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Der Landkreis braucht mehr Hebammen

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Die Zahl der Geburten in den heimischen Landkreisen ist wieder gestiegen, es gibt aber immer weniger Hebammen. Die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land wollen gegensteuern und dazu ein Förderprogramm des Freistaats nutzen.

Traunstein – Die Geburtshilfe schwächelt. Vor allem wegen der horrend gestiegenen Versicherungssummen haben in den vergangenen Jahren etliche kleinere Kliniken ihre Geburtshilfe-Abteilung geschlossen, etwa in Trostberg, und zahlreiche freiberufliche Hebammen ihren Beruf an den Nagel gehängt.


Die Staatsregierung will nun gegensteuern: Das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege hat das Förderprogramm »Geburtshilfe in Bayern« aufgelegt. Über dieses Programm hat Landrat Siegfried Walch (CSU) den Kreisausschuss in der Sitzung informiert.

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Förderprogramm des Freistaats nutzen

Das Förderprogramm soll aus zwei Säulen bestehen – aus der Sicherstellung der Hebammenhilfe und aus einem Strukturförderprogramm für Geburtshilfeabteilungen im ländlichen Raum. Wie es in der Förderrichtlinie heißt, haben die Krankenhäuser zunehmend Probleme, Hebammen und Entbindungspfleger zu gewinnen und im Kreißsaal zu halten. Problematisch sei die Situation auch in der Wochenbettbetreuung. Gefördert würden deshalb Projekte, die gegensteuern. Das Ministerium nennt Werbemaßnahmen zur Personalgewinnung ebenso als Beispiel wie die Einrichtung von Koordinierungsstellen, Vermittlungszentralen oder eines Hebammen-Notfalldiensts, Wohnraumkonzepte, Teambuilding-Maßnahmen oder die Organisation einer mobilen Reserve.

Die Zuwendung beträgt pauschal 40 Euro je Geburt in den Krankenhäusern im Kreisgebiet. Sie wird an den Landkreis ausgezahlt, der sich mit einem Eigenanteil von zehn Prozent beteiligen muss. Im Landkreis Berchtesgadener Land wurden 2018 bis Ende Oktober 615 Geburten in der Kreisklinik Bad Reichenhall gezählt. Die Förderung beträgt somit 24 600 Euro plus dem Kreis-Eigenanteil von 2730 Euro, insgesamt also 27 300 Euro. Im Landkreis Traunstein gab es im selben Zeitraum 1659 Geburten im Klinikum Traunstein. Die Förderung von 73 700 Euro setzt sich aus den Anteilen des Freistaats von 66 360 Euro und 7340 Euro Kreis-Eigenanteil zusammen.

Walch und sein BGL-Kollege Georg Grabner hatten bereits Abstimmungsgespräche mit dem Vorstand der Kliniken Südostbayern AG geführt. Außerdem waren alle rund 70 in den beiden Landkreisen tätigen Hebammen Ende September zu einer Informationsveranstaltung nach Teisendorf eingeladen worden. Rund 20 Hebammen waren der Einladung gefolgt. Fazit: Die Hebammen wünschten sich außer einer finanziellen Unterstützung der Selbstständigen vor allem eine bessere Vernetzung, Koordinierung und wohnortnahe Fortbildungen.

Die beiden Landkreise haben deshalb ein Maßnahmenpaket geschnürt, nachdem die Zahl der Hebammen rückläufig war und in der nächsten Zeit etliche Geburtshelferinnen in Rente gehen werden – die Geburtenzahlen aber zuletzt wieder gestiegen sind. Generell soll das System vereinheitlicht werden: In Reichenhall sind in der Geburtshilfe Beleghebammen tätig, in Traunstein (noch) angestellte Hebammen. Auch dort soll 2019 ein Beleghebammen-System eingeführt werden. Die Vor- und Nachsorge übernehmen in beiden Landkreisen freiberufliche Hebammen.

Heuer konzentrieren sich die Landkreise auf zwei der vier Punkte aus dem Maßnahmenpaket: Das Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Kliniken AG soll Vernetzungs- und Fortbildungsangebote erarbeiten. Dadurch könnten die Hebammen nicht nur ihrer Pflicht zur Fortbildung nachkommen, sondern auch zum Beispiel besser Vertretungen für Urlaub oder Krankheit finden.

Zweiter Punkt ist die finanzielle Unterstützung von Beleghebammen an den beiden heimischen Kliniken. Neueinsteiger aus der Ausbildung erhalten laut Walch 5000 Euro im Jahr, Wiedereinsteiger 3500 Euro und bereits in den Kliniken tätige Hebammen 2000 Euro. Im Gegenzug müssen sich die Hebammen verpflichten, für die kommenden drei Jahre in den Häusern in Traunstein und Reichenhall tätig zu sein – ansonsten ist eine anteilige Rückzahlung fällig.

Langfristig eigene Koordinierungsstelle

Ab 2019 wollen die beiden Landkreise zwei weitere Maßnahmen angehen: Zum einen wurde konzertierte Werbung um Fachkräfte auf allen Kanälen genannt, inklusive Unterstützung bei der Suche etwa von Wohnung oder Kita-Platz sowie einer Schnupperwoche für angehende Hebammen. Zum anderen soll mittelfristig eine Hebammen-Koordinierungsstelle für beide Landkreise aufgebaut werden, um die Geburtshelfer von Bürotätigkeiten, Abstimmungsarbeiten und sonstigem logistischen und administrativen Aufwand zu entlasten. Gleichzeitig soll diese auch Anlaufstelle für ratsuchende Mütter werden. »Wir können natürlich nicht alle Probleme lösen, aber mit relativ wenig eigenen Mitteln viel bewirken«, warb Walch für das Konzept.

Finanziert vom Freistaat, sei ein umfangreiches, stimmiges Programm erarbeitet worden: »Wir ziehen maximalen Nutzen aus dem Förderprogramm und hinterlegen unsere Wertschätzung für die Geburtshilfe mit klaren Maßnahmen.« Das Paket solle kontinuierlich weiterentwickelt werden, dazu sei auch eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden. Darin arbeiten Vertreter der Kliniken AG, der beiden Landratsämter und der Hebammen zusammen. Der Kreisausschuss stimmte der Vorgehensweise einhellig zu.

Über die zweite Säule, das Strukturförderprogramm für Geburtshilfeabteilungen im ländlichen Raum, war der Kreistag Anfang Februar informiert worden (wir berichteten). Details waren damals aber noch nicht bekannt gewesen. Wie Walch nun im Kreisausschuss berichtete, werden Landkreise und kreisfreie Städte mit bis zu einer Million Euro pro Jahr unterstützt, wenn sie das Defizit einer Geburtshilfeabteilung in ihrem Gebiet ausgleichen und dabei mindestens 15 Prozent des Defizits selbst tragen.

Die Förderung solle voraussichtlich für solche Krankenhäuser erfolgen, die zwischen 300 und 800 Geburten vorweisen können. Die Kreisklinik Bad Reichenhall erfülle dieses Kriterium. Die Kliniken AG soll nun ein Defizit in der Fachabteilung Gynäkologie und Geburtshilfe in der Kurstadt gesondert ausweisen. Wenn die Mittel des Freistaats bereitstehen – voraussichtlich im Doppelhaushalt 2019/20 – sollen der Förderantrag und die Bereitstellung des Kreisanteils im Haushalt im BGL-Kreistag beraten und beschlossen werden. rse