weather-image
14°

»Ich bin beschimpft worden, warum ich mich um diese 'Grattler' kümmere«

1.4
1.4
Bildtext einblenden
Der Flüchtlingsstrom verlangt allen viel ab. In Ruhpolding ist der Helferkreis nach drei Jahren ehrenamtlicher Arbeit desillusioniert. Und 26 Asylbewerber aus der Gemeinde protestieren nach wie vor in München gegen ihre Unterkunft.

Ruhpolding – Seit fast vier Wochen harren 26 Asylbewerber vor der Bayernkaserne in München aus, weil sie nicht in ihre Unterkunft nach Ruhpolding zurückkehren wollen. Maria Haßlberger und Franziska Endrös vom Ruhpoldinger Helferkreis glauben die wahren Gründe für den Protest zu kennen. Und sie haben – zumindest zum Teil – auch Verständnis für die Verzweiflung der Migranten. Auch bei den beiden engagierten Frauen hat sich nach drei Jahren Flüchtlingshilfe Frust angesammelt.


Erst die Asylbewerber aus Bergen, die nicht nach Petting umziehen wollen, dann die Flüchtlinge, die lieber in München als in Ruhpolding sind (wir berichteten) – viele schütteln da nur noch den Kopf. Mehr noch. Viele macht es wütend. Und diese Wut lassen nicht wenige an Maria Haßlberger aus. Seit sich die Sprecherin des Ruhpoldinger Helferkreises in den Medien zu der Protestaktion ihrer Schützlinge geäußert hat, ist die Ehrenamtliche für viele so etwas wie eine Schuldige.

Anzeige

Mehrfach haben aufgebrachte Bürger bei ihr zu Hause angerufen. »Ich bin beschimpft worden, warum ich mich um diese 'Grattler' kümmere«, erzählt sie. Es gebe doch auch in Deutschland so viele sozial schwache Menschen, warum sie denen nicht helfen würde, fragten einige Anrufer provokant. »Dabei tue ich auch das seit Jahrzehnten«, erklärt die Ruhpoldingerin. »Aber die hören einem ja gar nicht zu.«

»So viel Angst und keinerlei Wissen«

Noch gut erinnert sich Maria Haßlberger an eine Informationsveranstaltung im Festsaal in Siegsdorf. Damals sei ihr erstmals klar geworden, wie viel Angst die Menschen vor den Flüchtlingen hätten. »So viel Angst und keinerlei Wissen«, resümiert sie heute.

Wenn man mit Maria Haßlberger und ihren Mitstreitern spricht, ist es tatsächlich erstaunlich, wie groß ihr Wissen über die Flüchtlingsursachen und die kulturellen Hintergründe der Asylbewerber ist. Aber wahrscheinlich ist es die logische Konsequenz daraus, dass sie und die anderen Mitglieder des Helferkreises sich seit nunmehr drei Jahren intensiv um die Migranten in ihrer Gemeinde kümmern.

Angst? Die kennen die Frauen nicht. »Ich habe mich noch nie bedroht gefühlt«, erklärt Franziska Endrös. Freilich gebe es – wie auch unter den Deutschen – ein paar schwarze Schafe. Aber für die allermeisten der rund 100 Flüchtlinge, die zurzeit in Ruhpolding leben, hat sie nur lobende Worte übrig. Viele sind inzwischen Freunde geworden.

Viele Asylbewerber würden sich anstrengen, sich zu integrieren. Und einige seien auch bereits Teil der Gemeinschaft. Wie Johnson aus Tansania. Er hat diverse Deutschprüfungen bestanden, eine Teilzeitarbeitsstelle gefunden, der gläubige Christ engagiert sich in der Kirchengemeinde, singt im Chor und spaziert in der Lederhose durchs Dorf. Nicht wenige kämen aber mit falschen Vorstellungen nach Deutschland, oftmals geschürt von Schleusern. Sie würden glauben »alles zu kriegen, nichts tun zu müssen und in einem Jahr Manager zu sein«, wie Franziska Endrös weiß.

Dass es dann anders kommt, dass sich ihre Asylverfahren oft über Jahre hinziehen und sie in dieser Zeit oftmals nur dasitzen und abwarten können, das würde viele zermürben. »Die jungen Männer stehen unter einem unheimlichen Druck«, erklärt Maria Haßlberger. Sie müssten Geld nach Hause schicken oder noch Forderungen der Schleuser begleichen. In den Unterkünften gebe es teilweise Alkohol- und Drogenprobleme und Spannungen zwischen den verschiedenen Kulturen. Viele wollen in die Großstadt, weil sie glauben, dass es ihnen dort besser geht.

