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Für Surberger Mordopfer kam Kriegsende zu spät

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Alfred von Hofacker hielt die Ansprache an der Gedenkfeier und mahnte Zivilcourage an. (Foto: Wittenzellner)

Surberg – »Leider wurde der 3. Mai 1945 nicht mehr zum Tag der Befreiung für Menschen, die hier ihr Leben lassen mussten«, betonte Friedbert Mühldorfer vom Kreisverband Traunstein der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten im Rahmen der Gedenkfeier für die Opfer von Surberg an der Gedenkstätte an der Bundesstraße 304 im Surtal. Wurden dort doch am 3. Mai 1945 zum Ende des Krieges 61 meist jüdische Häftlinge von SS-Wachmannschaften erschossen.


Zuvor waren die Häftlinge von verschiedenen Konzentrationslagern auf einen langen »Todesmarsch« geschickt worden, der sie auch durch Traunstein führte, bevor sie in dem Massaker der Nazischergen ermordet wurden – wenige Stunden, bevor amerikanische Truppen in der Region eintrafen und Tage vor dem Ende des 2. Weltkrieges.

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Mühldorfer erinnerte an die vielen Befreiungsfeiern derzeit an verschiedenen Orten des damaligen Naziterrors wie beispielsweise in Mauthausen. Er blickte zurück auf 100 Jahre Revolution in Bayern. Sei doch damals schon von verschiedenen Kreisen schnell der Versuch gemacht worden, die 1918 ausgerufene Republik wieder abzuschaffen und dafür zu sorgen, dass eine deutsche »Herrenrasse« auf Kosten anderer Leben könne. Feindbilder wurden schnell gefunden und instrumentalisiert wie beispielsweise die Arbeiterbewegung oder die Juden, die später in den industriellen Massenmord mündeten.

Stellvertretender Landrat Josef Konhäuser sagte, man erweise mit der Gedenkfeier den Opfern des Todesmarsches Achtung und Respekt. »Wir halten damit die Erinnerung wach an die entsetzliche Wahrheit, dass hier im Namen des Naziregimes unschuldige Menschen ermordet wurden.« Die Gedenkfeier solle auch eine Mahnung an unsere Verantwortung für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit sein. Er betonte, es sei nicht leicht für ihn, die richtigen Worte zu finden. »Was wissen wir über jeden Einzelnen? Was waren ihre Wünsche und Träume?« Er plädierte dafür, sich aktiv dafür einzusetzen, dass Gräuel dieser Art sich nie wiederholen könnten. »Zeigen wir Zivilcourage, wenn die Würde des Menschen in Gefahr ist und sich faschistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft breit macht.«

Die Ansprache kam in diesem Jahr von Alfred von Hofacker, der im Sommer 1944 mit zwei Geschwistern von der Gestapo in ein Kinderheim gebracht wurde. Seine Mutter wurde mit zwei älteren Geschwistern in Konzentrationslager deportiert. Sein Vater Caesar von Hofacker war als Offizier mitbeteiligt am militärischen Widerstand gegen Hitler. Im Dezember 1944 wurde er von den Nazis hingerichtet.

Er betonte, dass zum Gedenken nicht nur die Erinnerung gehöre, sondern auch die moralische Verpflichtung, dass sich ein solch faschistisches Unheil nicht wiederhole. Mit Blick auf den zunehmenden Nationalismus in Europa und verstärkte rechtspopulistische Tendenzen auch in unseren Parlamenten rief er den rund 80 Anwesenden zu: »Wehret den Anfängen!« Er forderte Zivilcourage ein und ermutigte besonders die junge Generation, sich aktiv zu engagieren. Seine bewegende Familiengeschichte mündete in ein Zeichen der Verbundenheit und Solidarität untereinander, dem sich die Besucher anschlossen: »Reichen wir uns die Hände als Zeichen der Verbundenheit und Solidarität und versichern wir uns, dass wir für eine freiheitliche demokratische Grundordnung gemeinsam einstehen.«

Zwei Schülerinnen des Annette-Kolb-Gymnasiums, Ann-Kathrin Mühlthaler und Clarissa Mack, lasen zwei Texte. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von Michael Roß am Saxophon.

Zum Ende der Veranstaltung, die zum 33. Mal hintereinander veranstaltet wurde, legten die Besucher wie schon in den Vorjahren am symbolträchtigen achtarmigen jüdischen Chanukka-Leuchter Steine der Erinnerung oder Blumen ab. Auch wurden wie schon in den Vorjahren kleine weiße Tafeln in den Boden gesteckt, auf denen die Namen der Ermordeten standen. Weiße Tafeln ohne Namen von Opfern, deren Identität nicht bekannt ist – kein Opfer sei vergessen, es werde auch ihrer gedacht, wie Mühldorfer betonte, der in seinen Gedenkaufruf auch die Menschen einschloss, die als überlebende des Holocausts in Surberg in den vergangenen Jahren Gedenkreden hielten und inzwischen verstorben sind. awi