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»Tierschutzskandal im Allgäu ist kein Einzelfall«

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Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen den Betreiber dieses Hofes im Allgäu wegen Tierquälerei. Mehr Personal, mehr und unangekündigte Kontrollen fordert Tierschützerin Neffy Marzouk aus Bergen von der Tierschutzorganisation »Animals United«.

Bergen – Der Fall des unter Tierquälerei-Verdacht stehenden Landwirts im Allgäu, in dessen Betrieb in den letzten fünf Jahren etwa jedes fünfte Kälbchen gestorben sein soll, »ist beileibe kein Einzelfall«, sagt die Bergener Tierschützerin Neffy Marzouk. Auch im Landkreis Traunstein soll ein großer Landwirt seit Jahren gegen Tierschutzgesetze verstoßen.


Es sei ein bundesweites Problem, dass Tiere in einigen landwirtschaftlichen Betrieben misshandelt und gequält würden, sowohl in der industrialisierten Landwirtschaft, als auch in mittleren und kleineren Betrieben.

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Deshalb fordert Marzouk gemeinsam mit anderen Tierfreunden der Tierschutz-Organisation »Animals United« mit Sitz in München wirksamere Kontrollen. Bei Tierrechtsverstößen dürfe es keine Anmeldung des Amtstierarztes geben.

»Härteres Durchgreifen wäre wichtig«

»Wichtig wären ein härteres Durchgreifen der Landratsämter mit Tierhalte-, Betreuungs- und Tiertransportverboten, Sachkundenachweise für Tierhalter, das Ausweiten der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen auf rinderhaltende Betriebe, die Abschaffung der Anbindehaltung, EU-Subventionen nicht nach Masse, sondern nach Klasse zu vergeben und vor allem härtere Gerichtsurteile bei Tiermisshandlungen«, sagt Marzouk.

Auch der Traunsteiner Amtstierarzt Jürgen Schmid spreche in einem Bericht der Bayerischen Staatszeitung in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Landesverbands der beamteten Tierärzte Bayerns von absolutem Personalnotstand. Der Personalbestand sei in den letzten 10 bis 15 Jahren etwa gleich geblieben, aber die Aufgaben seien stetig mehr geworden – neben neben Tierschutzkontrollen gehören zum Aufgabengebiet der Veterinäre die Tierseuchenbekämpfung, die Tierkörperbeseitigung, Tierarzneimittelkontrollen, Cross Compliance-Kontrollen und der gesundheitliche Verbraucherschutz.

In Bayern erhielten Tierhalter laut Bundeslandwirtschaftsministerium statistisch gesehen alle 48 Jahre Besuch vom Amtsveterinär, zitiert Marzouk das Bayerische Verbraucherschutzministerium. Sie selbst betreue Verfahren gegen Landwirte im Landkreis Traunstein. »Einer der schlimmsten Fälle in unserem Landkreis Traunstein ist ein millionenschwerer Landwirt, der seit Jahren gegen jegliche Tierschutzgesetze verstößt«, sagt sie.

Schlimmer Fall auch im Landkreis Traunstein

Selbst Schlachthöfe hätten ihn angezeigt, weil er mit schwer verletzten und schwer kranken Tieren im Schlachthof ankam. »Krankschlachtungen sind verboten«, so Marzouk weiter. »Das waren keine Verletzungen, die auf der Fahrt zum Schlachthof entstanden sind, sondern bereits lang bestehende und schmerzhafte Verletzungen wie Knochenbrüche und eitrige Infektionen.«

Es habe bereits mehrere Verfahren wegen Tiermisshandlung gegen ihn gegeben, aber die seien gegen Geldauflagen eingestellt worden. »Da lacht der doch drüber, da er sehr vermögend ist.« Da er unbelehrbar sei und seine Tierrechtsverstöße nicht beende, werde sie jetzt alle Register ziehen, um endlich ein Tierhalteverbot gegen ihn zu erwirken. »Tiere sind Lebewesen und keine Milchmaschinen und haben Rechte, nämlich Paragraf 17 Tierschutzgesetz: man darf ihnen nicht aus Rohheit erhebliche Schmerzen, Leiden, länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen zufügen.«

Wegen des Tierschutzskandals im Allgäu werde es am heutigen Donnerstag eine Sondersitzung im Umweltausschuss im Bayerischen Landtag geben. An den bayerischen Landratsämtern habe sich zuvor kaum etwas getan: 2008 gab es dort 275 Stellen für Amtsveterinäre, Anfang 2018 waren es 11 mehr. So gehe es heute um ein funktionierendes Kontrollsystem zur Überwachung von Großbetrieben und die Überlastung von Amtsveterinären, sagt Marzouk.

Die Macht liegt beim Verbraucher

Bei all den Vorwürfen zeigt die Tierschützerin auch Verständnis für die Landwirte: »Es gibt glücklicherweise auch vorbildliche und gute Landwirte!«. Die Schuld an Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft liege nicht bei den Bauern, sondern beim System. Dabei könne die Macht der Konsumenten die Welt verändern. »Es wird Zeit, dass wir die Ladenkasse zur Wahlurne machen. Der heutige Konsument kann entscheiden, welchen Produktionsbedingungen und Geschäftsmodellen die Zukunft gehört – und welchen nicht.« Aber das System des Wegschauens müsse endlich ein Ende haben, sagt Neffy Marzouk.

Jürgen Schmid, Leiter des Veterinäramts am Landratsamt Traunstein, sagt dazu: »Natürlich kontrollieren wir unsere Landwirte. Beschwerden gehen wir konsequent nach«, widerspricht er Marzouk. »Wenn natürlich mehr Kontrollen gewünscht sind, brauchen wir auch das hierfür erforderliche Personal.« Landratsamt und Staatsanwaltschaft prüften in strittigen Fällen, was zu tun ist. »Letztlich entschieden dann oft Gerichte«.

Im Gegensatz zur Meinung mancher Tierschützer täten Geldstrafen den Betroffenen durchaus weh. »Wenn der zu 50 oder 60 Tagessätzen verurteilt wird, richtet sich die Höhe der Tagessätze ja nach dem Einkommen. Aber das sind nun mal die rechtsstaatlichen Prinzipien, an die hat man sich zu halten«. Zu diesen Prinzipien gehöre es auch, mit Blick auf den Fall im Allgäu die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abzuwarten: »Wenn diese Taten beweisbar sind, müssen sie auch entsprechend geahndet werden.«

Mit illegal angebrachten Kameras sehe man natürlich mehr als bei – im Übrigen in der Regel unangekündigten – Kontrollen. Kontrollen würden nur dann angekündigt, wenn man beispielsweise bei einem Nebenerwerbsbetrieb oder privaten Tierhaltungen niemanden angetroffen habe.

Warnung vor Generalverdacht

Schmid wendet sich dagegen, aus dem Fall im Allgäu einen Generalverdacht gegenüber der heimischen Landwirtschaft abzuleiten: »Wir haben im Landkreis etwa 95 bis 97 Prozent tiergerecht arbeitende Betriebe. Die Landwirte setzen sich oft mit viel Herzblut 365 Tage im Jahr rund um die Uhr für ihre Tiere ein. Klar ist aber: Wenn es in Einzelfällen Missstände gibt, muss im Sinne des Tierschutzes und der Tiergesundheit natürlich konsequent gehandelt werden.« coho