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Jörg Beckmann, stellvertretender Direktor im Tiergarten der Stadt Nürnberg, sprach im »Haus der Berge« über Auswilderungserfolge. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Abenteuer Auswilderung: Bartgeier-Verstärkung für den Nationalpark

Berchtesgaden – Die Bartgeierdame Wally segelt momentan an der Watzmann-Ostwand umher, Artgenossin Bavaria im Hochschwabgebiet. Von Jörg Beckmann, stellvertretender Direktor im Tiergarten der Stadt Nürnberg, und dessen Team könnte ab Sommer selbst aufgezogene Bartgeier-Verstärkung für den Nationalpark kommen. Rund 60.000 Euro stecken in jedem Tier. Über das »Abenteuer Auswilderung« sprach er nun im Nationalparkzentrum Berchtesgaden.


Es ist ein langer Weg, bis die Kiste endlich aufgeht, sagt Jörg Beckmann. Er ist biologischer Leiter im Tiergarten der Stadt Nürnberg, mit eigenem Zuchtprogramm, das neue Vertreter teils seltener Arten hervorbringt. Bavaria und Wally sind gebürtige Spanierinnen. Im vergangenen Jahr waren sie im Nationalpark Berchtesgaden unter großem medialem Interesse ausgewildert worden. Seitdem erkunden die beiden Bartgeierdamen selbstständig den Luftraum. Im Sommer soll das nächste Bartgeier-Paar kommen. Dieses Mal könnte es aus Franken stammen.

»Auswilderungen sind die spektakulärsten Dinge, die wir im Tier- und Artenschutz kennen«, sagt Jörg Beckmann. Das öffentliche Interesse: immer enorm. Viele Politiker lassen sich dabei blicken, auch in der Bevölkerung ist der Zuspruch groß. Die Tiere sind Identifikationsobjekte. Wa­rum die gewaltige Resonanz? »Weil Auswilderungen der Beweis dafür sind, dass zuvor etwas in die Hose gegangen war und eine Art verschwunden ist.« Mittlerweile existiere eine allgemeine Einsicht zur Notwendigkeit von Zuchtprogrammen. In gewisser Weise soll dadurch das Ökosystem repariert werden, sagt Beckmann. Doch Zucht sei vor allem ein schwieriges Unterfangen – und ein teures obendrein. Der Tiergartenleiter schätzt, dass die Zucht und Auswilderung eines Bartgeiers – »mit allem Drum und Dran – rund 60.000 Euro kostet.

Nicht überall siedeln sich zuvor verschwundene Arten eigenständig neu an, »die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen dafür stimmen«. Ein Auswilderungsprogramm für Luchse? Hätte nach Jörg Beckmanns Aussage »wohl nicht geklappt«. Bereits vor 30 Jahren hatte es in Berchtesgaden den Vorstoß einer Wiederansiedlung von Luchsen gegeben. Das Projekt wurde später auf Eis gelegt. Ein Tier, bei dem die Zucht und Auswilderung hervorragend geklappt habe, sei der Alpensteinbock. »Beinahe die gesamte Population ist auf eine Auswilderung zurückzuführen«, sagt der Leiter des Nürnberger Tiergartens. Derzeit zählen Experten rund 53 000 Exemplare im gesamten Alpenraum.

Laut Beckmann seien der rechtliche Rahmen und die Vorgaben für Auswilderungen eng geschnürt. »Es gibt strikte Vorgaben, wie die Tiere zu halten sind, wie man sie züchtet und schließlich in die Natur entlässt«, sagt er. Damit verbunden ist auch ein striktes Monitoring, so, wie es derzeit etwa bei den Bartgeierdamen Wally und Bavaria vollzogen wird. Deren störanfällige Sender hatten in den kalten Monaten mit Fehlermeldungen und Verbindungsproblemen zu kämpfen, doch sowohl für den beteiligten Nationalpark Berchtesgaden als auch den Landesbund für Vogelschutz ist das Monitoring Teil des auf zehn Jahre angelegten Auswilderungsprogramms.

Jörg Beckmann sagt, dass Zuchtprogramme in drei Phasen aufgeteilt sind. In der Gründerphase geht es um das erfolgreiche Finden der Gründertiere, die etwa durch Habitatzerstörung bedroht sind. Ein Erfordernis ist, Erfahrungen zu sammeln und dabei Forschung zu betreiben. »Verlust und Frust gehören ebenso dazu.« So war etwa geplant, dass die ersten Bartgeier für den Nationalpark Berchtesgaden aus Nürnberg stammen. Allerdings: Ein Ei ging kaputt, ein zweites war unbefruchtet.

