Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen: Franz Obermeyer über den Kampf gegen das Coronavirus

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Bio-Landwirt Franz Obermeyer aus Tengling war kein Impfleugner, er zögerte die Covid-Impfung nur immer wieder hinaus, dachte, als »bumperl-gsunder« Naturmensch sei er weniger empfänglich. Dann landete er mit einer schweren Corona-Infektion auf der Intensivstation und musste mitansehen, wie neben ihm Patienten an Corona starben. (Foto: Delang)

Taching am See – »Ich dachte, ich bin sicher in meiner Burg. Bauer, bumperlgsund, immer an der frischen Luft, was soll mir da schon passieren?«, erinnert sich Franz Obermeyer (61) zurück. Der damals ungeimpfte Bio-Landwirt aus Tengling ist dem Tod nach einer Corona-Infektion buchstäblich von der Schippe gesprungen. 24 Tage lag er im Krankenhaus in Traunstein, zehn davon auf Intensiv – als Bettnachbar von Koma-Patienten und sterbenden Menschen. Hatte er das mit dem Virus und der Impfung einmal alles nicht so eng gesehen, so wurde er auf die harte Tour eines Besseren belehrt. Sich selbst stellt Obermeyer nur ungern in den Mittelpunkt. Weil er aber andere warnen möchte, nicht die selben Fehler wie er zu begehen, hat er dennoch mit der Heimatzeitung gesprochen.


Obermeyer ist überzeugter Demeter-Bauer der ersten Stunde, Chef von mehreren Auszubildenden und Arbeiter, ein Macher und kritischer Geist, der immer sagt, was er denkt. Auch jetzt gibt er unumwunden zu, sich geirrt zu haben: »Mei, ich war jetzt sicher kein Corona-Leugner oder Impf-Verweigerer. Mir war schon bewusst, dass da etwas ist. Aber, dass mir das was anhaben kann, daran habe ich nicht geglaubt. Wie gesagt, ich dachte: Was soll mir schon in meiner Burg, meinem Hof, passieren, was soll mich schon umhauen?«

»Nach der Ernte, da gehen wir alle zum Impfen«

Die Antwort bekam er postwendend Ende September. Davor hatten ein größerer Teil seiner Mitarbeiter und er selbst den Gang zum Impf-Termin immer wieder aufgeschoben. »Von Anfang an habe ich meinem Umfeld gesagt: Ob ihr euch impfen lasst oder nicht, das ist allein eure Entscheidung und geht keinen etwas an. Punkt. Mit der Zeit wurde mir aber schon bewusst, dass wir da nicht drumrumkommen werden. Ich hab noch meinen Buben gesagt, nach der Ernte, da gehen wir alle zum Impfen«, berichtet Obermeyer. Eine Dringlichkeit, sich den schützenden Piks abzuholen, habe er damals einfach nicht gesehen. Seine Haltung dazu änderte sich Stück für Stück ab dem Tag, als einer seiner Azubis ihm mitteilte, dass er corona-positiv sei. »Da wussten wir, okay, dann werden wir das Virus wohl jetzt auf dem Hof haben. Geht fast nicht anders, wir arbeiten ja eng beieinander, essen zusammen und so weiter.« Mit der Verzögerung weniger Tage stellte Obermeyer die ersten Symptome an sich fest. »Ich wurde schlapp, bekam Fieberschübe und heftigen Schüttelfrost. Meine ganze Wahrnehmung wurde irgendwie verschoben, alles war immer ein wenig verschwommen«, beschreibt der Landwirt seinen Zustand, der sich noch weiter verschlechtern sollte. »Ich aß mehrere Tage nichts. Das Trinken war eine Qual, aber dazu habe ich mich gezwungen, ohne Wasser geht‘s halt nicht.«

Doch irgendwann ging es auch ohne Hilfe nicht mehr. Sein Zustand schien sich nicht nur nicht zu verbessern, sondern immer weiter zu verschlechtern. Frühmorgens rief Obermeyer nach mehreren ans Bett gefesselten Tagen, schwitzend und todkrank, den Notarzt. »Das hat keine 15 Minuten gedauert, dann war der Rettungswagen da. Im Krankenhaus wurde ich zunächst ganz normal aufgenommen und untersucht.« Als die Ergebnisse vorlagen, wurde er von den Ärzten umgehend auf die Intensivstation verlegt, »weil wohl meine Lunge so verdammt schlecht ausgeschaut hat«.

Und spätestens ab da wurde dem sonst so unerschrockenen Bauern klar, dass es ernst ist.

