Die lange Nacht der Demokratie – Ein erster Erfolg

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Dr. Karin Schnebel und Lutz Quester boten im Rahmen der »Langen Nacht der Demokratie« unter anderem »Erzählungen aus der Wendezeit«. (Foto: Giesen)

Traunstein – Elf Veranstaltungen, zusätzlich die Fotopräsentation zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Traunstein«, organisierten das Katholische Kreisbildungswerk (KBW) sowie die Volkshochschule Traunstein (VHS) zur »langen Nacht der Demokratie«. Im Fokus standen die Wiedervereinigung Deutschlands und extremistische Tendenzen in der deutschen Gesellschaft wie Antisemitismus und andere radikale Positionen.


Ein positives Fazit der »Langen Nacht« zieht Tobias Trübenbach, KBW-Geschäftsführer: »Für uns war es erstmals ein ganz neues Format – an einem Abend eine ganze Reihe von Veranstaltungen«. Für die Zukunft habe man gelernt, dass nicht ganz so viele Angebote parallel zueinander laufen sollten, weil das interessierte Publikum so immer auswählen müsse und eigentlich gern mehrere Veranstaltungen besuchen wolle.

Auch Angela Engel von der VHS zieht insgesamt eine positive Bilanz, auch wenn manche Vorträge zum Teil nur spärlich besucht gewesen seien, andere dafür sehr gut.

Von Anfang an ausgebucht waren »Philosophische Positionen« mit Dr. Stefan Schmitt, die »die Tyrannei der Mehrheit« zum Inhalt hatten. Mehrere Veranstaltungen fanden im Großen Saal des Rathauses statt, wo »Die Weimarer Republik – Deutschlands erste Demokratie« mit Altoberbürgermeister Fritz Stahl regen Zulauf hatte.

Gut besucht war auch die Auftaktveranstaltung mittags im Großen Saal zum Thema »Antisemitismus. Nein danke«. Ein Impulsreferat dazu hielt Privatdozentin Dr. Karin Schnebel, die aufzeigte, dass Judenhass und Judenhetze bereits seit Jahrhunderten gang und gäbe sind, in Europa allerdings weit mehr als in Asien.

Heutzutage werde der Antisemitismus vor allem durch das Internet befeuert, wo jeder anonym und ohne eigene spürbare Folgen sämtliche Theorien von jüdischer Weltverschwörung bis zu abstrusen Ideen aller Art ungestraft verbreiten könne. Nach Studien sei der Antisemitismus in Deutschland innerhalb der letzten Jahre von 7,5 Prozent auf 30 Prozent innerhalb der Bevölkerung gestiegen.

Anschließend hielt Dr. Andreas Renz, Lehrbeauftragter an der LMU München und Beauftragter für den Dialog der Religionen am Erzbischöflichen Ordinariat München, anhand vieler Folien und Statistiken ein ausführliches Referat über die historische und aktuelle Entwicklung des Antisemitismus, außerdem über Strategien der Bekämpfung. Resultat war, grob zusammengefasst: »Antisemitismus gründet nicht auf Fakten, sondern auf Gerüchten und Emotionen«, wie es der bekannte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, Jahrgang 1941, ausdrückte.

Kurz ging Renz auch auf den heute verbreiteten, auf Israel bezogenen Antisemitismus vieler Menschen ein, der mit dem 1967 begonnenen arabisch-israelischen Krieg zu tun habe sowie mit der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Palästina und Israel. Leider gab es nach dem Vortrag weder eine Möglichkeit Fragen zu stellen, noch zu irgendeiner Diskussion. Dr. Renz musste für eine weitere Vortragsveranstaltung seinen Zug erreichen.

Obwohl die vorgesehenen zwei Stunden schon überzogen waren, konnte Pastoralreferentin Dr. Christine Abart noch aktuelle Beispiele aus den vergangenen Monaten über konkrete tätliche und verbale Angriffe auf Juden in deutschen und österreichischen Städten aufführen.

Während der ersten »Langen Nacht der Demokratie« in Traunstein hatte auch die Ausstellung »Schalom« im Heimathaus viele Besucher. In hervorragenden Fotografien wird der Frage nachgespürt, wie selbstverständlich jüdisches Leben in Deutschland heute ist – 70 Jahre nach dem Holocaust. Die Fotografen Holger Biermann, Rafael Herlich und Benyamin Reich zeigen zum Beispiel Kinder in einer Talmudschule, eine Rabbinerfamilie mit ihrem Neugeborenen, einen jüdischen Kantor beim Fußballspielen, eine jüdische Hochzeit, aber auch antisemitische Schmierereien an einer Hauswand. Die Fotos stammen aus den Jahren 2000 bis 2015 und werfen Schlaglichter auf die heutige Lebenswirklichkeit von Juden in Deutschland.

Die Ausstellung »Schalom. Drei Fotografen sehen Deutschland« zum Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« ist bis Sonntag im Stadtmuseum Traunstein von 10 Uhr bis 15 Uhr zu sehen. Der Eintritt zu der Ausstellung ist frei.

gi

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