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»Das Wichtigste ist der klare Wille zur Kommunikation«

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Traunstein: Gehörlose im Landkreis erleben die Zeit mit Masken und ohne Lippenlesen als besonders herausfordernd
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Lippenlesen war einmal – die Maskenpflicht macht es gehörlosen Menschen in diesen Tagen doppelt schwer. Das Wichtigste, so Robert Mörtl vom Gehörlosenverein Traunstein, ist aber der Wille zur Kommunikation. (Foto: dpa)

Traunstein – Das Tragen von Mund-Nasen-Masken wegen der Corona-Pandemie erschwert gehörlosen und hörgeschädigten Menschen die Kommunikation. Da die Masken den Mund komplett verdecken, ist das Lippenlesen unmöglich, die Kommunikation per Gebärdensprache wird stark beeinträchtigt.


»In der Tat hat sich für uns Gehörlose die Realität noch ein wenig mehr verändert«, schreibt Rudolf Mörtl, Vorsitzender des Gehörlosenvereins Traunstein auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts. »Klar ist es für uns alle befremdlich, plötzlich nur noch Menschen mit Mundschutz zu sehen. Man fragt sich: Lacht die Person? Ist sie traurig oder glücklich?« Vieles sei nur noch bei genauem Hinsehen und mit hoher Aufmerksamkeit erkennbar.

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»Hörende können keine Information mehr senden«

Gehörlose greifen laut Mörtl in der Kommunikation mit Hörenden, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, auf das Lippenlesen zurück. »Aber auch da müssen wir uns auf das Gegenüber verlassen können, das es langsam und deutlich spricht.« Das falle nun ganz weg, Hörende könnten keine Informationen mehr senden – »und wir nicht mehr empfangen. Das ist für beide Seiten ein großes Problem.«

Zu Überlegungen, transparente Gesichtsmasken zu nutzen, schreibt er: »Informationen kommen aber trotz Lippenlesens meist nicht vollständig bei uns an. Haben Sie mal versucht, den Fernseher auf lautlos zu schalten und zu 'lesen', was gesprochen wird? Wie viel von dem Gesagten können Sie erkennen?« Gehörlose untereinander könnten einander relativ gut auch ohne Mimik und Lippenlesen unterhalten. »Zwar ist dies Teil der Gebärdensprache, das Wichtigste bleiben jedoch die Handbewegungen. Und diese haben wir noch, auch mit Mundschutz.

Im Ausland könne man das gut beobachten, weil beide Parteien sowieso nicht dieselbe Sprache sprechen. Lippenlesen funktioniert nicht »und man wird plötzlich erfinderisch. Man nimmt das Handy und Google Translate, kommuniziert über ein Blatt Papier oder eben mit Hand und Fuß. Es ist überraschend, was Menschen ohne Gebärdensprachkenntnisse an Gestik auffahren und dass die Kommunikation dann doch ganz gut klappt. Da erfährt man schnell nebenbei auch gleich mal die Familiengeschichte des Gegenübers. Der Wille zur Kommunikation zählt.«

Dabei gehe es im Urlaub ja nicht um essenzielle Dinge, sondern meist um die Wegbeschreibung zum Strand, »ein bisschen Smalltalk und darum, das Leben zu genießen.« Im Alltag sei das oft anders. Auch hier gehe es schon mal beim Bäcker oder im Supermarkt mit zeigen und deuten; »das setzt aber voraus, dass die Verkäuferin mich kennt oder versteht, was es bedeutet, gehörlos zu sein.«

Nachdem nicht alle flächendeckend mit durchsichtigen Mundschutzmasken ausgestattet werden könnten, damit Gehörlose wieder auf das Lippenlesen zurückgreifen könnten, »bleibt da der Wille zur Kommunikation. In dem Moment, in dem ich kommuniziere, nicht hören zu können, müssen sich die Menschen darauf einstellen«, berichtet Mörtl, »sei es mit Hand und Fuß, das Erlernen von Grundgebärden oder eben mit dem Handy.« In Amerika könnten Polizisten häufig die wichtigsten Grundbegriffe in Gebärdensprache. »Das wäre in Deutschland ebenso wünschenswert in den sogenannten systemrelevanten Berufen, wie Polizei, Ärzte, in der Pflege und bei der Feuerwehr.«

Denn, wenn es um die Gesundheit geht, und präzise Informationen wichtig sind, dann reichen Kommunikation mit Hand und Fuß und der gute Wille allein nicht aus. Da gab es schon vor Corona das Problem, dass ohne Dolmetscher die Kommunikation nur sehr eingeschränkt möglich war. »Dolmetscher dürfen aber nun nicht mehr bei Arztgesprächen dabei sein, und wir sitzen einem Arzt gegenüber, der einen Mundschutz trägt. Gerade zu Beginn von Corona war dies für einige Gehörlose ein echter Schock und sie saßen da, völlig hilflos, den Tränen nahe.«

Das Lippenlesen und das Interpretieren der Mimik, seien es gute oder schlechte Nachrichten, sei ein wichtiger Aspekt. »Hier wäre ein durchsichtiger Mundschutz definitiv hilfreich. Er löst aber das Grundproblem nicht. Es besteht nun die einmalige Chance, das Problem zu erkennen und Zugang zu Online-Dolmetscher-Diensten und die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen«, regt Mörtl an.

»Wir werden plötzlich mehr sichtbar«

Einige Gehörlose berichteten, dass aufgrund der Tatsache, dass Lippenlesen nicht mehr möglich ist, die Leute gemeinsam kreativ würden, so Mörtl weiter. »Arbeitskollegen greifen mehr auf Gestik, Körperhaltung und Körpersprache zurück als vorher und sind plötzlich mehr sensibilisiert, was die Bedürfnisse von Gehörlosen betrifft. Wir werden plötzlich mehr sichtbar. Auch Hörende machen die Erfahrung, ebenfalls nicht mehr auf ihre Sprache zurückgreifen zu können in der Kommunikation mit uns.«

Die Traunsteiner Gehörlosen sähen aber in den Umständen eine große Chance, mit ihren Mitmenschen mehr über ihre Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen und sich einander mehr anzunähern.

»Das Wichtigste ist aber der Respekt allen Menschen gegenüber, der klare Wille zur Kommunikation und das Wissen, dass die Informationen zu 100 Prozent beim Gegenüber ankommen müssen. Klar sind wir auf die Politik und deren Handeln angewiesen, aber jeder gelungene Einkauf oder Arztbesuch, bei dem man wirklich verstanden werden wollte, ist für uns ein Segen.« coho

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