Jüdisches Leben in der Stadt verdient mehr Beachtung

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Ursula Lay, die Vorsitzende des Katholischen Kreisbildungswerks, sagt, dass das jüdische Leben in der Stadt Traunstein unter den Historikern bisher noch viel zu wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Und sie hofft, dass die Geschichtsforscher die Versäumnisse aus der Welt schaffen. (Foto: Pültz)

Traunstein – Haben Juden in früheren Jahrhunderten in Traunstein gelebt? Nur wenig ist bekannt. Von Ausnahmen abgesehen hat Ursula Lay, die Vorsitzende des Katholischen Kreisbildungswerks (KBW) Traunstein, nichts in den Schriften und Büchern gefunden. Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt ist sie sich aber sicher, dass auch Traunstein – in welcher Form auch immer – jüdisches Leben besessen hat. So geht sie davon aus, dass zum Beispiel Kaufleute in der Stadt ihre Geschäfte getrieben haben – Juden, deren Spuren die Historiker noch nicht freigelegt haben.


Koscheres Essen und Kletzmer Musik: Heuer feiert die Bundesrepublik »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«. Den Anlass gibt ein römisches Gesetz aus dem Jahr 321. Damals hatte Kaiser Konstantin eine Anfrage des Stadtrats in Köln beantwortet: Der Kaiser erlaubte, dass Juden in den Stadtrat berufen werden dürfen. Dieser Erlass belegt, dass damals Juden in Köln lebten – und er bildet nun die Grundlage für das Jubiläum »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

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Ursula Lay liebt ihre Heimatstadt Traunstein, sie engagiert sich im Stadtrat – sie ist Kulturreferentin –, sie leitet das Kreisbildungswerk. Seit 2019 ist die frühere Lehrerin in Rente. Geschichte hat sie schon immer interessiert – und so fokussiert sie sich zurzeit auf das jüdische Leben. Das Jubiläum biete, so sagt sie, die »große Chance, das Positive herauszustellen, das uns die Juden an Kunst, Kultur und Religiosität geschenkt haben«. Die Spuren, die die Juden in Deutschland hinterlassen haben und nach wie vor hinterlassen, seien »ein unheimlicher Gewinn«.

Spuren, die durch die Jahrhunderte gehen, vermutet Lay auch in Traunstein. Einen Reim darauf, dass die Forscher sie bislang noch nicht entdeckt haben, kann sich die KBW-Vorsitzende genau genommen nicht machen. Womöglich habe der eine oder andere Deutsche nach dem Holocaust auch heute noch Berührungsängste, sich der jüdischen Geschichte zu nähern. Womöglich sitze gerade in Traunstein und Umgebung die Scham nach der Ermordung von über 60 KZ-Häftlingen in den letzten Kriegstagen im Mai 1945 in Surberg immer noch tief. Wie dem auch sei, die KBW-Vorsitzende sieht jedenfalls einen großen Nachholbedarf und wünscht sich Historiker, die dem jüdischen Leben in Traunstein und Umgebung Aufmerksamkeit schenken.

Beachtung fanden bislang allein Juden in Traunstein, die im 20. Jahrhundert in der Stadt lebten – und die vielfach ein grausames Schicksal ereilte. So mahnt noch heute die Geschichte der Familie Holzer zum Innehalten, zum Nachdenken, so fordert sie auch heute noch auf, sich gegen ähnlich verbrecherische Tendenzen zu wehren, sollten sie in welchem politischen Umfeld und welchem Gewand auch immer wieder auftreten. Die Familienmitglieder waren Opfer der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Am späten Abend marschierten SA-Leute in Uniform zum Haus der Familie Holzer an der Kernstraße, schrien in Sprechchören »Juden raus«. Nach Mitternacht krachten dann plötzlich Pistolenschüsse von der Straße in die Zimmer, die grölende Menge warf die Fenster ein. Die Nazis vertrieben die Familie Holzer – und sie brachten sie um. Die Erinnerung verblasst nicht: Ein Gedenkstein steht an der Kernstraße, Jahr für Jahr ist eine Gedenkfeier.

Juden lebten in Traunstein, ehe die Nazis sie aus der Stadt vertrieben. Nach dem Krieg kamen wieder Juden nach Traunstein – jedoch nicht, um sich in der Stadt anzusiedeln. Die Kaserne verwandelte sich seinerzeit in ein Lager für Personen, die nicht an diesem Ort beheimatet waren, für, so der englische Ausdruck unter den Historikern, »Displaced Persons«. Zuerst wohnten polnische Zwangsarbeiter in dem Lager, dann Juden.

»Sie kamen überwiegend aus Polen«, erzählt Lay. Nach dem Krieg seien sie aus ihrer Heimat geflüchtet – und zwar deswegen, weil sie verfolgt worden seien. Viele Bürger in Traunstein hätten seinerzeit nicht gewusst, warum die Juden in die Stadt kamen.

Von 1946 bis 1949 lebten Juden in dem Lager. Ein Kommen und Gehen herrschte, für die »Displaced Persons« war Traunstein nur eine Durchgangsstation auf ihrem Weg nach Palästina, Amerika und auch anderswohin auf der Welt. Von zwischenzeitlich sogar bis zu 1700 Personen war das Lager bewohnt. Und sie bildeten eine eigene kleine Stadt in der großen Stadt. Ursula Lay erzählt, dass sie etwa über einen eigenen Kindergarten und über eine eigene Schule verfügten. »Die Juden hatten vor, sich für das neue Leben zu rüsten.«

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