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Stehende Ovationen gab es für »Des Kaisers neue Walzer« in der Uraufführung im Salzburger Landestheater. (Foto: Tobias Witzgall/Landestheater)

Saubere Harmonien statt lärmende Dissonanzen

Alma Deutscher begann mit zwei Jahren Klavier zu spielen, mit drei griff sie zur Geige, mit sechs schrieb sie ihre erste Klaviersonate und mit elf Jahren machte sie mit der Oper »Cinderella« auf sich aufmerksam. Nun, gerade achtzehnjährig, feierte ihre neue Oper »Des Kaisers neue Walzer« im Salzburger Landestheater als Auftragswerk Uraufführung.

Das Stück ist taufrisch, denn die Orchestrierung stand erst vor wenigen Wochen auf dem Notenblatt: Die britische Komponistin Alma Deutscher lässt nichts anbrennen. Ihr zur Seite standen kreative Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die munter im leckeren Süppchen mitrührten und zur besonderen Würze beitrugen. Zu Deutschers Kompositionen steuerte Nina Schneider passende Liedtexte bei und weil diese Oper im Sinne einer musikalischen Komödie auf unkonventionelle Art leicht elektronisch verstärkt angelegt ist, sind gesprochene Text-Dialoge (Nina Schneider, Guy und Alma Deutscher) ebenso gut verständlich wie die Gesangspartien eingängig sind.

Dieser Plan geht auf. Wie bei »Cinderella« stellt Deutscher die Musik ins Zentrum des Plots, bedient sich wieder der Erzählweise eines Märchens. In Anlehnung an Hans Christian Andersens »Des Kaisers neue Kleider« steht aber nicht ein eitler Gockel am Ende nackt da, sondern ein versnobter und machtgieriger Möchtegern-Komponist im Fokus der Lächerlichkeit missratener und Tinnitus generierender Dissonanzen. Von Walzer also keine Spur, ein Gegenwalzer eher, der chancenlos dem Charme der Walzerseligkeit unterliegt.

Bis zu seinem ohrenbetäubenden Scheitern lagen fast dreieinhalb Stunden vergnügliches Musiktheater vor dem Publikum, das an diesem Abend wirklich gar nichts missen musste. Dem ideologischen Lärmen der zeitgenössischen Neuen Musik-Strömung in der Klassik will Deutscher auf parodistische Weise Gegenwind machen, will mit schönen Melodien und sauberen Harmonien auf ihre Weise Kritik äußern.

So schrieb sie eine Liebesgeschichte zwischen zwei artverwandten musikalischen Welten, der klassischen und der Pop-Welt, hinter denen zwei Protagonisten stehen: Die Mozart-narrische Millionärstochter Leonie und der junge Gärtner Jonas, ein unvermutet talentierter Sänger und Songwriter ergänzen sich, lernen voneinander und schaffen gemeinsam Neues. Damit das Operngenre nicht verstaubt oder sein Publikum ausstirbt, braucht es genau dieses erfrischende, in Kompositionsweise und Text Erneuernde, das sich sachte dem Modernen öffnet, ohne mit seinen Wurzeln zu brechen.

Der Abend bot Feuer, Witz, Romantik, Extravaganz und glänzende Szenenarbeit der Darsteller – von den Solisten, bis zum Chor- und Kinderchor hervorragend geführte Figuren, denen im Zusammenwirken mit der Musik eines unter der Leitung von Katharina Wincor grandios spielenden Mozarteumorchesters Salzburg tatsächlich ein Novum gelang. Regisseurin Christina Piegger hat ganze Arbeit geleistet. Wohin nur horchen und blicken, bei so viel Musik, so viel Theater, Emotion, Klangharmonie und einem viel umgestaltet und immer einfallsreich ausgestatteten Bühnenbild (Laura Malmberg und Paul Sturminger)?

Bei aller Vergnüglichkeit waren in keinem Moment die gesanglichen Qualitäten zu bemängeln – ganz im Gegenteil, Opernstimmen fügten sich wunderbar in Jazz- und Pop-Klänge ein. Bald wackelte das ganze Haus vom Lachen des Publikums, das sich immer wieder mit Zwischenapplaus bedankte und den Solisten Julia Sturzlbaum als Leonie, Thomas Wegscheider als Jonas, Per Bach Nissen als Rudolf Kaiser, Anne-Fleur Werner als Theodora, George Humphreys als Professor (der Dissonanz) Swindelle, Bethany Yeaman als Elisabeth, Alexander Hüttner als Peter Rottl, Hazel McBain als Paula Malone und Yevheniy Kapitula als Oberkellner zur Höchstleistung verhalf.

»Musik gibt der Welt erst Sinn. Ohne sie bliebe die Welt nur Lärm.«, findet Leonie. Und irgendwie schwebt dieser Satz über dem gesamten Premierenabend, für den sich das spürbar beglückte Publikum mit stehenden Ovationen bedankte. Karten zu weiteren Aufführungen gibt es unter www.salzburger-landestheater.at.

Kirsten Benekam

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