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»Wir müssen einfach alle ein bisschen verzichten« - Im Gespräch mit Reinhold Messner

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»Der Verzicht, nicht der Konsum, ist der Schlüssel zum Glück«, sagt Reinhold Messner. Der Extrem-Bergsteiger glaubt übrigens nicht, dass die Menschen aus der derzeitigen Corona-Krise etwas lernen werden. (Foto: Brenninger)

1978 erreichte er zusammen mit Peter Habeler ohne Sauerstoffgerät den Gipfel des Mount Everest. Er bezwang als erster Mensch die 14 höchsten Gipfel der Welt und schaffte 100 Erstbegehungen: Der Südtiroler Reinhold Messner hat beim Bergsteigen Extreme gewagt wie kein anderer. Und er polarisiert auch heute noch genauso wie früher. Mit 75 Jahren bereitet er nun sein Erbe vor, wie er selbst sagt – und will dazu noch einmal etliche Vorträge rund um den Globus halten. Dabei geht es ihm vor allem auch darum, »das traditionelle Bergsteigen am Leben zu erhalten«. So wie es einst Paul Preuss, der Pionier des Freikletterns, und später Messner dann eben selbst gelebt haben.

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Im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung spricht Reinhold Messner auf seinem Museumsareal in Sigmundskron bei Bozen aber nicht nur über Paul Preuss, sondern auch über die Coronavirus-Pandemie und warum es aus seiner Sicht so wichtig wäre, dass die Menschen lernen, auch einmal auf etwas zu verzichten.

Paul Preuss, der von 1886 bis 1913 gelebt hat, gilt als einer der geistigen Väter des Freikletterns. In Ihrem Buch »Der Philosoph des Freikletterns – Die Geschichte von Paul Preuss« würdigen Sie seine Leistungen. Was fasziniert Sie an Paul Preuss, Herr Messner?

Paul Preuss ist für mich ein Vordenker. Ich schätze ihn nicht nur wegen seiner bergsteigerischen Fähigkeiten, sondern auch, weil er ein sehr genauer Schreiber, ein guter Literat und ein Denker war. Er konnte auch sehr witzig schreiben, das kann heute niemand mehr.

Wann sind Sie das erste Mal auf Preuss gestoßen?

Als ich ein junger Kerl war, bin ich viel in den Dolomiten geklettert und habe dabei auch viele Preuss-Touren wiederholt. Da wusste ich aber noch keine Hintergründe. Im deutschen Sprachraum wurde Preuss ja auch durch die Nationalsozialisten an den Rand gedrängt. Die deutschen Bergsteiger wollten nicht einen Juden haben, der das Bergsteigen wesentlich bestimmt hat. In Italien aber hat man Paul Preuss nicht vergessen, da wurde er sehr geschätzt. Ich habe dann das Buch von Severino Casara über Paul Preuss gelesen. Da habe ich erkannt, was da dahintersteckt und dann habe ich eben mein Buch über ihn geschrieben.

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Um was geht es in Ihrem Buch hauptsächlich?

Es ist seine Biografie. Ich habe dabei vor allem seine philosophischen Artikel in den Mittelpunkt gestellt. Wenn man das Buch liest, wird klar, dass er von vielen traditionellen Bergsteigern der Vorläufer gewesen ist, auch meiner. Ich habe jetzt auch weitere, neue Unterlagen gefunden, die das Ganze, was wir bisher wissen, ergänzen. Ich bin deshalb auch dabei, eine Neuauflage des Preuss-Buchs zu machen. Und ich habe hier in meinem Museum auf Sigmundskron auch einen Raum für Paul Preuss eingerichtet.

Da ist es also fast logisch, dass Sie der Ehrenvorsitzende der Paul-Preuss-Gesellschaft sind und auch als Erster den Paul-Preuss-Preis der Gesellschaft 2013 erhalten haben?

Ich bin kein Gesellschafter und auch kein Vereinsmensch. Ich bin auch aus dem Alpenverein schon vor vielen Jahren ausgetreten, weil ich generell keine Vereinsgruppen mag. Die Paul-Preuss-Gesellschaft ist aber in Ordnung.

Werden die Werte von Paul Preuss Ihrer Meinung nach heute noch geschätzt?

Ich finde, wenn wir alle eine Haltung hätten wie Paul Preuss, dann wäre das Bergsteigen heute anders. Das Bergsteigen verliert mehr und mehr die traditionelle Ausrichtung. Es ist also nicht mehr das Gleiche wie am Anfang, aber die Anfangswerte sind schon noch immer drin.

