Ortsumfahrung Altenmarkt: Viel Kritik für geplantes Großprojekt

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In einem Bogen aus Richtung Anning und Weisham kommt die neue B 304 am »Herrgottsberg« (Mitte, links) vorbei in St. Georgen an. Der Radweg aus Stein (links) zu Friedhof und Kirche würde gekappt, lautete einer der Hauptkritikpunkte beim Infoabend am Montag im k1 in Traunreut. (Visualisierung: Staatliches Bauamt Traunstein)

Traunreut – Bevor bei einem Infoabend im k1 der mit Spannung erwartete Überflug über die mögliche Straße der Ortsumfahrung Altenmarkt gezeigt und ausgiebig darüber diskutiert wurde, informierten die Verantwortlichen des Staatlichen Bauamts Traunstein darüber, wie ein solches Großprojekt grundsätzlich abgewickelt wird.


Laut Leiter Christian Rehm macht das Bauamt keine Verkehrspolitik, sondern ist für Planung, Bau, Unterhalt und Verwaltung aller Bundes- und Staatsstraßen in den Landkreisen Traunstein, Berchtesgadener Land und Altötting zuständig, im Berchtesgadener Land auch für die Kreisstraßen. »Die Vorgaben, was wir planen sollen, kommen von der Politik beziehungsweise vom Gesetzgeber.« So bestehe beispielsweise für die Umfahrung Altenmarkt ein gesetzlich belastbarer Planungsauftrag. Anfang 2022 wolle man das Planfeststellungsverfahren bei derRegierung von Oberbayern beantragen und die Bürger nun vorab aufklären, wie sie sich einbringen können.

Über die Dietlwiese hinauf nach Nock

Der virtuelle Überflug startete an der Einmündung der Glötter Straße auf die B 299 in Mögling. Dort soll ein Kreisverkehr entstehen, von dem aus die neue B 304 nach Süden über eine Brücke über den Mühlbach auf die Dietlwiese abzweigt. Dort beginnt ab der Unterführung des bestehenden Radwegs Trostberg-Altenmarkt allmählich die Rampe hinauf in Richtung Nock, wo bergwärts zwei Fahrspuren zum Überholen langsamer Lkw vorgesehen sind. Über eine mit Lärmschutzwänden versehene Brücke über die Alz verläuft der Trassenentwurf nach Nock, wo eine Unterführung der Gemeindestraße in Richtung Trostberg-Alzchem entstehen soll.

Im Einschnitt zwischen Nock und Wimpasing hindurch geht es über die Gemeindestraße in Richtung Schilling hinweg und an Stöttling nach Pirach, wo die Gemeindestraße nach Lindach ebenfalls überführt wird. Die Strecke führt weiter nach Zieglstadl. Dort wird die Staatsstraße 2093 in Richtung Palling aus dem Weiler herausverlegt und über einen Kreisverkehr mit der Kreisstraße TS 51 in Richtung Anning sowie eine Rampe und einen Knotenpunkt samt Ampeln an die neue B 304 angebunden. Über zwei Bauwerke über den Anninger Bach und die Straße nach Daxberg erreicht man Weisham, wo die St 2104 ebenfalls mit einem Knotenpunkt samt Ampelanlage und auch die Kreisstraße TS 51 nach St. Georgen angeknüpft werden. In einem Linksbogen um den »Herrgottsberg« herum schwenkt die Straße auf die bestehende B 304 ein.

Die Knotenpunkte mit Ampeln seien klare Vorgabe des Bundesverkehrsministeriums, sagte Bernadette Wallner vom Staatlichen Bauamt auf eine Frage von Stadtrat Christian Stoib, der sich in Zieglstadl und Weisham ebenfalls Kreisverkehre vorstellen könnte. Nur in Mögling sei man aus naturschutzrechtlichen Gründen vom Regelwerk abgewichen und habe einen Kreisel vorgesehen, so Wallner. Der Flächenverbrauch für einen Kreisverkehr sei etwa doppelt so hoch wie für eine Ampelkreuzung, gab sie noch zu bedenken.

Nach dem Überflug wurden einzelne Stationen noch einmal aus der Nähe betrachtet und insbesondere die Abstände zu den Wohnanwesen beziffert – in Zieglstadl etwa 70 Meter, wobei die Bundesstraße hier im Einschnitt im Gelände »verschwinde«, so Wallner. In Anning seien es gut 230 Meter, in Reit gut 200 Meter, im dicht von Bäumen umsäumten Daxberg gut 240 Meter und in Weisham gut 50 Meter.