»Lagerkoller, Aggression, Depression«

Das sind wohl die wahren Gründe, warum die 26 Asylbewerber aus Ruhpolding vor die Münchner Bayernkaserne gezogen sind. »Die sitzen zum Teil seit drei Jahren in Ruhpolding rum und warten«, erklärt Maria Haßlberger, »ohne Perspektive.« Die Folgen: »Lagerkoller, Aggression, Depression.«

Den Betreiber ihrer Unterkunft nehmen die beiden Frauen in Schutz. Maria Haßlberger und Franziska Endrös waren in dem ehemaligen Hotel oft zu Besuch, sind von der Köchin immer wieder zum Mitessen eingeladen worden. »Der Vorwurf, dass dort verdorbene Lebensmittel auf den Tisch kommen, ist völlig aus der Luft gegriffen«, sagen sie. Im Gegenteil, die Köchin habe die Bewohner sogar verwöhnt, unter anderem jedem zum Geburtstag einen Kuchen gebacken, versucht, so oft wie möglich mit den Gewürzen aus deren Heimat zu kochen. »Dort sind alle gut untergebracht«, resümieren die Helferinnen.

Auch den Vorwurf, dass einige der Bewohner im Keller schlafen mussten, entkräften die Frauen. Da es Konflikte unter den Bewohnern gegeben habe, habe der Betreiber das Zimmer im Souterrain angeboten – um räumliche Distanz zwischen den Streithähnen zu schaffen. Das Angebot hätten die Asylbewerber freiwillig und gerne angekommen.

Maria Haßlberger und Franziska Endrös waren darum enttäuscht, als die Asylbewerber in einer Nacht- und Nebelaktion auszogen und nach München fuhren, ohne den Helferkreis vorab zu informieren. Nach wie vor aber haben die Ehrenamtlichen regelmäßig Kontakt zu den »Ausreißern«. »Wir reden mit Engelszungen auf sie ein, dass sie zurückkommen«, sagt Franziska Endrös. Und sie glaubt, dass die Asylbewerber auch bald zurückkommen werden. Ihnen würde schlichtweg das Geld ausgehen. Denn weil sie in München sind, erhalten sie vom Landkreis Traunstein aktuell keine Bezüge.

»Politik wälzt Verantwortung auf Ehrenamtliche ab«

Maria Haßlberger und Franziska Endrös sind nach drei Jahren ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe desillusioniert. In ihren Augen wälzt die Politik zu viel Verantwortung auf die Ehrenamtlichen ab. »Ich dachte anfangs, wir springen in einer Notsituation ein«, erinnert sich Maria Haßlberger. Doch drei Jahre später seien noch immer sie es, die Lösungen für die vielen alltäglichen Probleme der Asylbewerber finden müssten: Sie organisieren etwa Fahrten zum Arzt oder in die Arbeit und suchen Sponsoren, die kleine Dinge wie Wasserkocher für die Flüchtlinge finanzieren.

»Wir ehrenamtlichen Helfer sind von Anfang an allein gelassen worden«, findet Franziska Endrös. Die Politik müsste auch nach Meinung von Maria Haßlberger viel mehr tun, vor allem die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Regelmäßige Deutschkurse würden etwa dem Alltag der Asylbewerber mehr Struktur geben, glaubt die ehrenamtliche Helferin. Sie würde sich für die Flüchtlinge außerdem Schulungen in Landeskunde wünschen – und vor allem natürlich schnellere Asylverfahren.

Darüber hinaus finden die Frauen, dass sie mit ihrer ehrenamtliche Arbeit immer wieder an Grenzen stoßen. »Man hat immer das Gefühl, Knüppel zwischen die Beine geworfen zu bekommen«, sagt Maria Haßlberger. Sie sind dennoch oder gerade deswegen stolz, was sie alles erreicht haben in den vergangenen drei Jahren. Und dass sie mit Fug und Recht sagen können, dass ihre Gemeinde eine gut funktionierende soziale Infrastruktur besitzt.

»Im Großen und Ganzen läuft es gut«, resümieren die Helferinnen. Auch wenn sie sich zwischendurch immer wieder fragen: »Wofür das Ganze?« Denn immer öfter müssen sie mit ansehen, wie anerkannte Asylbewerber sich unglaublich schwer damit tun, eine Arbeit zu bekommen oder eine Wohnung zu finden... san