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Der große Mitgliederschwund bleibt wohl aus

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Schlagzeilen wie »Flüchtlingskrise schüttelt die Parteienlandschaft durcheinander« oder »Volksparteien schrumpfen, die AfD wächst« häufen sich in den vergangenen Wochen und Monaten. Das Traunsteiner Tagblatt hat darum bei den Kreisverbänden nachgefragt, wie sich ihre Mitgliederzahlen entwickeln. Mit Ausnahme der CSU konnten alle leicht zulegen oder zumindest ihren Mitgliederstand stabil halten. Der prozentuale Zuwachs ist tatsächlich bei der AfD am größten. Mit aktuell 55 Mitgliedern zählt ihr Kreisverband aber zu den kleineren.


Das hört sich erst einmal beachtlich an: Der Kreisverband der Alternative für Deutschland hatte im Mai 2016 um 71,9 Prozent mehr Mitglieder als im Mai 2015. Allerdings hat sich der hohe Anstieg auf niedrigem Niveau vollzogen. Trotz Zulaufs hat die AfD im Kreis Traunstein aktuell nicht mehr als 55 Mitglieder.

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Mit aktuell 2501 Mitgliedern, 2,6 Prozent mehr als vor einem Jahr, steht der Kreisverband der Freien Wähler, was die Mitgliederzahl betrifft, an der Spitze. Vorsitzender Andreas Danzer betont aber, dass es sich bei den Freien Wählern um eine parteilose Wählergemeinschaft handelt, die Mitglieder damit keiner Partei angehören.

CSU hat weniger Mitglieder als die Freien Wähler

Verhältnismäßig knapp dahinter rangiert die CSU mit aktuell 2292 Mitgliedern. Der Kreisverband hat damit 2,5 Prozent weniger Mitglieder als noch vor einem Jahr. Kreisvorsitzender Klaus Steiner kann die Verschiebungen in der Mitgliederzahl detailliert aufschlüsseln: 44 Mitglieder starben, drei Mitglieder wurden gestrichen, weil sie keine Mitgliedsbeiträge gezahlt haben, 45 Mitglieder traten aus, 34 Mitglieder neu in die CSU ein.

Die SPD hat den drittgrößten Kreisverband im Landkreis Traunstein. Mit aktuell 597 Mitgliedern liegt er zwar größenmäßig deutlich hinter Freien Wählern und CSU, allerdings auch weit vor den übrigen Kreisverbänden. Der SPD-Kreisverband legte in den vergangenen zwölf Monaten um 1,9 Prozent zu: Im Mai 2015 hatte der Kreisverband noch aus 586 Mitgliedern bestanden.

Auf den Plätzen vier und fünf folgen die Kreisverbände von Bündnis 90/Die Grünen (178 Mitglieder, plus 1,7 Prozent), Bayernpartei (132 Mitglieder, plus 5,6 Prozent). Alle anderen Kreisverbände haben weniger als 100 Mitglieder. Dies sind zunächst die ÖDP (74 Mitglieder, plus 8,8 Prozent), die Linke (41 Mitglieder, plus 28,1 Prozent) und die FDP (20 Mitglieder, +/- 0). Das Schlusslicht bildet die Piratenpartei mit aktuell acht Mitgliedern, zwei Mitgliedern mehr als vor einem Jahr.

Größere Verschiebungen haben sich damit im zurückliegenden Jahr im Kreis Traunstein nicht ergeben. Das bestätigt auch Andreas Danzer, Kreisvorsitzender der Freien Wähler: »Unsere Mitgliederentwicklung ist sehr stabil.« In erster Linie liege das daran, dass sich der Kreis- und die Ortsverbände ausschließlich mit örtlich bezogenen, kommunalen Themen auseinandersetzen würden. Mit Blick auf die bundesweite Entwicklung glaubt Danzer, dass Themen wie der Euro, Griechenland, TTIP, Ceta und Tisa sowie eine verfehlte Asylpolitik die Bevölkerung teilen würden. »Es wird nach Alternativen gesucht, die die Volksparteien nicht bieten«, so Danzer. Ein Umdenken sei darum vonnöten.

