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Simon Scharf (Zweiter von links) und Rebecca Berger (Mitte) aus Siegsdorf wollen Olena (rechts) unbedingt helfen. Mit im Bild sind Nachbar Jakob Schehl (links), seine kleine Tochter und Olenas 17-jährige Tochter Marina. (Foto: Berger)

Diagnose Krebs: Gastfamilie aus Siegsdorf startet Spendenaufruf für Ukrainerin

Siegsdorf – Zweieinhalb Monate wohnten die geflüchteten Ukrainerinnen Olena und ihre Tochter Marina bei Rebecca Berger und Simon Scharf in Siegsdorf. Aus Angst um den Vater und Ehemann traten sie Mitte Mai wieder den Heimweg an. Kurze Zeit später kam für die Familie der Schock: Mutter Olena hat Krebs. Nun versucht das Paar aus Siegsdorf, ihrer liebgewonnenen Freundin mit einer Spendenaktion die lebensnotwendige Behandlung zu ermöglichen.


Als Anfang März die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in den Landkreis Traunstein kamen, war für Rebecca Berger, die in Seeon aufgewachsen ist, klar: Sie wird sich gemeinsam mit ihrem Freund darum bemühen, eine der Familien in Not aufzunehmen. Schon eine Woche nachdem das Paar sich freiwillig gemeldet hatte, kam der Anruf vom Landratsamt. Es gäbe da eine Mutter mit einer fast erwachsenen Tochter, die noch eine Unterkunft suchten. Unmittelbar darauf zogen Olena (44) und Marina (17) bei ihnen ein.

»Es hat sich ganz schnell wie Familie angefühlt«

Die beiden Frauen aus der ostukrainischen Stadt Synelnykowe hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Reise hinter sich. Per Zug fuhren sie über Polen nach Frankfurt an der Oder. Nach einem Abstecher über Österreich ging es weiter über München nach Traunstein. Da Olena kein Englisch spricht, fiel ein Großteil der Organisation bei ihrer Flucht alleine der 17-jährigen Marina zu. Nach Fahrten in überfüllten Zügen, Nächten in Turnhallen mit mangelnder hygienischer Versorgung und einer sich lähmend über alles legenden Unsicherheit fanden die beiden Frauen schließlich ihr Heim in Siegsdorf.

Der schon vorher zum Gästezimmer ausgebaute Dachboden in der Wohnung des Paares sollte Mutter und Tochter als Rückzugsort bereitgestellt werden. Bald wurde aber klar, dass dieser die meiste Zeit nicht zu sehr beansprucht werden sollte. »Es hat sich ganz schnell wie Familie angefühlt«, erinnert sich Rebecca Berger. Ausflüge nach München, Salzburg, Berchtesgaden und mehr wurden, so oft es ging, unternommen. Das Miteinander war herzlich; es wurde gekocht und geredet, man schaute gemeinsam Filme an. »Sogar eine kleine Feuerstelle mit Bänken haben wir zusammen gebaut«, erzählt die Siegsdorferin. Die beiden Ukrainerinnen hätten sich sofort integriert, und bald wurde auf den Straßen schon mit einem obligatorischen »Servus« gegrüßt. Auch Kater Klaus habe die Gäste willkommen geheißen und wich ihnen bald nicht mehr von der Seite.

»Es wurde viel gelacht, aber auch viel geweint«, erzählt Rebecca Berger weiter. Tränen flossen vor allem wegen des Heimwehs und der Angst um Ehemann und Vater Sergej. Der 45-jährige Arzt blieb in der Ukraine und konnte sich nur knapp dem aktiven Kriegsdienst entziehen. Als Chirurg könne er seinem Land besser dienen, wenn er weiter die Menschen aus der Stadt sowie die verwundeten Soldaten behandle, als wenn er selbst an vorderster Front in Schützengräben verharre. So konnte er schließlich mit Erfolg gegen den Dienst an der Waffe argumentieren. Dass es nicht in erster Linie der Vater war, um den sich die Familie sorgen musste, war zu diesem Zeitpunkt noch keinem bewusst.

