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Licht und Farbe: Die wichtigsten »Zutaten« der »Welle«-Maler

Vor genau 90 Jahren fand die erste Ausstellung der Künstlervereinigung »Die Welle« in Prien am Chiemsee statt. Anlässlich dieses Jubiläums wird in den Räumen der Galerie im Alten Rathaus in Prien eine Retrospektive mit insgesamt 117 Werken der Mitglieder dieser Künstlervereinigung gezeigt.

»Am Wehr« von Bernhard Klinkerfuß.

Um einen Einblick in ihr Kunstschaffen zu ermöglichen, sind im Erdgeschoß vorwiegend Werke der Gründungsmitglieder zu sehen, in den beiden Obergeschoßen, ist jeweils ein Raum einem einzelnen »Welle-Künstler« gewidmet.

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Ab 1922 stellte »Die Welle« eine sehr aktive und fortschrittliche Künstlervereinigung der Zwischenkriegszeit in Bayern dar. Bereits ab den späten zwanziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts begannen Künstlergruppen und Gemeinschaften sich zu formieren. Trotz der schweren wirtschaftlichen und politischen Krise nach 1918 – oder vielleicht gerade deswegen – entwickelte sich eine Vielzahl unterschiedlichster Kunstgruppen und Künstlergemeinschaften.

Größere Aufträge für Künstler entfielen gänzlich, da die traditionellen Mäzene ausschieden und die Inflation von 1922 bis 1924 ihr Übriges beitrug zur katastrophalen finanziellen Lage in Bayern. Während dieser Zeit zog sich ein großer Teil der Künstler in die Provinzen zurück.

Im Herbst 1921 schlossen sich sechs Künstler zu einer Gruppe zusammen, die sich »Freie Vereinigung Chiemgauer Künstler« nannte und auf Vorschlag von Annette Thoma, der Ehefrau von Emil Thoma, dann den Namen »Die Welle« erhielt. Diese neue Bewegung brachte frischen Wind in den bestehenden Kunstbetrieb am Chiemsee. Die sechs Gründungsmitglieder waren Bernhard Klinkerfuß (1881-1940), Paul Roloff (1977-1951), Emil Thoma (1869-1948), Karl Hermann Müller-Samerberg (1869-1946), Paula Rösler (1875-1941) und Friedrich Lommel (1883-1967).

Die sechs Künstler waren teils befreundet, teils kannten sie sich von den Ausstellungen im Glaspalast in München und durch ihre kurzfristige Mitgliedschaft beim »Frauenwörther« oder dem »Chiemgauer Künstlerbund«. Den sechs Künstlern schlossen sich noch im Jahr 1921 drei weitere Maler an, Rudolf Sieck, Rudolf Hause und Wolfgang Zeller. Zu den ständigen Mietgliedern und Ausstellern der »Welle« zwischen 1922-1933 zählten auch Theodor Hummel und Lisbeth Lommel. Diese neue Vereinigung war eine Art Arbeitsgemeinschaft befreundeter Maler, die auf gegenseitigem Erfahrungsaustausch beruhte.

Dr. Elisabeth Waldmann schilderte in ihrer Eröffnungsrede sehr präzise die damals schwierige Situation für Künstler sowie die Probleme, die die Welle-Künstler hatten, um Ausstellungsräume für die Präsentation ihrer Kunstwerke zu bekommen. Da keine Räume und Gebäude für ihre Ausstellungen zur Verfügung gestellt wurden, zählte die Errichtung eines neuen Ausstellungsgebäudes zu ihren zentralen Anliegen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand sich ein Baugrund im dem Ortsteil Stock, an der »Stocker Schäre«, der heutigen Strandpromenade, Grundstückseigentümer war die Staatliche Krongutverwaltung, die das Bauvorhaben unterstützte, indem sie sehr billig den gewünschten Bauplatz an die ambitionierte Künstlervereinigung für die Dauer von 10 Jahren verpachtete. Obwohl der Ortskern Prien ca 3 km landeinwärts vom Chiemseeufer entfernt war, so war die Lage dennoch ideal, am Zugang zu den wellenumspülten Schären, mit der Prachtschau über die weitgedehnte Wasserfläche hinüber zur Herreninsel und zur aufragenden Bergwelt.

Unter unermüdlichem Einsatz begann Bernhard Klinkerfuß bereits Ende 1921 Vorentwürfe für den Bau zu skizzieren. Der endgültige Entwurf entstand im März 1922. Das Gebäude bedeckte ca. 200 Quadratmeter Grundfläche und erhob sich über einem rechteckigen Grundriss mit einem rechteckigen Vorbau. Die einfache Klarheit des Baukörpers bettete sich harmonisch in die umliegende Architektur und Landschaft ein. Um bei der Raumaufteilung besondere, abwechslungsreiche Gesamtbilder zu erreichen, waren die zwischen dem kleinen und großen Ausstellungsraum befindlichen Trennwände so entworfen worden, dass diese zurückgeklappt werden konnten, um einen großen Saal zu ermöglichen.

