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Ahmad Al Hamede aus Syrien gibt jeden Tag sein Bestes

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Ahmed Al Hamede (Mitte) ist frisch gebackener Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Er war Klassenbester in der Berufsschule in Traunstein. Ihm halfen sein Chef Klaus Muggenhamer (links) und Alex Wagner, der ebenfalls eine Ausbildung machte. (Foto: Müller)

Grabenstätt – Rund fünfeinhalb Jahre nach seiner Flucht ist der Syrer Ahmad Al Hamede endgültig in Deutschland angekommen. In Traunstein hat sich der 35-Jährige sehr gut eingelebt, auch beruflich läuft nun alles nach Plan. Seine dreieinhalbjährige Ausbildung einschließlich des Berufseinführungsjahrs zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik hat er mit der Gesellenprüfung – die Theorie war im Dezember, die Praxis im Februar – erfolgreich abgeschlossen. Und von seiner Ausbildungsfirma Muggenhamer, einem Fachbetrieb für Sanitär, Heizung und Klima in Erlstätt, ist er nun umgehend übernommen worden.


»Ich bin narrisch zufrieden mit ihm, das ist nicht selbstverständlich, dass jemand nach fünf Jahren so gut Deutsch kann und dass der Hansi, wie wir ihn hier bei uns nennen, mit der Note 1,7 Klassenbester in der Berufsschule war«, freut sich dessen Chef Klaus Muggenhamer. Seit der Gründung vor 61 Jahren bildet die Firma aus. »Der wollte von Anfang an, hat einen starken Willen und ist sehr fleißig und genau«, lobt Muggenhamer.

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»Wir haben uns auf die Prüfungen gemeinsam vorbereitet und ich habe ihm manche Sachen nochmals einfach erklärt, wenn es Verständnisschwierigkeiten gab«, erzählt der ebenfalls übernommene Lehrling Alex Wagner, der mit Al Hamede in dieselbe Berufsschulklasse ging. »Der Hansi hat das aber sehr gut selber gemacht«, so Wagner.

Und das verwundert nicht. Denn ein Lebensmotto von Al Hamede lautet: »Gebe dein Bestes jeden Tag«. Als seinen »besten Freund« bezeichnet er den Duden »Deutsch als Fremdsprache«, mit dem er ständig übt, um seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern. »Ich rede daheim mit mir selbst und schreibe gleichzeitig alles auf«, sagt Al Hamede, der sich in Syrien zu einem Finanzfachmann hatte ausbilden lassen. Neben Arabisch spricht er auch gut Englisch.

In Syrien droht dem Ex-Soldaten die Hinrichtung

Doch ganz befreit und unbesorgt ist er auch nach seinen schulischen und beruflichen Erfolgen nicht. Denn nach wie vor genießt er als Flüchtling nur »subsidiären Schutz«, der greift, wenn im Rahmen des Asylverfahrens weder der Flüchtlingsschutz noch die Asylberechtigung gewährt werden können und im Herkunftsland ernsthafter Schaden droht. In Syrien drohe ihm »die Hinrichtung ohne Prozess, denn ich habe 2015 Fahnenflucht begangen«, erzählt der Ex-Soldat, der bis 2015 rund fünf Jahre im syrischen Bürgerkrieg in der Armee von Diktator Baschar al-Assad gegen den IS und Rebellen gekämpft hat. Die Ungewissheit und der Druck würden ihn bei seinem Ziel, »mir hier in Deutschland eine Zukunft aufzubauen« sehr belasten. Die Kontakte zu seiner geliebten Mutter, die ihn bei seiner Flucht bis zur syrisch-türkischen Grenze begleitet habe, versuche er auf ein Minimum zu beschränken, denn »in Syrien wird man ausspioniert, der Geheimdienst hört Telefonate ab und liest WhatsApp und Messenger mit«.

Auch wenn mittlerweile rund fünfeinhalb Jahre vergangen sind, muss Al Hamede bis heute immer wieder an seine lebensgefährliche und nervenaufreibende Flucht denken, die ihn zunächst von seiner vom Bürgerkrieg gezeichneten Heimatstadt Homs quer durch Syrien in die Türkei geführt hat. »Als Zivilist und mit Hilfe von Schleusern bin ich dann auf einem kleinen Schlauchboot auf die griechische Insel Lesbos gekommen, wo ich zwei Wochen in einem Flüchtlingslager war«, kann sich Al Hamede noch heute genau an alle Details erinnern.