Was stört Sie am heutigen Alpinismus am meisten?

Man glaubt, das Bergsteigen sicher machen zu können. Ich kann aber nur ein Bergsteigen sicher machen, das keines mehr ist. Weil wenn ich von einem Berg nicht mehr herunterfallen kann, dann fallen auch keine Steine mehr herunter, und es gehen auch keine Lawinen mehr ab. Aber dann ist ein Berg eben kein Berg mehr, sondern er wird zur Attrappe. Und das ist das, was die Alpenvereine wollen. Um möglichst viele Mitglieder zu haben, sind sie bereit, die Berge so zu präparieren, dass nichts mehr passieren kann. Das ist ein lobenswertes Bemühen. Aber der Berg muss dafür geopfert werden. Daran scheiden sich jetzt natürlich die Geister. Die Verfechter des sicheren Bergsteigens setzen sich aber auch gar nicht auseinander mit einem Paul Preuss oder einem Wilhelm Welzenbach oder mit mir, aber das müssen sie ja auch nicht.

Sind die Erfolge der heutigen Spitzenkletterer noch so viel wert wie die Leistungen von Paul Preuss oder von Ihrer Generation?

Nehmen wir Alex Honnold her. Er ist jetzt eine sehr schwierige Route am El Capitan free solo geklettert. Das ist wie Preuss 1911 an der Guglia. Nur die Schwierigkeiten sind heute eben um ein Vielfaches höher. Er hatte im Vergleich zu Preuss auch nur Kletterschuhe und Magnesium neu dabei. Das andere ist genau gleich wie bei Preuss. Das ist heute nur möglich, weil er viel besser trainieren kann als früher. Weil er sich natürlich auch mit Fachleuten zusammensetzen und beispielsweise die Ernährung absprechen kann.

Für Sie selber gab es jetzt im August ein Jubiläum zu feiern: Am 20. August 1980 haben Sie im Alleingang den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff erreicht. Denken Sie oft an diesen Tag zurück?

Ich hätte es völlig vergessen, wenn nicht die halbe Welt mich deshalb angerufen hätte. Ich finde, dass 40 Jahre kein besonderes Jubiläum sind. Ich habe heuer immer wieder über die Nanga-Parbat-Expedition von 1970 geredet und einen Film dazu vorbereitet. Das sind 50 Jahre und das ist eine lange Zeitspanne. Da hat sich wirklich einiges getan. Ich habe auch nichts dagegen, wenn in zwei Jahren 50 Jahre Manaslu abgefeiert wird. Ich kann aber nicht jedes Jahr irgendwas feiern, das wird ja langsam peinlich.

Die Bilder vom Mount Everest, als die Bergsteiger vor dem Gipfel Schlange standen, gingen im vergangenen Jahr um die Welt. Was sagen Sie dazu?

Das Massenbergsteigen am Everest? Das ist Tourismus! Der Berg wird präpariert für Massenaufstiege – wie ein Wanderweg oder wie eine Skipiste. Dann werden die Menschen eben über diese Piste, die Lager hat, in denen es Ärzte gibt, nach oben geführt. Sie sind mit Handys und GPS ausgerüstet. Es gibt heute im Basislager sogar Sahne! Das hat nichts mehr mit Verzichtsalpinismus zu tun, wie ihn Paul Preuss eingeleitet hat und wie ich ihn dann weitergeführt habe. Ich nenne das jetzt Pistenalpinismus.

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Gehört diese Art von Alpinismus verboten?

Der Tourismus im Himalaya ist eine Notwendigkeit. Diese Massenaufstiege sind für die Sherpas ein Segen, sie leben davon. Dennoch: Die heutigen Everest-Besteiger – 99 Prozent davon – würden keine 100 Meter weit gehen, wenn sie das in Eigenregie machen müssten. Dann würden sie ersticken an der eigenen Angst.

Blutet Ihnen bei diesem Massentourismus am Mount Everest also das Herz?

Ich beobachte das nur. Ich habe jetzt auch gerade ein Buch veröffentlicht. Es heißt »Briefe aus dem Himalaya«. Darin beschreibe ich, wie sich das Bergsteigen dort verändert hat. Ich habe darin Briefe von früher zusammengestellt und dann kommen am Ende eben noch ein paar Posts von den heutigen Bergsteigern dazu, die das jetzt schreiben und dann hat es gleich die ganze Welt. Die Posts klingen ganz anders wie die Briefe, die wir damals geschrieben haben. Bei uns waren die Briefe die einzige Möglichkeit der Kommunikation.