In der Wachstumsphase gelte es, Tiere routiniert zu halten und zu vermehren. »Wir setzen auf Halternetzwerke, etwa in anderen Zoos oder bei Privatleuten, die wir aufgebaut haben. Dadurch reduziert sich das Risiko, dass etwas schiefgeht.« In der Erhaltungsphase arbeiten die Verantwortlichen daran, Zielgrößen innerhalb der Art zu erreichen, um höchstmögliche Sicherheit zu erhalten, damit mit der Auswilderung begonnen werden kann. Zwischen 150 und 400 Tiere müssen gezüchtet sein. »Wer Zucht betreibt, benötigt einen langen Atem.« Ziel sei eine sich selbst erhaltende Zoopopulation.

Das Bartgeierzuchtprogramm wurde bereits 1978 gegründet. Im Jahr 2020 zählten die Verantwortlichen 178 Vögel, aufgeteilt auf 34 Zoos und weitere Privathalter. 41 Paare haben 71 Eier gelegt, 21 Tiere haben überlebt. Im Laufe von über vier Jahrzehnten konnten dadurch 585 Geier gezüchtet werden. 343 wurden tatsächlich ausgewildert. »Das ist eine super Quote«, freut sich Jörg Beckmann.

Ausgewildert werden zunächst junge, gesunde Individuen, die genetisch im Zuchtprogramm gut repräsentiert sind, sowie »weniger wertvolle, aber gut zueinander passende Vertreter«. Um die genetische Vielfalt im Zuchtprogramm erhalten zu können, sei eine große Population mit mehreren Hundert Individuen nötig.

Eine Software hilft Jörg Beckmann bei der Verwaltung. ISIS, das Internationale Arten-Informationssystem, beherbergt einen riesigen Datenfundus. Zehn Millionen Individuen sind darin gelistet. Es ist dies die größte Tierdatenbank der Welt. »Es ist wichtig, die Lebensdaten von Tieren zu erhalten«, sagt Beckmann. Auch die beiden Geierdamen sind darin aufgeführt. Dass Zoos für deren Zuchtprogramme häufig kritisiert werden, daraus macht Jörg Beckmann keinen Hehl. »Ich höre häufig den Vorwurf, dass wir halten, was nicht gefährdet ist.« Beckmann sagt auch: »Wenn eine Tierart weg ist, ist sie weg.« Wenn keine Reserve mehr da sei, sei die Funktion der Art in der Natur verloren.

Ein Beispiel, das in recht kurzer Zeit von »nicht gefährdet« zu »vom Aussterben bedroht« eingestuft wurde, ist der Europäische Feldhamster. Im Jahr 2016 war noch alles gut mit dem Bestand. 2019 galt er dann vom Aussterben bedroht. »Man kann nicht absehen, wann Tiere aussterben«, sagt der biologische Leiter des Nürnberger Tiergartens. Heutzutage ist der Feldhamster Teil der Erhaltungszucht in Zoos und wird mithilfe von Förderprogrammen wieder ausgewildert. »Die Notwendigkeit, Tiere zu erhalten, wird in Zukunft größer werden.«

Die Bartgeierdamen Wally und Bavaria haben bisher überlebt. Der Bestand im Alpenraum wächst langsam, aber sukzessiv. »Dass sich die beiden Bartgeier nicht mehr im Nationalpark Berchtesgaden befinden, genau das ist die Hauptbotschaft«, sagt Ulrich Brendel, stellvertretender Leiter des Nationalparks.

»Sie haben sich neue Lebensräume gesucht, sie sind nicht abhängig von uns geworden und finden selbst Futter.«Für die nächste Auswilderung im Nationalpark ist der potenzielle Nachwuchs schon da. Ende Februar hat eine Nürnberger Bartgeierdame zwei Eier gelegt. Ungewiss bleibt der Bruterfolg.

Der nächste Vortrag im Rahmen der traditionellen Winter-Vortragsreihe des Nationalparks Berchtesgaden findet am Donnerstag, 7. April, um 19 Uhr statt. Dann berichtet Dr. Christian von Hoermann vom Nationalpark Bayerischer Wald zum Thema »Sterben im Wald – Der Wert von Aas für das Ökosystem«.

Kilian Pfeiffer