Auch wenn die Gefahr, von der syrischen Polizei, dem Militär oder Geheimdienst aufgegriffen und standrechtlich erschossen zu werden, endlich gebannt war, hat er nicht ahnen können, dass der »damals nach Deutschland offene Weg« noch steinig werden sollte. »Am Schlimmsten war es in Ungarn, dort sind wir wie Tiere behandelt worden«, erzählt Al Hamede mit lauter werdender Stimme, während sich sein ansonsten stets freundlicher Gesichtsausdruck abrupt ins Gegenteil verkehrt. Kurz darauf kam es nach eigener Aussage aber zu einem der schönsten Momente auf seiner Flucht.

Frauen und Männer haben uns zugewunken

»Als wir in Slowenien mit dem Zug in einen Bahnhof eingefahren sind, haben viele junge einheimische Frauen und Männer am Bahnsteig auf uns gewartet und haben uns freundlich zugewunken«, schildert er das unerwartete Erlebnis, das ihn bis heute sehr berührt. Am 13. November 2015 ist der Syrer dann nach rund einmonatiger Flucht in Deutschland angekommen und hat seine erste Nacht in München in einer zentralen Flüchtlingsunterkunft verbracht. Kurz darauf kam er als Asylbewerber in die Gemeinde Seeon-Seebruck, wo er mit anderen Flüchtlingen rund ein Jahr im ehemaligen Gasthaus Gruber Alm in Roitham lebte, später sechs Monate in Arlaching und dann in Traunstein. Mit ihm wohnte dort auch sein Bruder, der wenige Monate später nach Deutschland gekommen war.

»Es ist sehr traurig, dass ich ihn seit Beginn der Corona-Krise nicht mehr sehen konnte, er ist in Syrien Rechtsanwalt gewesen und lebt und studiert jetzt in München Jura«, so Al Hamede. Dort in Roitham, und damit schließt sich so langsam der Kreis, hat er mit den ehrenamtlichen Helfern Peter und Sonja Huber zwei ganz wichtige Ansprechpartner und Vertrauensleute gefunden, mit denen er bis heute freundschaftlich verbunden ist. »Sie sind wie Vater und Mutter für mich, und ich freue mich immer, wenn ich sie sehe«, erzählt der Mittdreißiger und erinnert sich daran, wie Peter Huber mit ihm damals eine Bewerbung für ein Praktikum geschrieben hat.

Kurz darauf kam es zu einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch bei Firmenchef Klaus Muggenhamer in Erlstätt. »Nach zwei Wochen habe ich ihn gefragt, ob ich eine Lehrstelle bekommen könnte und er hat sofort 'Ja' gesagt«, so Al Hamede. Seinem Chef ist er unheimlich dankbar, dass er ihm das alles ermöglicht hat. Das ganze Muggenhamer-Team habe ihn bei den Prüfungsvorbereitungen voll unterstützt, ihm alle benötigten Materialen zur Verfügung gestellt und wichtige Tipps gegeben.

35-Jähriger will in Deutschland bleiben

»Nach dem vielen Lernen habe ich mir zuletzt selbst eine Belohnung gemacht und mir für 700 Euro ein Fahrrad gekauft, das ich nun in Raten abbezahle«, so der frisch gebackene Heizungsbauer, der in seiner Freizeit am liebsten um den Chiemsee radelt und die herrliche Natur genießt. Doch auch zur Arbeit fährt Al Hamede, der zwar einen Führerschein, aber aus Kostengründen kein Auto besitzt, täglich mit dem Fahrrad, und das zu jeder Jahreszeit. »Selbst bei Schnee und Eis bin ich immer mit dem Rad nach Erlstätt gefahren, das härtet ab, denn ich habe schon seit drei Jahren keine Erkältung mehr gehabt«, sprudelt es aus dem Berufsoptimisten heraus.

Jetzt fehlt nur noch ein Ja: Er hofft jeden Tag darauf, verrät Al Hamede, dass er endlich die Zusage bekommt, für immer hier in Deutschland bleiben zu dürfen. mmü


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