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Eine schicksalsschwere Lektüre

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Wer die Bücher durchblättert, der blickt in unzählige junge Männergesichter. Geklärte Fälle sind mit einem blauen X markiert. Was aus den anderen geworden ist, ist bis heute unklar.
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BRK-Kreisgeschäftsführer Kurt Stemmer zieht eines der Bücher des gut 200-bändigen Werkes aus dem Regal. (Fotos: Schwaiger)

Traunstein. Eine schicksalsschwere Lektüre füllt die Regale im hintersten Eck des Rot-Kreuz-Archivs in Traunstein: Die »Vermisstenbildliste« des Deutschen Roten Kreuzes. Das mehr als 200 Bände umfassende Werk ist in den Jahren 1956/57 erschienen und half, die Schicksale Zehntausender deutscher Soldaten zu klären. Bei vielen gelang es, doch bei den allermeisten weiß man bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist.


Die Buchreihe ist eines der ältesten Dokumente, die es im Archiv des Kreisverbands des Roten Kreuzes zu entdecken gibt. Und es ist das erschütterndste. Rund 45 000 Soldaten aus dem damaligen Deutschen Reich sind darin erfasst, über deren Verbleib niemand etwas wusste. 45 000 Einzelschicksale, die Mitte der fünfziger Jahre noch ungeklärt waren.

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Die rund 600-seitigen Bücher mit grünem Einband haben einen modrigen Geruch, die Seiten sind vergilbt. Beim Durchblättern blickt man in die Gesichter unzähliger junger Männer. Viele haben noch kindliche Züge. Fast alle tragen Uniform. Ob Gefreiter oder Unteroffizier, ob Mechaniker oder Musiker, ob Rheinländer oder Bayer – das macht hier keinen Unterschied.

»Die Bände sind nach Truppenzugehörigkeit sortiert«, weiß die zuständige BRK-Mitarbeiterin Irmi Ditsch. Foto, Name, Beruf, Geburtsdatum, Wohnort, Dienstgrad – das ist die Maximalinformation, die in den Büchern zu jedem einzelnen Soldaten vermerkt ist. Oft fehlen eine oder mehrere Angaben. Irmi Ditsch ist schon seit den sechziger Jahren beim Roten Kreuz, erinnert sich noch, als ihre Vorgängerin mit den Bänden – sie waren an alle Kreisverbände des Deutschen Roten Kreuzes gegangen – in die Wirtshäuser im ganzen Landkreis gefahren ist, um mit den Heimkehrern zu sprechen. Sie konnten oft dabei helfen, das ein oder andere Schicksal zu klären.

Nur wenige Schicksale ließen sich klären

Mit einem blauen X stempelten Rot-Kreuz-Mitarbeiter in ganz Deutschland damals die Männer ab, deren Verbleib sich klären ließ. Auf manchen Doppelseiten sind vier, fünf Kreuze zu finden, auf anderen kein einziges. Wie viele Schicksale ungeklärt blieben, lässt sich nur erahnen, wenn man weiß, dass jede Doppelseite 40 vermisste Soldaten zeigt.

Immerhin: Noch heute, 67 Jahre nach Kriegsende, lassen sich vereinzelt Vermisstenfälle aus dem Zweiten Weltkrieg aufklären. In den gut zehn Jahren, in denen Irmi Ditsch den Suchdienst für den Kreisverband betreut, waren es um die zehn. Erst im vergangenen Jahr bekamen die Verwandten eines Weltkriegssoldaten aus Emertsham (Gemeinde Tacherting) Gewissheit: Sein Skelett war bei Bauarbeiten in Russland ans Tageslicht gekommen. »Durch die Erkennungsmarke, die die Männer damals trugen, konnte man den Mann identifizieren«, so Irmi Ditsch.

»Das muss ein gigantischer Aufwand gewesen sein«

Das Rote Kreuz war nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Anlaufstelle für Menschen, die jemanden vermissten. Nach Kriegsende trugen die oft ehrenamtlichen Mitarbeiter auf Karteikarten unzählige Daten zusammen. »Wie mühsam das gewesen sein muss, sieht man auch daran, dass die Vermisstenbildliste über zehn Jahre nach Kriegsende erschienen ist«, sagt Kurt Stemmer, Geschäftsführer des BRK-Kreisverbands Traunstein. »Das muss ein gigantischer Aufwand gewesen sein.« Heimkehrer, Soldatenbriefe – alles, was die Rot-Kreuz-Mitarbeiter bekamen, werteten sie aus und nahmen es in ihre Kartei auf. In München und Hamburg liefen die Fäden zusammen, dort entstand das 200-bändige Werk.

»Das ist zum Teil Detektivarbeit«, sagt Stemmer – und spricht nicht ohne Grund auch für die Gegenwart: Der Suchdienst des Roten Kreuzes hat es auch mit aktuellen Fällen zu tun, »zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Jugoslawien-Konflikt«.

Inzwischen sind sämtliche Daten digitalisiert. Die alten vergilbten Bücher aus den fünfziger Jahren sind nur noch ein erschütterndes Zeitdokument und stumme Mahnung. Sandra Schwaiger