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Die Toten nicht vergessen

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Ein  Bild,  das  unvergessen  bleibt:  die  Reichenhaller  Eissporthalle  am  Tag  nach  dem  Einsturz.  Bei  der  Katastrophe  starben   am 2. Januar 2006 zwölf Kinder und drei Mütter.
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Das Denkmal für die Opfer des Eissporthalleneinsturzes in Bad Reichenhall erinnert am Unglücksort an die Katastrophe.

Bad Reichenhall – Die Erinnerung tut weh, sehr weh – auch noch zehn Jahre danach. »Es vergeht kein Tag, an dem unsere Mädchen nicht präsent sind«, sagt Robert Schmidbauer. Er und seine Frau Dagmar verloren am 2. Januar 2006 ihre beiden Töchter Christina und Marina, elf und acht Jahre alt. Die Kinder waren in der Eissporthalle von Bad Reichenhall mit ihrer Mutter Schlittschuhlaufen, als das marode Dach der tonnenschweren Schneelast nicht mehr standhielt und binnen weniger Sekunden einstürzte – um 15.54 Uhr blieb die Uhr stehen. Mit Christina und Marina starben weitere 13 überwiegend junge Menschen. An diesem Samstag jährt sich die Katastrophe zum zehnten Mal.


Zur Todesstunde treffen sich die Hinterbliebenen

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Dagmar und Robert Schmidbauer werden sich an dem Tag zusammen mit den anderen Hinterbliebenen exakt zur Todesstunde ihrer Liebsten an der Gedenkstätte versammeln. Anschließend findet im Münster St. Zeno ein Gottesdienst statt. »Es geht uns soweit ganz gut«, versichert Robert Schmidbauer mit Blick auf den nahenden Jahrestag. »Wir können auch wieder lachen.« Drei Jahre nach dem Verlust ihrer Töchter wurden er und seine Frau erneut Eltern. Der Sohn ist inzwischen sieben Jahre alt. »Das war ein Segen«, sagt Schmidbauer.

Längst ist die strafrechtliche Aufarbeitung der Katastrophe abgeschlossen. Im November 2008 verurteilte das Landgericht Traunstein den Dachkonstrukteur der städtischen Halle wegen fahrlässiger Tötung zu eineinhalb Jahren Bewährungsstrafe. Einen Sachverständigen und einen Architekten sprach die Große Strafkammer frei. Die Staatsanwaltschaft legte jedoch Berufung ein.

Freispruch auch in der Neuauflage des Prozesses

Tatsächlich kassierte der Bundesgerichtshof (BGH) den Freispruch des Gutachters. In der Neuauflage des Verfahrens wurde der Angeklagte, der im Auftrag der Stadt der über 30 Jahre alten Eislaufhalle drei Jahre vor dem Einsturz in einem Billiggutachten noch einen guten Zustand bescheinigt hatte, im Herbst 2011 abermals freigesprochen.

Noch heute können vor allem die Eltern der zwölf getöteten Kinder – die siebenjährige Lea war das jüngste – und die Partner der drei ums Leben gekommenen Mütter kaum ertragen, dass von den Verantwortlichen im Rathaus von Bad Reichenhall niemand auf der Anklagebank saß. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier wurde lediglich als Zeuge vernommen. »Ich habe mich auf meine Mitarbeiter verlassen«, wies er damals jegliche Verantwortung an der Katastrophe zurück.

Schon zuvor war im Prozess herausgekommen, dass sich das Bauamt als Kontrollinstanz seiner eigenen Pläne einen Schwarzbau genehmigt hatte. Der Vorsitzende Richter Jürgen Zenkel hielt den Beamten im Rathaus im zweiten Prozess »Schlamperei, Ignoranz und Skrupellosigkeit« vor. »Es wurde eine Vielzahl von Alarmzeichen missachtet«, kritisierte er die Rathausspitze.

Anzeige gegen Chefankläger blieb ohne Folgen

Auch die Anklagebehörde kam nicht gut weg. Die Verteidiger des freigesprochenen Gutachters warfen der Staatsanwaltschaft vor, die Anklageerhebung gegen städtische Bedienstete mit allen Mitteln verhindert zu haben. Eine Anzeige von Robert Schromm, dessen Ehefrau bei dem Unglück von herabstürzenden Balken erschlagen wurde, gegen Chefankläger Günther Hammerdinger wegen Strafvereitelung im Amt blieb ohne Folgen. Die Rathausmitarbeiter als eigentlich Verantwortliche für die Katastrophe hätten in der Staatsanwaltschaft eine »mächtige Lobby« gefunden, sagte er als Nebenkläger im Prozess.

Für den jetzigen Reichenhaller Oberbürgermeister Herbert Lackner (CSU) war der Einsturz der Eissporthalle die größte Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte der Stadt. Zu den Vorwürfen an die damalige Rathausspitze meint der Heitmeier-Nachfolger, dass sich die Bürger dazu ihre eigene Meinung gebildet hätten. Er selbst will sie lieber nicht kommentieren, »da sie Vorwürfe vor meiner Amtszeit betrafen«.

Er habe nach seinem Amtsantritt im Mai 2006 alle städtischen Gebäude auf ihre Sicherheit und den baulichen Zustand überprüfen lassen, so Lackner. »Diese Überprüfungen haben zum Teil einen enormen Nachholbedarf festgestellt.« 40 Millionen Euro seien in Sicherheit, Modernisierung und Neubau städtischer Häuser investiert worden.

Wenn sich am zehnten Jahrestag der Katastrophe die Hinterbliebenen um die aus 15 bunten Glasstelen bestehende Gedenkstätte versammeln, wird auch Schromms Tochter dabei sein. Ricarda war am 2. Januar 2006 mit ihrer Mutter in der Eishalle. Die damals Fünfjährige überlebte schwer verletzt. Ihr Vater kämpfte bis zuletzt vergeblich darum, dass sich auch Verantwortliche der Stadt vor Gericht verantworten müssen. Seine Wut über das Versagen im Rathaus des Staatsbads hat er in einem Buch aufgearbeitet. Bei der Gedenkstunde will er zum ersten Mal Passagen daraus vorlesen. dpa