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Litauische Räuberbande mit »Residenten« und »Soldaten«

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Als europaweiter Kriminalfall mit rund 100 Bandenmitgliedern und Dutzenden überfallener Juweliere in vielen Ländern stellte sich der Fall heraus, den die Kripo Mühldorf in internationaler Zusammenarbeit klärte. Am Anfang stand ein Raubüberfall auf einen Juwelier am 5. März 2015 in Mühldorf (wir berichteten).


Bande hatte es auf teure Uhren abgesehen

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Das berichtete der 53-jährige Sachbearbeiter im Prozess der Jugendkammer Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann gegen zwei geständige 33 und 21 Jahre alte Mitglieder einer litauischen Räuberbande, die es auf teure Uhren abgesehen hatte. In Mühldorf fielen den Räubern 69 Uhren im Wert von 335 000 Euro in die Hände, in Bad Oeynhausen am 20. Januar 70 Uhren im Wert von 237 000 Euro.

Zwei Täter hatten das Geschäft in Mühldorf betreten. Einer schoss mit einer Schreckschusspistole in die Luft, schrie und hielt die Anwesenden mit der Waffe in Schach. Der zweite Mann zerschlug mit einer Axt die Vitrinen und steckte Dutzende teure Uhren in eine Tasche. Ein Dritter wartete vor der Tür, um den Fluchtweg zu sichern. Im Weglaufen zielte einer der drei mit Reizgas auf einen 51-jährigen Zeugen, der die Verfolgung der Kriminellen erst nach zwei Schüssen in seine Richtung einstellte.

Der Beamte der Kripo Mühldorf informierte, das Fluchtfahrzeug sei Richtung Osten verschwunden – über Töging und die A 94 nach Altötting, wo man es später fand. Die Ermittler fanden Zigaretten der litauischen Marke »Kent« und eine gelbe Plastiktüte, mit der die Axt transportiert worden war. Über Funkzellenauswertungen rekonstruierte die Kripo den Diebstahl des Fluchtwagens in München, die Fluchtrichtung nach dem Überfall und Handynummern weiterer Beteiligter.

Die Spuren an Zigaretten und Fluchtauto halfen, die drei am 9. Juni 2015 bei einer Polizeikontrolle in Regensburg zu überführen. Dort sollte der nächste Juwelier heimgesucht werden. Abgleiche in Polizeicomputern ergaben DNA-Treffer mit einem Überfall in Bad Oeynhausen im Januar 2015.

Die Angeklagten trugen nach Auskunft des Kripobeamten entscheidend dazu bei, die Bandenstruktur mit Hinterleuten, Auftraggebern, örtlichen »Residenten« und »Soldaten« sowie das Handlungsmuster aufzudecken. Bei einer Vernehmung im November 2015 packten die U-Häftlinge in Gegenwart von Staatsanwalt Dr. Martin Freudling und ihrer Regensburger Verteidiger, Johannes Büttner und Iris Nickl, aus.

In Litauen gezielt Leute mit Problemen angeworben

Demnach wurden in Litauen Leute mit Finanzproblemen für Straftaten in Deutschland angeworben. Erst war von Lastwagen-Diebstählen, dann von Uhrenraub bei Juwelieren die Rede – gegen 30-prozentigen Anteil. »Auftraggeber« wählten die Juweliere aus, »Residenten« spähten Tatort und Fluchtwege aus. »Soldaten«, stahlen Fluchtfahrzeuge samt zusätzlicher Kennzeichen und führten die Überfälle durch. Sie bekamen alles gestellt: Übernachtungen in billigen Hotels, Handys, Waffen, Spaltäxte und Kleidung.

Fielen »Soldaten« aus, etwa durch Festnahmen, rückten aus Litauen sofort die nächsten nach. Juweliere in halb Europa wurden zu Opfern – in der Schweiz, in Italien, Frankreich, Norwegen, Finnland, Dänemark und Deutschland. Der Juwelier in Regensburg blieb zwar Anfang Juni durch die Festnahme der Angeklagten verschont. Zwei Monate später jedoch »besuchten« ihn andere »Soldaten« aus Litauen. Auch er verlor viele wertvolle Uhren.

Aufgrund der Aussagen der Angeklagten wurden inzwischen mehrere Verdächtige festgenommen und teilweise auch schon verurteilt. Dazu der Beamte: »Es ist außergewöhnlich und sehr selten, dass 'Soldaten' auspacken.« Angeblich seien »gewaltbereite Tschetschenen« Drahtzieher der Organisation. Angesichts der Drohungen gegen die Angeklagten hatte die Jugendkammer massive Sicherheitsvorkehrungen angeordnet.

Von der nachhaltigen Traumatisierung zweier Zeugen in Mühldorf berichtete ein 47-jähriger Kripomitarbeiter. Eine 59-jährige Verkäuferin und ein 51-jähriger Passant litten seither unter den Folgen. Beide seien »im Schockzustand« gewesen. Die Frau, durch den Schuss völlig verängstigt, sei neun Tage krankgeschrieben worden. Sie habe zwar danach wieder in dem Geschäft gearbeitet, aber des Öfteren ihre Arbeit vorzeitig beenden müssen.

Zwei Zeugen treten als Nebenkläger auf

Dem 51-Jährigen erging es ähnlich: »Noch im August stand er unter dem Eindruck der Tat.« Beide Zeugen sind Nebenkläger im jetzigen Prozess, vertreten durch Opferanwalt Jörg Zürner aus Mühldorf. Weitere Zeugen im Laden – der Juwelier, zwei bis drei Angestellte und ein Kunde – waren nach Worten des Beamten keiner direkten Bedrohung ausgesetzt. Der Prozess geht am 19. Januar um 9 Uhr weiter. Mit dem Urteil wird am 20. Januar gerechnet. kd