Boden zu stürzen.

Unvergesslich sind seine Museumsführungen, aber auch seine Dia- und Filmvorträge. Mit seiner rührigen, humorvollen Art und seinem Fachwissen konnte er Jung und Alt gleichermaßen in seinen Bann ziehen. Geschichte war plötzlich kein trockener Schulstoff mehr, sondern lebendig und greifbar – Geschichte zum Anfassen, das gab es beim »Scherben-Kare von Seebruck«. In seinen rund 1000 Dokumentarfilmen widmete er sich jahrzehntelang mit Vorliebe dem Chiemgau, dem Land der Seen und Berge, und den historischen Wurzeln von Seebruck, wo er nach dem Krieg eine neue Heimat gefunden hatte.

Dieses umfassende historische Filmmaterial ist von unermesslichem Wert und wird hoffentlich noch vielen Generationen Freude bereiten. Ohne Ostermayers Tun und Wirken in der Bodendenkmalpflege wären zahlreiche Zeugnisse der Geschichte zweifelsohne unwiederbringlich zerstört worden und das Seebrucker Römermuseum Bedaium um viele bedeutende Funde ärmer.

Dass es das Museumsgebäude überhaupt gibt, ist der Initiative und Tatkraft des 1979 gegründeten Heimat- und Geschichtsvereins Bedaium unter dem damaligen Vorsitzenden Ostermayer und dessen Stellvertreter und späteren Nachfolger Dr. Alfons Regnauer zu verdanken. Es wurde im Herbst 1988 feierlich eingeweiht und später fachkundig von der Archäologischen Staatssammlung in München (damals Prähistorische Staatssammlung) eingerichtet. Von seiner Wohnung am Jakob-Weyerer-Platz in der Ortsmitte – das Haus wurde 2005 abgerissen – hatte Ostermayer direkten Blickkontakt zum Museum und auch zum Teilstück der spätantiken Kastellmauer (Kirchenhügel), das er Ende der 1970er Jahre alleine ausgrub, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die »Karriere« des Scherben-Kares begann bereits 1959 nach dem Tod seines Freundes und Förderers Pfarrherr Johann Baptist Kagermeier, als ihn der Leiter der Prähistorischen Staatssammlung, Professor Dr. Hans-Jörg Kellner, darum bat, Kagermeiers archäologische und heimatkundliche Arbeit in Seebruck zu übernehmen. Hauptlehrer und Geschichtsexperte Josef Kraus stand Ostermayer bis Anfang der 70er Jahre zur Seite. Ostermayers erste große Entdeckung war die Lokalisierung des Gräberfeldes von Bedaium, im östlich der Alz gelegenen Seebrucker Ortsteil Graben. Der Beweis für eine große römische Siedlung war damit endgültig erbracht. Es folgten unter der Federführung des Landesamtes für Denkmalpflege vor allem an der Römerstraße weitere Ausgrabungen, am »römischen Werkplatz« (1978-80), an der »Darre« (1984/85) und am angenommenen »Kultplatz mit Heiligtum« (1986/87).

2000 Jahre alte Libelle war ein Sensationsfund

Mit einer am »römischen Marktplatz« gefundenen Libelle, die fast 2000 Jahre unbeschadet im Boden überdauert hatte, gelang Ostermayer 1990 ein Sensationsfund. Auch sie ist im Museum zu sehen. Einige seiner letzten Funde holte er im Jahr 2000 an der Jander-Klinik vor laufender Kamera aus dem Seebrucker Kulturboden. Damals filmte er sich aber nicht selbst, sondern ein Team des Bayerischen Fernsehens begleitete ihn drei Wochen lang und drehte an diversen Orten seines bewegten Lebens den Lebenslinien-Film »Der Scherben-Kare von Seebruck«. Gefilmt wurde unter anderem auch in Schleching, wo Ostermayer viele Freunde hatte.

Ostermayer erhielt für sein Engagement diverse Auszeichnungen, darunter die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik, das Bundesverdienstkreuz am Bande, die Bayerische Denkmalschutzmedaille, die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Seeon-Seebruck und zuletzt den Max-Fürst-Preis des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein. mmü