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»Wollte bleiben und meinen Traum zu Ende bringen«

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Traunsteinerin kam in Rückholaktion der Bundesregierung von Neuseeland zurück nach Hause
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Am Flughafen in Frankfurt wurde Julia Schuster von ihrer Mama Susanne empfangen. Den Hasen hat eine Freundin der Schülerin den Eltern als »Ankunftsgeschenk« gegeben.

Traunstein – »Können Sie in zwei Stunden am Flughafen sein?«, sagte der Mitarbeiter der deutschen Botschaft am Telefon. Julia Schuster aus Traunstein war gerade aus der Dusche gekommen und sah einen verpassten Anruf auf ihrem Handy. Die 16-jährige Schülerin des Chiemgau-Gymnasiums (CHG) war seit Ende Januar als International Student in Neuseeland – bis das Coronavirus kam und sie in einer Rückholaktion der Regierung zurück nach Deutschland gebracht wurde.


Seit rund einer Woche ist Julia Schuster wieder zurück in Deutschland und hat mit uns über ihre Erfahrungen gesprochen. »Ich hatte nur zwei Stunden Zeit, um zu packen, zu frühstücken und mich von meinen Gasteltern zu verabschieden«, sagt die 16-Jährige.

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Eigentlich wollte sie bis Juli in Auckland bleiben und dort das Botany Downs Secondary College besuchen, um ihr Englisch zu verbessern und Erfahrungen fürs Leben zu sammeln. »Nach einem Monat auf der anderen Seite der Welt hatte ich mich entschieden, nicht nur bis April, wie es eigentlich geplant war, sondern sogar bis Juli zu bleiben, weil es mir so gut gefiel.« Doch wegen der Corona-Krise kam alles anders.

Ende Februar erste Fälle aufgetreten

»Die erste Covid-19-Erkrankung gab es in Neuseeland Ende Februar. Als in Deutschland dann die Schulen angefangen haben zu schließen, hatte Neuseeland erst sechs Fälle.« In der Woche danach habe das Gesundheitsministerium zwar weitere Fälle in Neuseeland vermeldet, doch alle registrierten Personen mit Coronavirus waren aus anderen Ländern nach Neuseeland zurückgekehrt. »Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch die Hoffnung, dass Neuseeland es irgendwie schaffen würde, das Virus unter Kontrolle zu bekommen.«

Erste Spekulationen über mögliche Schulschließungen gab es dann auch im College von Julia Schuster. »Aber die Lehrer versicherten uns, dass die Maßnahmen, die getroffen wurden, die auf eine Vorbereitung für Online-Unterricht hinwiesen, nur eine Sicherheitsmaßnahme seien.« Dennoch strich die Schulleiterin alle Ausflüge und Schulclubs. »Nachdem verkündet wurde, dass der Surf-Trip meiner Outdoor Education Class ganz normal stattfinden sollte, hatte ich die Hoffnung, dass meine Monate in Neuseeland fast wie geplant ablaufen würden, noch nicht verloren«, erzählt die 16-Jährige.

Nach zwei Tagen ohne Internet und Nachrichten hatten die Schüler gerade die dritte Surf-Stunde hinter sich, als der Lehrer verkündete, dass sie am nächsten Tag nicht mehr surfen würden. »Er hätte gerade einen Anruf von der Schule bekommen: Wir fahren sofort zurück zum Zeltplatz, bauen die Zelte ab und fahren zurück nach Auckland.«

Die Regierung hatte in der Zwischenzeit ein sogenanntes »Covid-19-Alert-System« eingeführt, das das Virus in vier Levels mit unterschiedlichen Einschränkungen einteilte. Inzwischen war man bei Level 3, das bedeutet, dass das Virus anfängt, sich unkontrolliert zu verbreiten, Schulen geschlossen und größere Ansammlungen von Menschen verboten werden. Level 4, ganz Neuseeland unter Quarantäne zu stellen, sollte nur wenige Tage später folgen.

Schule empfahl die Ausreise

»Ich stand nun vor der Frage, ob ich zurück nach Deutschland fahren sollte. Die Quarantäne in Neuseeland würde ja nur vier Wochen dauern, vielleicht würde danach wieder alles so wie davor werden, mit nur kleinen Einschränkungen«, sagt die CHG-Schülerin. »Einerseits wollte ich unbedingt bleiben, meinen Traum mit einer kleinen Pause zu Ende bringen, doch andererseits sah ich die Entwicklungen in Europa.«

Julia Schuster sowie vier weitere Schüler aus Deutschland bekamen die Empfehlung von der Schule, dass sie – wenn möglich – zurück nach Hause fliegen und sich für die Rückholaktion der deutschen Regierung anmelden sollten. »Ich beschloss schließlich, mich auf den Weg nach Hause zu begeben. Ich hatte Glück, dass ich aus Deutschland bin, für die anderen International Students gab es kaum keine Möglichkeit nach Hause zu kommen, da es fast keine Flüge mehr gab.«

Die Schule benachrichtigte die 16-Jährige schließlich, sie solle jeder Zeit bereit sein, zum Flughafen zu fahren. »Ich packte also meinen Koffer, aber nachdem der erste Flieger der Rückholaktion geflogen war, verkündete die neuseeländische Regierung vorerst einen Stopp bis Ende März. Man wusste nicht genau wieso.«

Also verbrachte die Schülerin die nächsten Tage in Quarantäne – und fing an, ein bisschen Heimweh zu bekommen. »Ich fühlte mich rastlos, weil ich aus meinem Koffer lebte und ich keine Ahnung hatte, wann ich nach Hause fliegen würde, in drei Tagen oder doch erst in zwei Wochen.« Ihre Gastfamilie sei zwar sehr nett gewesen, aber es sei eben doch nicht ihre eigene Familie.

Anfang April gab es die nächste Rückholaktion – 12.000 Deutsche wollten von Neuseeland zurück in die Heimat fliegen. »Als ich jedoch wieder keine Benachrichtigung für den nächsten Flug bekam, meldete mich meine Mutter auf die Reserveliste an, für Personen die nahe am Flughafen leben, damit jeder Flieger voll wird.« Nur eine Stunde später bekam Julia Schuster einen Anruf von der deutschen Botschaft: Da sie minderjährig und alleine als Schülerin in Neuseeland ist, bestünde eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie mit diesem Flug nach Hause komme. Der 16-Jährigen blieben nur zwei Stunden, um ihre Sachen zu packen – das meiste war eh schon im Koffer.

Unklar, wo das Flugzeug in Deutschland landet

»Meine Gasteltern fuhren mich zum Flughafen und nachdem ich am Check-in meinen Boarding-Pass bekommen hatte, war es also sicher: Endlich ging es nach Hause.« Beim Einsteigen in das Flugzeug hatte die 16-Jährige keine Ahnung, an welchem Flughafen sie in Deutschland angekommen würde. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Vancouver – wo aber niemand aussteigen durfte – ging es weiter. Ihr Vater hatte über die Flugnummer und Flugradar in der Zwischenzeit herausgefunden, dass der Flug nach Frankfurt ging. Nach fast 24 Stunden im Flugzeug kam Julia Schuster dort an und wurde von ihren Eltern in Empfang genommen.

Jetzt ist sie froh, dass sie wieder in der Heimat ist. »Ich bleibe jetzt erst mal zuhause und passe auf mich auf. Das Flugzeug war immerhin voll, Social Distancing nicht möglich.« Aber die Schülerin hat viele Erinnerungen an ihre Zeit in Neuseeland mitgebracht und wird dieses Abenteuer ihr Leben lang nicht mehr vergessen. jal

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