Zurück in die Heimat

Als Marina dann noch benachrichtigt wurde, dass sie für ihr Abitur in der Ukraine anwesend sein müsse, war für die Frauen klar, sie müssen wieder zurück nach Hause. Schweren Herzens und nach einem tränenreichen Abschied mussten Rebecca Berger und Simon Scharf ihre lieb gewonnen Gäste Mitte Mai wieder gehen lassen. Zurück in der Heimat, war für Marina Homeschooling angesagt – in einer Stadt, über die täglich Raketen fliegen und in der man ständig die Erschütterungen von Bomben spürt. In die Schule ging es meistens nur dann, wenn wieder Alarm geschlagen wurde und sich die Bürger dort in den Kellern versammelten.

Der Kontakt nach Bayern riss aber nicht ab. Am Telefon erzählte Marina ihrer ehemaligen Gastfamilie trotz allem stolz von ihren anstehenden Prüfungen in der Ukraine. Sie könne es gar nicht erwarten, fertig zu werden. Früher wollte sie immer Ärztin werden, nach dem Vorbild ihres Vaters. Jetzt will sie lieber Architektur studieren, um beim Wiederaufbau ihres Landes zu helfen. Zwar ist Synelnykowe seit einigen Wochen nicht mehr direkt angegriffen worden, die Auswirkungen des Kriegs sind aber überall sichtbar.

Der brutale Angriffskrieg ist jedoch nicht die einzige Herausforderung, mit der die kleine Familie zu kämpfen hat. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft in der Heimat wurde Olena ins Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose: Krebs in Lymphknoten und Lunge. Ein Schock, nicht nur für die Familie selbst, sondern auch für die neugewonnenen Freunde in Siegsdorf. »Auf einmal war da nicht nur die Gefahr durch den Krieg, sondern auch noch diese schlimme Krankheit«, berichtet Rebecca Berger aus Sicht der Familie.

Eine Behandlung mit vier Chemotherapien, 20 Bestrahlungen und mehreren Terminen für eine spezielle Therapie in Kiew wurde empfohlen. Die Chance einer Heilung besteht, die Kliniken hätten sogar die Kapazitäten für eine Behandlung. Jedoch funktioniert das Gesundheitssystem in der Ukraine grundsätzlich, und erst recht seit Kriegsbeginn, anders als in Deutschland. Die Kosten für eine notwendige Therapie werden nicht vom Staat oder von Krankenkassen übernommen, sondern müssen vorab in bar bezahlt werden. Eine solche Behandlung ist teuer, und die ukrainische Bevölkerung verdient selbst in guten Berufen sehr wenig Geld. Für die notwendige Therapie benötigt die Familie daher zusätzliche 13.000 Euro.

»Wir stehen in engem Kontakt«

»Als ich das gehört habe, war für mich klar: Wir müssen jetzt etwas tun«, sagt Rebecca Berger. Fest entschlossen stellte sie binnen weniger Tage ein Fundraising, also einen gemeinsamen Spendentopf mit festem Ziel, unter https://www.betterplace.me/chemotherapie-fuer-olena-aus-der-ukraine online. Neben Rebecca und Simon spendeten Freunde, Bekannte und völlig Fremde insgesamt schon über 10.000 Euro.

Die erste Überweisung an die Familie mit 5000 Euro hat die engagierte Helferin schon vergangene Woche in Auftrag gegeben. Gespendet werden kann ganz einfach über das Onlineportal. Wenn die Behandlung weitergeführt und erfolgreich beendet werden kann, wird es ein Wiedersehen geben, da ist sich Rebecca Berger sicher. »Wir stehen in engem Kontakt, aber wir würden sie einfach gerne hier in Sicherheit wissen«, sagt sie und macht sich Sorgen um die liebgewonnenen Freunde. Die Gefahr des Kriegs könne man nicht von Deutschland aus schmälern, die Gefahr der Krankheit für Olena allerdings schon.

Yannick Schmitt

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