Kein »Davonlaufen«, keine »Abwanderungstendenz«

Der Kreisvorsitzende der CSU, Klaus Steiner, führt aus, dass »wir uns mit den Sorgen und Ängsten von Bürgern befassen müssen, die zumindest stellenweise die AfD wählen«. Drei CSU-Mitglieder, die den Kreisverband in den vergangenen zwölf Monaten verließen, taten dies nach eigenen Aussagen wegen der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, einer trat wegen der Flüchtlingspolitik der Bayerischen Staatsregierung aus. Zehn weitere Mitglieder gaben an, aus bundes- und landespolitischen Gründen auszutreten. Fünf Mitglieder hätten die Partei verlassen, weil sie mit der Politik vor Ort nicht zufrieden seien. Alle anderen gaben keine Gründe an. Steiner stellt abschließend aber klar: »Eine Abwanderungstendenz zur AfD ist bei uns nicht festzustellen.«

Ähnlich äußert sich auch SPD-Kreisvorsitzende Bärbel Kofler: »Von einem 'Davonlaufen' kann absolut nicht gesprochen werden.« Den leichten Zuwachs in ihrem Kreisverband führt die Bundestagsabgeordnete »unter anderem auf die gute Arbeit in den Ortsvereinen zurück«. Die konstante Arbeit, etwa mit den »links bergauf«-Wanderungen und der Veranstaltungsreihe »Wie wollen wir leben«, schlage sich in stabilen Mitgliederzahlen nieder.

Helga Mandl, Sprecherin des Kreisverbands von Bündnis 90/Die Grünen, erklärt, dass »einige unserer Neumitglieder wegen der klaren Haltung der Grünen zur Asylpolitik« in den Kreisverband eingetreten seien. Für die Mitgliederentwicklung sei weniger die AfD das Problem, sondern vielmehr, dass die jungen Menschen, die in der Grünen Jugend organisiert sind, aus dem Landkreis Traunstein wegziehen, um zu studieren. »Dies wurde aber im letzten Jahr durch die Neuzugänge überkompensiert«, so Mandl.

Große handeln »in vielen Bereichen unverständlich«

Den Kreisvorsitzenden der Bayernpartei, Alfons Baumgartner, wundert es nicht, dass die Volksparteien in Deutschland schrumpfen. »Die größeren Parteien handeln in vielen Bereichen unverständlich«, findet er. Als Beispiele nennt er etwa die Haltung bei den Freihandelsabkommen oder die verfehlte Agrarpolitik.

Helmut Kauer, Kreisvorsitzender der ÖDP, erklärt sich die positive Mitgliederentwicklung seiner Partei im Landkreis Traunstein mit dem Programm der ÖDP. Man hätte alles im Angebot – »vom Tierschutz über die Gegnerschaft zu den Freihandelsabkommen bis hin zu einer 'Steuerreform für Arbeit und Umwelt'.«

Manfred Dannhorn von der Linkspartei führt den Aufwärtstrend in seinem Kreisverband darauf zurück, dass man im vergangenen Jahr verstärkt »nach außen aufgetreten« sei. Martina Wenta von der Piratenpartei bestätigt, dass in ihrem Kreisverband »keine nennenswerten Abwanderungen zu anderen Parteien erfolgt« seien. »Die AfD konnte vermutlich keine Mitglieder von der Piratenpartei abziehen.«

Jochen Bernshausen, der stellvertretende Kreisvorsitzende der AfD, erklärt, dass die Mitgliederzahl des Kreisverbands vor allem im zurückliegenden halben Jahr »stark angestiegen« sei. Eurokrise, Bankenkrise, Flüchtlingskrise, Rentenkrise hätten in seinen Augen viele veranlasst, »sich einer Partei zuzuwenden, die die Finger mal in die Wunden legt«. Die meisten Mitglieder im AfD-Kreisverband seien vorher in keiner Partei gewesen. »Unsere Mitglieder sind Bürger, die sagen: 'Jetzt reicht es mir. Ich will jetzt auch kundtun, dass ich damit nicht mehr einverstanden bin.'« san