weather-image
12°

1000 bezaubernde Abende in Riedering

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Pediküre der besonderen Art: Maria an der »Nagelfeilmaschine« ihres Vaters, eine der irrwitzigen Gerätschaften im »Himmegugga«-Theater. (Foto: Kewitsch)

Am 19. August 2006 stand der »Himmegugga« zum ersten Mal in seinem Bühnenleben in seiner sonderbaren Hütte und blickte zum Himmel hinauf. Seither hat die große Theaterfamilie rund um Elfriede und Erwin Ringsgwandl mit unendlich viel Leidenschaft, sagenhafter Euphorie und bemerkenswertem Fleiß weit über 100 000 Besucher nach Riederíng im Landkreis Rosenheim gelockt.


Vor kurzem nun konnte die 1000. Aufführung gefeiert werden: tausendmal den Zucker in der Tasse mit dem Rührautomaten verschüttet, tausendmal mit der Einseifmaschine die Rasur vorbereitet, tausendmal das Telefon nicht abgehoben und viele, viele wunderbare Szenen mehr. Elfriede Ringsgwandl hat sich ihren Lebenstraum erfüllt, das Ensemble füllt das kleine Zelt im größeren Zirkuszelt mit einer märchenhaften Atmosphäre, die Darsteller – viele sind seit der ersten Stunde dabei – sind alle ein bisschen »Himmegugga«.

Anzeige

Es ist hilfreich, wenn man Bairisch versteht und wenn man sich frei macht von der Vorstellung, was einen normalen Theaterabend ausmacht. Der Himmegugga (Der Huber Wast und der Meier Günther teilen sich die Rolle – beide sind äußerst bravourös) ist nicht im klassischen Sinne normal (doch wer definiert normal?), er ist ein wenig schrullig und sonderbar, hat Dinge erfunden, die die Welt vielleicht nicht braucht und lebt mit seiner Tochter Marie (überzeugend Maria Ringsgwandl) in seiner merkwürdigen Werkstatt. Und ihn treibt ein Rätsel um. Die Antwort kennen nur die Bewohner aus dem All, die zu kontaktieren er mit Hilfe einer seiner vielen Maschinen versucht.

Die Szenerie wechselt während der rund zwei Stunden Spieldauer kaum, doch dem Publikum werden immer neue Reize geboten. Klabautermännner, sogenannte Dachrinnsiedler, kleine gschlamperte Wesen, treiben ihren Schabernack, während der Himmegugga friedlich auf dem Kanapee grunzt. Wunderbar sonderbar ist all das. Herrlich gefährlich ist es auch für die Besucher der ersten Reihe, bekommen sie doch das Wasser und den Rasierschaum auf direktem Wege ab.

Die Geschichte, tausendmal erzählt, ist listig-lustig, melancholisch, humorig, launig, aber vor allem eines: einzigartig. Die Dialoge strotzen vor Kraft, Langeweile ist in Riedering ein Fremdwort. Die Bühnenausstattung, die Kostüme, die Darsteller: für alles gelten Superlative.

Dass sich ein Schauspieler aus dem nicht minder erfolgreichen Stück »Gsindelkind« auf der Bühne verirrte, zeigt, mit welchem Engagement alle vom Theaterteam ihren Einsatz bringen. »Ja, wos, i bin gar net dro? Ja, dann hab i heit frei?«, freut er sich und verschwindet nach seinem Kurzeinsatz durchs »Scheißhäusl« hinaus in das weite Zirkuszelt.

Tausendmal gespielt und doch zaubert die sympathische Elfriede Ringsgwandl noch eine Überraschung aus dem Hut. Das Buch »Himmegugga« mit liebevollen Illustrationen vom »Huber-Wast« gibt es seit der Jubiläumsvorstellung zu bewundern. Der Text entstammt der Feder von Elfriede Ringsgwandl, die dem »Himmegugga« somit auch auf diese Weise ein kleines Denkmal setzt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn manch einer es auch tausendmal liest. Apropos Wiederholungstäter. Nahezu jeder angesprochene Besucher gab kund, bereits mehrfach Gast im Zelt gewesen zu sein. Insofern gilt wohl auch für die nächsten Jahre das Versprechen der Gastgeberin: »Wir spuin solang, bis koana mehr kimmt.« Wir werden berichten. Udo Kewitsch