Damit wird sehr deutlich, wie sich das Bergsteigen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat...

Ja, und ich fühle mich verpflichtet, das Narrativ am Leben zu erhalten, was das traditionelle Bergsteigen betrifft.

Sie haben jetzt auch mit »Layla im Reich des Schneekönigs« Ihr erstes Kinderbuch herausgebracht. Was hat Sie dazu bewogen?

Das Kinderbuch habe ich schon 1982 nach einer Expedition geschrieben. Damals war kein Verleger interessiert daran und ich habe es ad acta gelegt. Ein italienischer Verleger hat mich jetzt angerufen. Er hatte meinen Text von damals zufällig noch bei sich liegen und nun wurde es eben veröffentlicht. Es sind ganz einfache von Kindern nachlesbare Geschichten – natürlich haben sie einen Umwelthintergrund.

Ihre Aussage »Der Verzicht, nicht der Konsum, ist der Schlüssel zum Glück« ist gerade in diesen unruhigen Zeiten sehr treffend...

Wenn wir aus der Krise, die wir jetzt haben, wieder herauskommen wollen, dann muss der Verzicht als selbstständige, gewollte und positive Aktion von uns allen getragen werden. Wir haben einen viel zu hohen Konsum. Wir müssen einfach alle ein bisschen verzichten – vor allem die, die zu viel haben. Das meine ich nicht nur steuerpolitisch, das meine ich generell.

Glauben Sie, dass die Menschen aus der Corona-Krise etwas lernen werden?

Ich bin da eher skeptisch. Wir sehen es beispielsweise im Tourismus. Wir haben nicht die Kraft gehabt, das Ganze so zu organisieren, dass die ganze Hektik und die ganze Aggression runtergeschraubt werden. Jetzt sind etwa die Pässe in den Dolomiten wieder überlaufen und es ist einfach furchtbar laut dort. Ich bin der Meinung, die Politiker müssten jetzt den Mut haben, Rahmenbedingungen vorzugeben, die es möglich machen, entschleunigt, still und vor allem ohne Aggressionen das alles genießen zu können.

Aber nicht nur die Politiker sind jetzt gefordert, jeder einzelne von uns müsste jetzt seinen Beitrag leisten.

Wenn wir Bürger dazu nichts beitragen, dann kann das nicht gelingen. Wir Bürger müssen neue Werte erfinden – und einer dieser Werte ist eben der Verzicht.

Sie wollen jetzt mit Ihrer »Final Expedition« rund um die Welt Ihr Verständnis vom Bergsteigen und Ihren Appell zum Respekt für die Berge weitergeben. Warum ist Ihnen das ein Bedürfnis?

Ich sehe das als eine Art Erbe-Übergabe. Mein Erbe ist eine bestimmte Haltung den Bergen gegenüber. Durch meine vielen Bücher und meine vielen Studien – es ist ja nicht so, dass ich die Bücher aus dem Ärmel schüttele – ist für mich eine klare Haltung zum Thema Berg entstanden. Und das ist mein Erbe, das möchte ich gerne weitergeben. Wenn ich das nur für mich behalten würde, dann hat niemand etwas davon.

Was hat sie am meisten am Bergsteigen fasziniert?

Ich bin der Meinung, dass uns der Alpinismus die stärksten Emotionen für unser Leben schenkt. Das Bergsteigen war zu Preuss- Zeiten eine reine alpine Angelegenheit. 90 Prozent der Kletterer heute klettern nur in der Halle – das ist auch ein großartiger Sport, aber es ist eben nicht Alpinismus. In der Kletterhalle kann ich aus der Wand springen und dann werde ich runtergelassen. Aber es ist eben nicht das Gefühl, wenn ich 1000 Meter geklettert bin und dann kommt ein Wettersturz, und dann weiß ich nicht, ob ich es überlebe oder nicht. Zur wesentlichen Erfahrung gehört die Möglichkeit zu sterben. Dann wird uns erst klar, wer wir sind und angesichts des Todes wird das Leben absurd. Die Kunst dabei ist, nicht umzukommen.

Klettern wird 2021 in Tokio auch erstmals olympisch werden. Ein Gedanke, der Ihnen dann wohl auch sehr widerstrebt.

Das gehört auch dazu. Aber das ist dann eben weit weg von dem, was Paul Preuss wollte. Er wollte keine Regeln. Die großen Erfahrungen bekomme ich eben nur beim traditionellen Bergsteigen. Die Fähigkeit Fußstapfen zu nutzen, hat nichts mit der Kunst zu tun, Berge zu besteigen.

Stephanie Brenninger