In der damaligen Baukonzeption spiegelte sich vielleicht die Grundidee einer Mehrzweckhalle, wie wir sie heute kennen. Bernhard Klinkerfuss’ Anliegen war von Beginn an, diese Räumlichkeiten auch für andere Zwecke zu nutzen. Für Prien wurde durch dieses Gebäude ein neuer Anziehungspunkt geschaffen. Bemerkenswert war, dass die finanziellen Mittel zur Baufinanzierung – trotz der damals herrschenden, schwierigen wirtschaftlichen Nachkriegszeit – überwiegend von Bernhard Klinkerfuß persönlich aufgebracht wurden. Auch später wurde »Die Welle« ohne jede öffentliche oder private Hilfe mit viel Idealismus von den Künstlern getragen.

Um ein breites Spektrum an Kunst zu zeigen, bemühte sich die Künstlervereinigung um Gastaussteller. So stellten in den Jahren 1929 und 1930 Max Slevogt, 1928 und 1929 Karl Hagemeister, 1931 Erich Wilke, 1927-1929 und 1932 Hans Otto Schönleber aus. Die Künstler dieser neuen Künstlergemeinschaft greifen wie auch die Maler der Künstlerkolonie »Neu Dachau« die Münchner Landschaftstradition auf und verknüpfen sie mit Freilicht-malerischen Tendenzen der Zeit. Die malerisch und farbintensive Landschaft des Chiemgaus hatte schon früher Künstler wie Maximilian Haushofer, Eduard Schleich, Adolf Lier und später Wilhelm Trübner angezogen.

Die meisten »Welle-Künstler« hatten ihre Ausbildung in München erhalten und waren in Realismus und freier Naturbeobachtung geschult. Sie verbanden eine neue impressionistische Farbhelle, die breite Pinselführung und die intensive, großzügige Lichtbehandlung mit der Tradition Münchner Stimmungslandschaft. Tages- und Jahreszeiten werden in der Vielfalt der atmosphärischen Stimmungen des Alpenvorlandes gezeigt.

Da sich die Welle-Künstler keinem gemeinsamen künstlerischen Programm verschrieben hatten, konnten sich zahlreiche individuelle Richtungen und persönliche Stile herausbilden. Die in Prien präsentierten Werke zeigen, dass in groben Zügen internationale Strömungen der Malerei in diesem Zeitraum aufgenommen wurden, die Gegenständlichkeit und das Traditionsbewusstsein jedoch mit der Kunst der »Welle« untrennbar verknüpft sind. Auch verzichteten die Künstler der »Welle« auf die Möglichkeit, im abstrakten Bild ihren künstlerischen Ausdruck zu finden. Die Verarbeitung der neuen »modernen« Strömungen in der Malerei erfolgt, wie in der Retrospektive zu sehen ist, weniger im Bereich des Bildinhaltes, vielmehr wird formal versucht, die neue malerische Sprache nachzuvollziehen. Die Dominanz der Farbe als Bildgestaltung ist charakteristisch. Eine Besonderheit und signifikanten Blickfang bilden in der Ausstellung die Skulpturen und Terrakottaarbeiten von Friedrich Lommel und die Scherenschnitte von Paula Rösler.

Am 26. Juni 1934 wurde das Ausstellungsgebäude in Prien/Stock abgerissen. Als Grund wurde die Freilegung des Seeblicks angegeben und die Tatsache, dass die Verlegung des Gebäudes zu teuer gewesen wäre. Dadurch war die Künstlervereinigung »Die Welle« zur Aufgabe gezwungen. Im Juli 1934 stellte »Die Welle« nochmal als geschlossene »Einheit« im Rathaussaal in Rosenheim aus und zeigte 60 Exponate. Nach dieser letzten Ausstellung löste sich die äußerst ambitionierte Künstlergruppe auf.

Der »Welle« gelang es in Zusammenarbeit mit anderen Kunstvereinen Deutschlands, ihre Kunst auch in ganz Deutschland bekannt zu machen und dort Erfolge erringen. Die Künstlervereinigung musste sich in der Gesellschaft behaupten, ohne aber ihre Ideale und Prinzipien zu verleugnen, was ihr auch zwölf Jahre lang gelungen ist. Das geistige Leben in Prien am Chiemsee wurde durch verschiedene Veranstaltungen mitgestaltet und geprägt.

Die interessante Ausstellung ist bis einschließlich Sonntag, 28. Oktober, zu sehen und jeweils von Dienstag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die begleitende Ausstellung im Heimat-Museum in Prien mit Werken von Theodor Hummel ist ebenfalls bis 28. Oktober bei zeitgleicher Öffnung zu sehen. Gabriele Morgenroth