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20 Meter lang und acht bis zehn Tonnen schwer – Teisendorfer baut Wikingerschiff nach

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Dieser Drachenkopf wird den Bug des Schiffs schmücken.

Teisendorf – Bis unter die Decke stapeln sich Unmengen von Holz. Material, das Stefan Sondermann über Jahre mühevoll gesammelt hat. Seit rund sieben Jahren baut er nämlich an seinem Kindheitstraum, ein Gokstad-Schiff – ein Wikingerschiff aus dem frühen 9. Jahrhundert.


»Schon als Kind hat es mich fasziniert, wie schnittig und elegant das Schiff aussieht«, erzählt Sondermann im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Man merkt direkt, wie angetan er von der Schiffbautechnik der Wikinger ist. Eine Abbildung von seinem »Traumschiff« entdeckte er als Kind in einem Buch. Schon damals entstand der Entschluss, ein solches Schiff zu bauen, sagt er. Doch bis zum Baubeginn vergingen Jahre.

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Nach der Schule hat Sondermann eine Lehre zum Maurer begonnen, seiner Ausbildung zum Bautechniker schloss er ein Architekturstudium in Aachen an. Der Liebe wegen kam er ins Berchtesgadener Land, nahm zuerst verschiedene Renovierungsaufträge in der Region an und zeichnete 2012 erste Pläne zu seinem Wikingerschiff. Ein Jahr später begann er dann mit dem Schiffsbau.

Rund 20 Meter lang und acht bis zehn Tonnen schwer soll das Schiff werden. Dafür musste Sondermann erstmal die richtige Werkstatt finden. »Ich hatte immer wieder unheimlich Glück«, sagte der 55-Jährige rückblickend. Mitten im Ortszentrum von Teisendorf mietet er – gerade groß genug für sein Wikingerschiff – für wenig Geld eine alte Scheune.

In den ersten Jahren baute er nur nach Feierabend und an den Wochenenden an seinem Schiff. »Die Belastung war zu dieser Zeit sehr groß, ein Wunder, dass ich die Faszination dabei nicht verloren habe«, erzählt er. Um genügend Zeit für sein Schiff zu haben, arbeitet er nur an ein paar Tagen unter der Woche für verschiedene Firmen am Bau oder als Zimmerer. Das ganze Geld, das er dabei verdient, steckt er in das Schiff.

Zum Leben braucht der Teisendorfer nicht viel. Eine eigene Wohnung hat er nicht, deswegen hat er sich in der alten Scheune wohnlich eingerichtet. Einen kleinen Raum hat er von der restlichen Scheune abgetrennt, dort ein Waschbecken eingebaut sowie ein kleines Bett mit Schrank hinein gestellt. Im Winter sorgt ein kleiner Ofen für wohlige Wärme.

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Ein echtes Wikingerschiff entsteht in einem alten Stadel im Ortszentrum von Teisendorf. Rund zwei Jahre wird Stefan Sondermann noch brauchen, bis er damit in See stechen kann. (Fotos: A. Hauser)

Den Großteil der Scheune nimmt aber das Schiff in Anspruch. Ist man bei Sondermann zu Besuch, muss man unter dem Schiffskörper »durchschlupfen«, um auf die andere Seite des Raums zu kommen. Alles was er für den Bau braucht, hat er sich selbst beigebracht. Er probiert viel aus und testet auch immer wieder Neues. Auf die Frage, wie man bei einem Schiffsbau überhaupt anfängt, antwortet er: »Zuerst mit dem Kiel und den Spanten.« Der Kiel ist das Unterteil des Schiffs, ein Längsbalken, an dem die sogenannten Spanten, also die »Bootsrippen« angebracht werden. An den senkrechten Spanten werden dann die langen Planken angebracht.

Die Spanten und Planken bestehen aus Eichenholz. »Das haben auch die Wikinger benutzt«, erklärt Sondermann. Es eignet sich für den Schiffsbau besonders, weil es widerstandsfähig, aber dennoch flexibel ist. Die Bäume, aus denen Sondermann später die Planken schneidet, hat er selber ausgesucht. Dazu geht er in den Wald und verhandelt mit den Eigentümern.

Er braucht vor allem hoch und gerade gewachsene Bäume, im Idealfall reicht eine Planke nämlich vom Bug zum Heck. Solche Bäume sind allerdings sehr selten, so der Teisendorfer. Für Bug und Heck benötigt Sondermann besonderes Eichenholz. Es muss so gewachsen sein, dass das Boot am Ende die für ein Wikingerschiff charakteristischen Spitzen an beiden Seiten hat.

»Ich bin zu 80 Prozent fertig«, sagt Stefan Sondermann. Schaut man sich in der Schiffswerkstatt um, entdeckt man weitere Teile des Schiffs. Hinter mehreren Brettern versteckt schaut der Drachenkopf, der den Bug des Schiffs schmücken soll, hervor. Fertig ist auch das Gegenstück, der Schwanz des Drachens, der am Heck angebracht wird. Auch das Steuerruder und die Ruderklappen haben schon ihren letzten Schliff bekommen. Letztere hat Sondermann aus alten Türen und Wirtshaustischen angefertigt.

Eine sogenannte Persenning, eine Art Abdeckung, soll das Schiff später mal vor Regen schützen. Auch der zehn Meter hohe Mast aus Lärchenholz ist fertig. Welches Segel das Schiff dann später mal hat, weiß er noch nicht. Auf jeden Fall soll es weiß-rot gestreift sein.

Doch allein mit dem Segel wird sich später das Boot nicht fortbewegen können, erklärt Sondermann. Zusätzlich baut der 55-Jährige noch einen Motor ein. »Ohne Motor kann man kaum in einen Hafen einfahren«, erklärt er.

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Gerade noch passt das Schiff in die Scheune. Das Foto zeigt den Bug des Boots.

Neben dem Motor als Antriebsmittel hat das Schiff aber noch weitere Details, die das Vorbild nicht aufweist: So hat der Schiffsbauer die Planken beispielsweise nicht mit Nieten fixiert, sondern mit Schrauben, damit er das Schiff wieder auseinanderbauen kann. Auch die Dichtung zwischen den Planken besteht nicht aus in Teer getauchtem Tierhaar, sondern aus einer Silikon-Kautschuk-Schnur. Sondermann erklärt dazu: "Ich möchte mich soweit, wie es geht an dem Original orientieren, aber das Schiff auch technisch weiter entwickeln".

In circa zwei Jahren möchte der Teisendorfer fertig sein. Davor muss er das Boot aber noch einmal auseinanderbauen, lackieren und zum Transport verpacken. Stefan Sondermann hat nämlich die Reiselust gepackt, ihn zieht es an das Mittelmeer nach Kreta oder vielleicht nach Kroatien. Genaue Vorstellungen hat er aber noch nicht. Am Ende kommt alles so, wie es kommen muss, sagt der Teisendorfer.

Mit dem Wikingerschiff erfüllt er sich nicht nur einen Kindheitswunsch, sondern auch den Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Die möchte Stefan Sondermann mit seinem Schiff ausleben – wie ein echter Wikinger eben. aha

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