weather-image

Die einstige »Ruhpocabana« schlägt bis heute hohe Wellen

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Oben-ohne-Nixen holten zur Eröffnung des Wellenhallenbads vor 50 Jahren die Copacabana an den Rauschberg und sorgten nicht nur für hohe Wellen im Bad, sondern auch für bundesweites Medienecho. (Fotos: Gemeinde-Archiv)
Bildtext einblenden
Technisches Relikt aus der Bauzeit ist die Wellenmaschine, die unvermindert ihren Dienst tut.

Ruhpolding – Die einstige »Copacabana der Alpen«, das derzeit geschlossene Vita Alpina in Ruhpolding, besteht seit einem halben Jahrhundert. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und vorbei an der Wahrnehmung der Bürger jährte sich die Eröffnung des ersten Wellenhallenbads der Alpen zum 50. Mal.


Es war das touristische »Highlight« des Jahres 1970. Ruhpolding hatte es mit der Idee, Meeresbrandung an den Rauschberg zu holen wieder einmal geschafft, die Scheinwerfer der gesamten Reisebranche (nicht nur der nationalen) auf sich zu richten. Dementsprechend hoch schlugen die Wellen im 35 mal 14 Meter großen Becken bereits beim Probelauf, den man werbeträchtig, noch vor dem offiziellen Startschuss, ins Programm geschoben hatte. Denn, wenn schon das Bad scherzhaft auf den exotischen Namen »Ruhpocabana« getauft wurde, sollte sich zumindest über die erste Wellengischt brasilianisches Flair breitmachen.

Anzeige

Und wie der barbusige Marketing-Gag gelang! Ohne vorherige Ankündigung hatten sich um Mitternacht, wie die »Bild«- Zeitung die Szene süffisant umschrieb, einige Mannequins, Schauspielerinnen und Fotomodelle bei Beat-Musik ihrer Oberbekleidung entledigt und plantschten im Wellengang munter drauf los.

Allerdings zum Missfallen von Bürgermeister Anton Stengel und seinen Gemeinderäten, denen das muntere Treiben der Oben-ohne-Nixen sichtlich ein Dorn im Auge war. Angeblich. Denn zwölf Stunden später soll der Bürgermeister gewettert haben: »Oben-ohne-Mädchen schaden unserem Ruf!« Jedenfalls habe er von dem Auftritt nichts gewusst.

Stengels Befürchtungen waren für die Katz – ganz im Gegenteil. Das Medien-Echo in den auflagenstärksten Zeitungen der Bundesrepublik war überwältigend und sparte nicht an Superlativen. Und in den Folgejahren spülte das Bad, das bis heute in schöner Regelmäßigkeit Wellen bis zu Windstärke vier produziert, Gäste zuhauf in den Ort und zugleich Geld in die Gemeindekasse. Immerhin so viel, dass sich das 4,1 Millionen Mark teure Bad bis zur Ölkrise 1978 finanziell trug und sogar das Darlehen zur Deckung der Pachtvorauszahlung durch die Betriebsgesellschaft verzinst und getilgt werden konnte.

Rückblende: Ganz so einfach wie es heute den Anschein hat, machte es sich der Gemeinderat mit dem Bau des touristischen Leuchtturmprojekts damals jedenfalls nicht. Denn ehe der erste Spatenstich am Standplatz Kafinger Feld erfolgte, hatten sich die Gemeindeväter in einem Marathon von 32 Sitzungen und unzähligen Besichtigungsterminen die Köpfe über das Für und Wider zerbrochen. Landrat Leonhard Schmucker brachte das Ergebnis während seiner Festansprache auf den Punkt, als er die drei mutigsten Schritte erwähnte, die Ruhpolding je wagte: den Kurhausbau 1937, die Errichtung der Rauschbergbahn 1953 und nun 1970 den Bau des Wellenhallenbads.

Freilich brachte das Vorhaben die Gemeindefinanzen an den Rand des Möglichen und ihm, Schmucker, sicher einige schlaflose Nächte ein. War doch die Entscheidung zum Bau noch unter seiner Amtszeit als Bürgermeister seines Heimatorts gefallen. Und er ganz vorne mit dabei als Anschieber des touristischen Novums. Zuschüsse? Fehlanzeige – nur ein zinsverbilligtes Darlehen stand in Aussicht. Selbst das Landratsamt in Traunstein stellte sich angesichts des hohen Ruhpoldinger Schuldenstands quer und stoppte die Darlehensaufnahme. Doch mit einem genialen Schachzug löste man auch dieses Problem.

Als Gegenleistung für den Bauauftrag musste sich der Generalunternehmer verpflichten, eine Betriebsgesellschaft mit Stammkapital (100 000 Mark) zu gründen und das Bad pachtweise für die ersten fünf Jahre zu betreiben. Inklusive Pachtvorauszahlung in Höhe von 1,2 Millionen Mark, die wiederum zur teilweisen Deckung der Baukosten von seinerzeit 4,1 Millionen Mark verwendet wurden. 1974 übernahm die Fremdenverkehrsgesellschaft mbH Ruhpolding die gesamten Anteile und somit auch die Geschäftsführung, für die dann lange Zeit Gemeindegeschäftsleiter Alois Auer verantwortlich zeichnete.

In der Folgezeit gelang es immer wieder, durch wohl überdachte Investitionen den Beliebtheitsgrad des Bads zu steigern, wie zum Beispiel durch das Freiluft-Thermo-Becken, der heutigen »Urmeer-Therme«, die Wasserrutsche oder das gastronomische Angebot. Im Jahr 2000 erhielt das mittlerweile in der Außenwerbung als »Vita Alpina« betriebene Erlebnisbad ein komplettes »Facelifting«, von dem seither Bade- und Saunagäste profitieren. Zusätzlich wurden Teile des technischen Bereichs im Untergeschoß erneuert, andere Teile (wie zum Beispiel die Wellenmaschine) verrichten aber bereits seit 50 Jahren unverändert und mit gleicher Ausstattung ihren Dienst.

Aber auch das ist bereits Schnee von gestern, und so (oder vielleicht gerade deshalb) dreht sich das Rad erneut in Richtung Optimierung oder gar nach einem neuen Ausrichtungskonzept. Nicht zuletzt auch wegen der roten Zahlen, weswegen das Bad der Gemeinde permanent mit einem sechsstelligen Defizit auf der Tasche liegt. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass es anderen Kommunen und Städten ähnlich ergeht. Zumal sich die Ausrichtung des Tourismus' seit dem Entstehen des Wellenbads gewandelt hat.

Heutzutage entscheidet sich der Tourist offenbar nicht mehr aufgrund eines Wellenbeckens, eines Kurhauses oder einer Eishalle für Ruhpolding. Vielmehr liegt der Fokus auf der unvergleichbaren Naturkulisse, dem Gefühl von Heimat, Tradition und dem Unterbringungsstandard an sich. Daher sind ein verändertes Nutzungskonzept und eine Sanierung nach dem Motto lieber »klein aber fein« auchunausweichlich. Zumal in Corona-Zeiten sowieso alles anders ist. Zu hoffen bleibt, dass in absehbarer Zeit die gewohnte Normalität ins öffentliche Leben zurückkehrt und das Vita Alpina, mit erneutem Ausrichtungskonzept, wieder hohe Wellen schlägt. ls

Mehr aus Ruhpolding