Von Fassungslosigkeit bis zu blankem Entsetzen

»Wir wollten nichts beschönigen oder verbergen, aber ein realistisches Bild zeigen – und keine Horrorszenarien, wie dies von unserer Gegnerschaft teilweise getan wird.« Mit diesen Worten eröffnete Wallner die ausführliche Diskussion, in der es Kritik an dem Projekt hagelte und die Reaktionen von Fassungslosigkeit bis blankem Entsetzen reichten. Widerstand, Kritik und Skepsis bei den Bürgern sind groß, in der Aussprache nutzten viele die Möglichkeit, ihren Standpunkt deutlich zu machen. Hauptkritikpunkt neben Flächenverbrauch, Lärm, Abgasen und Staub in bis dato unberührten Naturgebieten: Die beliebte Radweg-Verbindung von Stein nach St. Georgen über den »Herrgottsberg« soll gekappt werden. Radler müssten auf dem Weg zu Kirche, Friedhof, Schule und Turnhalle, aber auch zum Sportplatz in die Irsinger Au und nach Traunreut den Umweg über Weisham nehmen,gestand Bernadette Wallner vom Staatlichen Bauamt ein. Gleiches gilt für St. Georgener Landwirte, die zu ihren Feldern und Wäldern links und rechts der B 304 fahren möchten.

Zweiter Kritikpunkt: Die Pläne für die Beseitigung des Bahnübergangs in St. Georgen durch einen tiefergelegten Kreisverkehr liegen auf Eis. Dabei steht der Stadtratsbeschluss, dass Traunreut der Altenmarkt-Umfahrung nur zustimmt, wenn der neuralgische Kreuzungspunkt mit der Bahn und der Kreisstraße TS 42 in engem zeitlichen Zusammenhang umgebaut wird.

An dem Beschluss sei nicht zu rütteln, bekräftigte Bürgermeister Hans-Peter Dangschat. Das Projekt sei nicht im Bedarfsplan, trotzdem habe man die Planung für den Vorentwurf erarbeitet und auf den Genehmigungsweg gebracht, berichtete Rehm. Das Bundesverkehrsministerium habe in der Nutzen-Kosten-Abwägung aber den Nutzen noch nicht so hoch gesehen, dass die teure Maßnahme gerechtfertigt sei, weil die Bahnlinie zu schwach ausgelastet sei. Dangschat verwies aber darauf, dass die Zugtaktung massiv zugenommen habe. Für die Stadt stehe außer Frage, dass beide Projekte verknüpft werden müssten. Man nehme dies mit, es würde auch Sinn machen, aber von den Ministerien gebe es kein entsprechendes Signal, sagte Rehm dazu. Erst die Umfahrung Altenmarkt, dann die Tieflage in St. Georgen – so sei der weitere Planungsablauf kommuniziert.

»Mehr Verkehr und mehr Erschütterung«

Arnulf Erler aus St. Georgen vermisste die klare Aussage, dass der Verkehr durchs Dorf zunehmen werde, sowie auch geologische Untersuchungen. Der Herrgottsberg bestehe aus instabilem Nagelfluhfelsen, der nicht erst bei einer Tieferlegung der Straße zum Problem werden könnte. »Sie wissen nicht, wie stabil der Felsen ist, aber Sie bauen und sorgen für mehr Verkehr und mehr Erschütterungen.« Für aktive Landwirte wie Paul Obermaier ist »diese Versiegelung der absolute Horror«. Und Matthias Bauregger monierte: Mit dieser Planung »verschiebt man die Probleme von Altenmarkt nach St. Georgen, und das ist nicht in Ordnung«.

Im Vorentwurf war von 50 Millionen Euro für den zweiten Bauabschnitt die Rede gewesen, mittlerweile stehen als »Daumenwert« auf Basis von Pauschalen 75 Millionen Euro zu Buche. Zur Frage nach einem Zeithorizont konnte Rehm keine belastbaren Angaben machen. Fest stehe nur, dass man Anfang 2022 die Planfeststellung beantragen wolle. Danach sei der zeitliche Ablauf völlig offen, zumal mit vielen Einwendungen, Planänderungen und auch Klagen zu rechnen sei.

Vor der Veranstaltung hatten Mitglieder des Umweltschutzverbands Alztal gegen den zweiten Bauabschnitt der Umfahrung Altenmarkt demonstriert. Vorsitzender Reinhold Schopf kündigte an: »Wir werden alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um diesen Planungswahnsinn nicht Realität werden zu lassen.«

rse


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