»Die anderen lagen alle im künstlichen Koma«

»Todesangst hatte ich zwar keine. Ich hatte wirklich immer das Vertrauen, da wieder lebendig rauszukommen. Aber wenn du bei der Einweisung von einer Pflegerin mit Fragebogen in der Hand gefragt wirst, welche Eingriffe du an deinem Körper erlaubst und wann die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden sollen, dann wird dir natürlich schon anders«, so Obermeyer, der wie so viele kein rechter Freund von Krankenhäusern ist: »Ich hab das schon immer gescheut, Krankenhäuser sind der Horror für mich. Ich hab immer gesagt, wenns‘d da reingehst, kommst krank wieder raus, und bin deshalb selbst auf Besuch nur ungern hin.«

Doch bei all dem Kranksein, der Erkenntnis, dass es Spitz auf Knopf stehen könnte, und der Abneigung gegenüber medizinischen Einrichtungen: Eine Entscheidung über möglicherweise sogar Leben und Tod fällt er ganz pragmatisch, mehr in der Rolle des Chefs, als des Menschen Franz Obermeyer: »Als wir darüber sprachen, dachte ich, künstliches Koma? Das geht gar nicht. Die gingen ja gleich von mindestens drei Wochen aus, eher mehr – und so lange konnte ich doch vom Hof nicht wegbleiben. Ohne mich läuft es da doch nicht. Das war für mich undenkbar.«

Er entschied sich, bei Bewusstsein gegen das Virus kämpfen zu wollen, bekam für mehrere Tage eine, wie er sagt, »brutale« Sauerstoffmaske aufgesetzt – und Einblick in eine Realität, die er sich vorher kaum hätte vorstellen können: »Das war grob. Ich war ja der einzige Lebendige in dem Raum, wenn man so will. Die anderen lagen alle im künstlichen Koma.« Ständig habe eines der Geräte gepiepst, das die Schwersterkrankten am Leben halten sollte, was bedauerlicherweise nicht immer geklappt hat: »Ich habe miterlebt, wie jemand neben mir gestorben ist. Habe gesehen, wie brutal das ist, wenn man intubiert werden muss. Wie Pflegerinnen mit 50, 60 Kilo doppelt so schwere Leute immer und immer wieder wenden mussten, nebenher diese ganzen Schläuche und Dialysen überprüft haben. Ständig hat irgendwas nicht ganz gepasst, woraufhin eine Pflegerin gekommen ist, und das in Ordnung gebracht hat. Unglaublich.«

Generell ist er nach seinem rund 24-tägigen Krankenhausaufenthalt restlos begeistert von der Leistung seitens der Pflegekräfte und Ärzte. »Meinen allerhöchsten Respekt. Die könnten meinetwegen das Doppelte verdienen, so wie die rackern. Aber man merkt, dass sie am Limit sind. Das können selbst die Besten nicht ewig durchhalten«, so Obermeyer.

Imponiert habe ihm auch die positive Grundstimmung des Personals – trotz der großen Belastung und ständigen Konfrontation mit Tod oder schwererkrankten Menschen. »Mir ist es unbegreiflich, wie man da noch so gut drauf sein kann. Nicht nur zu mir, sondern auch untereinander.« Er habe sowieso ein sehr spezielles Verhältnis zu den Pflegern gehabt, »weil ich ja der einzige wache Patient dort war, der reden konnte, der mal a bisserl a Gaudi gemacht hat«. Dementsprechend berührend und emotional sei auch der Abschied voneinander gewesen.

Denn nach einigen Tagen am Sauerstoffgerät verbesserte sich Franz Obermeyers Zustand – langsam aber stetig. Er war über den Berg, durfte bald schon nach Hause, aber »noch jetzt ist meine Lunge angeschlagen, und ich habe eine Thrombose bekommen«.

Skeptiker sollen daheim bleiben und »Bappn halten« Aufgrund dieser Erfahrung ist er mittlerweile überzeugter Impfbefürworter: »Wenn schon nicht für euch selbst, dann geht wenigstens für die anderen zum Impfen, für die Ärzte und Pfleger, die gerade ausbluten, für das ganze System«, appelliert der 61-Jährige. Ihn ärgere auch, dass seitens der Skeptiker und Querdenker immer wieder laut nach »Freiheit« geschrien werde. »Diese Leute kapieren eine Sache nicht: Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung. Und meine Freiheit endet außerdem da, wo ich dem anderen auf die Füße steige.«

Für Diplomatie war der vielleicht manchmal etwas sture Bio-Pionier noch nie bekannt. Doch wenn er von etwas überzeugt ist, steht er kompromisslos dazu, zeigt Rückgrat und scheut sich nicht, seine Meinung mitzuteilen: »Ich sag' ganz klar, auch zu Kollegen oder anderen: Wenn du meinst, du musst dich nicht impfen lassen, dann bleib gefälligst daheim, halt die Bappn und red’ nicht auch noch gscheit daher, von Sachen, von denen du keine Ahnung hast.«

Ralf Enzensberger